Offshore-Windenergie als europäische Ressource

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Offshore-Windparks könnten EU-weit als kollektive Ressource für grünen Strom genutzt werden. [EPA/DANIEL REINHARDT]

Das Ziel der Europäischen Kommission, 300 Gigawatt grünen Strom durch Offshore-Windkraft zu produzieren, übersteigt den Bedarf der Küstenstaaten. Daher müssen alle EU-Länder zusammenarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen und das volle Potenzial der Offshore-Windenergie auszuschöpfen, schreiben Zsuzsanna Pató und Andreas Jahn.

Zsuzsanna Pató und Andreas Jahn sind leitende Berater beim Regulatory Assistance Project (RAP), einer unabhängigen, überparteilichen Nichtregierungsorganisation, die sich für eine schnellere Energiewende hin zu sauberer Energie einsetzt.

Die Stromerzeugung durch Offshore-Windkraftanlagen ist eine besondere Form des Strombezugs, weil es bisher nur wenige Erzeugungsanlagen und auch nur einzelne Stromleitungen für den Transport an Land gibt. Sogenannte Offshore-Netze – insbesondere zwischen den EU-Staaten – gibt es bisher überhaupt nicht. Diese Tatsache birgt eine große Chance, da die Offshore-Energieerzeugung eine Schlüsseltechnologie für ein dekarbonisiertes Stromsystem in Europa darstellt.

Dies zeigt sich in dem beeindruckenden europäischen Bestreben, die derzeitige Kapazität von zwölf Gigawatt bis 2050 auf 300 Gigawatt auszubauen. Neben der Grundsatzfrage, ob das überhaupt möglich ist, stellt sich auch die Frage der Kosten: Wie schaffen wir es, die dafür minimal notwendige Infrastruktur zu entwickeln, sodass diese Art der Stromerzeugung zum maximalen Nutzen der europäischen Verbraucherinnen und Verbraucher ausgebaut werden kann? Eine positive Antwort basiert insbesondere auf der kollektiven, gemeinsamen europäischen Planung und Nutzung dieser Ressource.

Um überhaupt eine Chance zu haben, die Offshore-Windkapazität bis 2050 entsprechend zu steigern, dürfen wir die Offshore-Windenergie nicht nur als Ressource der Küstenanrainer betrachten. Mit Blick auf ein zukünftigen EU-Stromsystems sind die Meeresbecken als gemeinsame Regionen der Stromerzeugung zu betrachten. Ausgehend von dieser kollektiv nutzbaren Quelle muss das neue kontinentale Netz gedacht werden, um die umliegenden Regionen kostenoptimiert anzubinden und mit sauberem Strom versorgen zu können.

Ein einfacher Dreisatz lässt bereits erkennen, dass das 300-Gigawatt-Ziel der EU den Bedarf, aber auch die Möglichkeiten und Wünsche jedes einzelnen Küstenstaates, deutlich übersteigen würde. Folglich ist es mehr als fraglich, ob mit den bisherigen nationalen oder bilateralen Ansätzen die notwendige Offshore-Infrastruktur rechtzeitig und kostenoptimal entwickelt werden kann.

Die Kosten der Offshore-Erzeugungstechnologie sind so weit gesunken, dass privates Geld ausreichend bereitsteht und Windparks sogar zunehmend ohne direkte öffentliche finanzielle Unterstützung errichtet werden. Um die Winde über den Meeren in diesem Umfang nutzen zu können, brauchen wir ein Offshore-Netz. Ohne ein solches Netz können diese gewaltigen Strommengen nicht verlässlich gesammelt und dorthin transportiert werden, wo sie benötigt werden. Für die Planungen von Offshore-Windkraftanlagen, und damit die Investitionsbereitschaft und die Gesamtkosten, stellt die Erlöserwartung eine entscheidende Größe dar. Sie wird durch Netze und die dazugehörige Vermarktung bestimmt. Dies ist die Anfangshürde, die genommen werden muss, um die Offshore-Windenergie zu einer Erfolgsgeschichte im anvisierten Ausmaß zu machen.

Die derzeitige Praxis der Küstenstaaten, die entstehenden Offshore-Windparks nacheinander mit den Onshore-Netzen zu verbinden, ist nicht annähernd so effektiv wie kooperative Lösungen. Die Europäische Kommission erkennt dies in ihrer jüngsten Strategie für erneuerbare Offshore-Energie an und fordert die Zusammenarbeit aller betroffenen Parteien. Folglich sollte der erste Schritt in der gemeinsamen Planung der Offshore-Systeme bestehen.

Gemeinsame Planung 

So sollte der Bereich des Offshore-Netzes unter Berücksichtigung eines Masterplans für ein voll entwickeltes und vermaschtes Netz entwickelt und gebaut werden. Die EU-Strategie sieht vorausschauende Investitionen vor, die es notwendig machen, für jede Meeresregion Offshore-Ziele festzulegen. Für eine solche Bestimmung der Mengen und der geeigneten Standorte ist eine regionale Zusammenarbeit der jeweiligen Anrainerstaaten, vielleicht sogar gemeinsam mit den küstenfernen “Hinterlandstaaten”, beziehungsweise allen „elektrischen“ Nachbarn, notwendig. Ein nationaler Anreizmechanismus kann niemals einen Rahmen für vorausschauende Investitionen bieten, der einem gemeinsam entwickelten europäischen Masterplan ebenbürtig wäre. Nur letzterer ermöglicht es, den Wert jeder Erzeugungs- oder Netzkomponente im Hinblick auf die Entwicklung der Gesamtressource zu optimieren und deren Wertigkeit diesbezüglich zu reflektieren.

Gemeinsame Entwicklung und Finanzierung

Der Standardfall für den Ausbau der Offshore-Übertragungsleitung besteht heute darin, dass diese von einem einzigen etablierten Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), beziehungsweise zwei benachbarten ÜNB, geplant und gebaut werden. Dieser Ansatz ist aus drei Gründen problematisch: Erstens birgt er das Risiko von Koordinierungsproblemen, weil der Wert von nationalen Offshore-Netzinvestitionen immer stärker von der rechtzeitigen Fertigstellung anderer Netze oder Netzkomponenten abhängt, die von anderen ÜNB entwickelt werden. Zweitens kann das gesamte Netz schneller und günstiger gebaut werden, wenn seine Komponenten in koordinierten Paketen für die gesamte Meeresregion vergeben werden. Drittens wird durch die Zusammenstellung des Puzzles aus national finanzierten Netzelementen wahrscheinlich ein Offshore-Netz entstehen, bei dem ähnliche Elemente unterschiedliche Entwicklungs- und Errichtungskosten haben – je nach nationalen Vergütungssystemen der ÜNB, dem regulatorischen Kontext, den Eigentumsverhältnissen und den Kapitalkosten. Zusätzlich würde dies die Gesamtentwicklung behindern oder verzögern, da sie von der Finanzstärke der einzelnen ÜNB in den jeweiligen Küstenstaaten abhängig wäre.

Die EU-Strategie wirft ein Licht auf diese Probleme. Dabei wird das britische System mit einem vom ÜNB (National Grid) unabhängigen Offshore-ÜNB als eine mögliche Alternative ins Spiel gebracht. Netzanbindungen können hier auch von den Windparkentwicklern vorgeschlagen werden; die zu realisierenden Leitungen werden vom nationalen Regulierer Ofgem wettbewerblich ausgeschrieben. Das Eigentum und der Betrieb der Offshore-Netze läge in der Hand des Offshore-ÜNB.

Die EU-Offshore-Strategie erkennt zudem auch die Finanzierungsschwierigkeiten der Offshore-Netze an und schlägt die Verwendung verschiedener EU-Fonds vor, um den Ausbau der Offshore- und der angeschlossenen Onshore-Netze zu fördern. Dieser EU-Finanzierungsmechanismus wird zudem auch für die Erneuerbaren Energien selbst erwogen. Dies hat enorme Bedeutung, sprengt aber den Rahmen dieses Beitrages.

Bezüglich der angestrebten Synergien durch gemeinsame Planungen lässt die EU-Offshore-Strategie jedoch die letzte Konsequenz vermissen. Denn der Bau und die Finanzierung des Offshore-Netzes unter einer gemeinsamen Führung würde weitere Synergien ermöglichen, die über die Kooperation von nationalen Ansätzen kaum möglich ist. Folglich ist es nur ein erster, kleiner Schritt, den einzelnen Mitgliedstaaten die Finanzierung der Offshore-Windparks und deren Netze zu ermöglichen. Wichtig wäre jedoch, sich der vollen Komplexität zu stellen und eine Vorgehensweise zu entwickeln, bei der Offshore-Netze gemeinsam geplant und errichtet werden, um den Offshore-Investoren den besten und möglichst stabilen Rahmen zu gewähren, den sie benötigen, um Europa kostenoptimiert mit sauberer Energie zu versorgen.

Gemeinsamer Betrieb

Was für die Planung und Errichtung richtig ist, gilt auch für den Betrieb: Ein integriertes optimales Offshore-Windenergienetz wird seinen vollen Wert nur bei gemeinsamem Betrieb realisieren. Der bisherige isolierte, national angebundene Betrieb der Offshore-Energie spiegelt nur einen eingeschränkten Wert innerhalb des gemeinsamen EU-Marktes wider – inklusive der Unsicherheit, wie lange dieser national bleibt. Entsprechend wichtig ist es, die Debatte der europäischen Klimaziele auch auf die gemeinsame Transformation mit gemeinsamen Märkten schon heute anzustoßen. Die EU-Strategie schlägt Regionale Koordinierungszentren (Regional Coordination Centres – RCC), die 2019 mit dem Clean-Energy-Paket für eine verbesserte regionale Koordinierung national eingeführt wurden, mittelfristig für deren Systembetrieb vor. Die Einrichtung eines gemeinsamen Systembetriebs durch regionale, unabhängige Systembetreiber wird allerdings lediglich als langfristige Möglichkeit erwähnt. Mit den im Offshore-Bereich anstehenden massiven Investitionen und dem Systemumbau geht jedoch auch die Chance einher, den Systembetrieb hierfür effizient aufzubauen. Außerhalb Europas hat sich die Unabhängigkeit des Betriebs sehr gut bewährt; in Europa ist er durch Besitzstandswahrung blockiert. Offshore wird jedoch keinem etwas weggenommen. Es wird vielmehr etwas Neues geschaffen, das wir von Anfang an zielgerichtet entwickeln können.

Gerade erst hat sich die EU auf ambitionierte Klimaziele verständigt. Über nationales Schönrechnen werden diese nicht zu erreichen sein. Nur mit neuen gemeinsam entwickelten und getragenen Ansätzen können wir die Ziele erreichen. Die Diskussion über die Offshore-Strategie bietet dazu aktuell eine ideale Möglichkeit. Von unseren Kindern werden wir uns dann daran messen lassen müssen, ob wir diese Chance gemeinsam genutzt haben.

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