Recycling um des Recyclings Willen?

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Die separate Sammlung von Abfällen, insbesondere auch Bioabfällen, ist Grundvoraussetzung für hochwertiges Recycling. [Foto: dpa]

Europa ist mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. In einer Generation, im Jahr 2050, werden 9.7 Milliarden Menschen auf der Erde leben, wobei besonders bedeutend ist, dass die Mittelklasse von 1.8 auf 4.9 Milliarden bis zum Jahr 2030 ansteigen wird. Dies ist ein wesentlicher Treiber für verstärkten Ressourcenbedarf.

Europa als rohstoffarmer Kontinent und weltgrößter Nettoimporteur von Rohstoffen ist bei dem Wettbewerb um Rohstoffe davon besonders betroffen. Außerdem kommen kritische Rohstoffe in wenigen und instabilen Ländern vor, dies bedeutet letztlich Unsicherheit für unsere Versorgung mit Rohstoffen sowie eine massive Abhängigkeit von Preisschwankungen. 97 Prozent der Seltenen Metalle, die für moderne Technologien unabkömmlich sind, befinden sich in China. Allein seit dem Jahr 2000 haben wir einen exorbitanten Anstieg von Rohstoffkosten erlebt. So ist das knappe Hi-Tech-Metall Neodym von 25.000 Dollar im Jahr 2005 auf 700.000 Dollar im Jahr 2012 gestiegen. Es wird für Elektromagneten in Offshore-Windrädern benötigt oder auch für Elektro-PKWs.

Mit Hilfe des Recyclings können wir jedoch dafür sorgen, dass die erforderlichen Rohstoffe Europa auch langfristig zur Verfügung stehen. Es verlängert die Reichweite der Primärressourcen, verbreitert die Versorgungsbasis der Wirtschaft, reduziert die geopolitische Abhängigkeit von wenigen Ländern sowie Firmen und minimiert die Preisvolatilität. Recycling stellt auch einen erheblichen Wirtschaftsfaktor dar. So kam das Institut der Deutsche Wirtschaft Köln zu dem Ergebnis, dass die Sekundärrohstoffbranche der wachstumsstärkste Wirtschaftssektor in Deutschland ist: die Steigerung des Umsatzes betrug 520% zwischen 1995 und 2009 und der Produktionswert der Sekundärrohstoffe lag 2010 allein bei 10 Milliarden Euro. Aber nicht nur wirtschaftliche Gründe sprechen dringend für den effizienten Umgang mit unseren Ressourcen sondern auch Umwelt- und Klimaschutzgründe: 146-244 Millionen Tonnen Treibhausgase sind durch die konkrete Anwendung der Abfallhierarchie einsparbar.

In einigen Bereichen bestehen bereits relativ geschlossene Stoffkreisläufe: Schätzungen zufolge werden 80 Prozent des jemals erzeugten Kupfers und 75 Prozent des Aluminiums auch heute noch eingesetzt. Für viele Rohstoffe ist dies aber noch nicht der Fall, insbesondere ist die Rückgewinnungsquote von kritischen Rohstoffe sehr niedrig, teilweise unter einem Prozent! Ein Großteil unserer Produkte und damit Rohstoffe landet nach einmaligem Gebrauch in der Mülltonne und letztlich dann in der Verbrennung oder auf der Mülldeponie.

Die wirtschaftlichen Chancen und steigende Preise für Primärrohstoffe sollten eigentlich ökonomische Anreize für Unternehmen darstellen auf Sekundärrohstoffe zuzugreifen. Dass dies nicht immer der Fall ist, liegt an vielen Gründen. Die OECD spricht von „systematischem Marktversagen“. Die Überarbeitung der relevanten europäischen Abfallgesetzgebung ist deswegen zwingend notwendig. Selbst bei vollständiger Umsetzung der Richtlinien, was derzeit nicht der Fall ist, gehen immer noch zu viele wertvolle Ressourcen verloren. Auch das Alter einiger Richtlinien, zum Teil liegt die letzte Überarbeitung 22 Jahre zurück, führt dazu, dass die Richtlinien  den aktuellen Herausforderungen nicht mehr gerecht werden.

Für mich ist ein zentraler Punkt in der Überarbeitung der Abfallrahmenrichtlinie nicht nur die kontinuierliche Fortführung von verbindlichen Recyclingzielen in der Zukunft, sondern wesentlich ist für mich, dass die Quoten Recyclingergebnisse widerspiegeln und nicht, wie derzeit in einigen Mitgliedstaaten üblich, lediglich Sammelergebnisse. Auch wenn man noch so fleißig sammelt, gibt diese Zahl keinerlei Auskunft darüber, was Europa letztlich an Rohstoffen zur Verfügung steht. Zentrales Element ist daher eine klare Definition von Recycling. Derzeit besteht ein weiter Spielraum für die Mitgliedstaaten, wann und was sie als recycelt messen. Die gewonnen Daten sind zum Teil irreführend und nicht vergleichbar. Wir brauchen Klarheit bei der Messmethode und dem Messzeitpunkt. Dies ist letztlich die relevante Komponente, die eine aussagekräftige Angabe über das Ambitionsniveau von Recyclingzielen ermöglicht.

Die separate Sammlung von Abfällen, insbesondere auch Bioabfällen, ist Grundvoraussetzung für hochwertiges Recycling. Ist der nasse Küchenabfall erst einmal mit den anderen Abfällen vermischt, ist das Kind in den Brunnen gefallen. Auch die Erarbeitung von Qualitätsstandards für Sekundärrohstoffe  wird den Ersatz von Primärrohstoffen durch recycelte Produkte erleichtern. Wichtig ist natürlich, dass die Abfälle der Recyclingwirtschaft überhaupt zur Verfügung stehen, um daraus hochwertige Sekundärrohstoffe produzieren zu können. Aus diesem Grund dürfen separat gesammelte und behandelte Abfälle nicht mehr auf die Deponie oder in die Verbrennung. Sicherlich benötigen wir für gefährliche Stoffe oder nicht-recycelbare  Abfälle alternative Behandlungs- oder Entsorgungsmethoden, aber der Anreiz muss auf Recycling und nicht auf der Verbrennung liegen. Die Förderung durch EU Fonds muss sich daher an der Abfallhierarchie ausrichten.

Ein letztes Wort: auch wenn sich dieser Artikel schwerpunktmäßig mit Recycling beschäftigt darf jedoch nicht vergessen werden, dass das oberste Gebot der Abfallhierarchie die Vermeidung ist. Mit diesem Thema setzt sich derzeit das Europäische Parlament ebenfalls auseinander.

Karl-Heinz Florenz ist seit 1989 Europaabgeordneter der CDU für Nordrhein-Westfalen. Im Europaparlament ist er Mitglied des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie  stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Binnenmarkt und Verbraucherschutz.  

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