Löst die Handbremse – Europa braucht Ambition bei erneuerbaren Energien

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Studie „Globales Energiesystem basierend auf 100% Erneuerbarer Energie – Stromsektor“ [Pixelio]

Neben dem Gedanken von Einigkeit und Solidarität stand auch der sichere Zugang zu Energie am Anfang des europäischen Einigungsprozesses. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl sicherte ihren Mitgliedsstaaten den Zugang zu Kohle. Kohle war in den 1950er Jahren mit rund 80% Hauptenergieträger in Westeuropa.

Seitdem hat sich der Energiemix in Europa verändert. Heute nutzen wir in der EU für die Energieproduktion Öl, Gas, Kohle, Kernenergie und erneuerbare Energien. Die europäische Energiepolitik ist institutionell im Prozess der Energieunion verankert.

Ist Europa energiepolitisch also auf einem nachhaltigen Weg? Dies wird sich zeigen, wenn die EU-Kommission Ende November das sogenannte Winterpaket vorlegen wird. Mit den darin enthaltenen Reglungen wird sie den Rahmen für den Energiemarkt ab 2020 beschreiben.

Angekündigt hat die Kommission bereits, dass sie die Zielmarke für den Anteil erneuerbarer Energien im Energiemix bei 27% im Jahr 2030 setzen will. Aus meiner Sicht ist das nicht sehr ambitioniert. Bereits heute liegt der Anteil der erneuerbaren Energien bei 15%. Die politischen Ziele der Energieunion verlangen aber mehr: Europa importiert mehr als die Hälfte seiner Energie. Um uns in Europa Versorgungssicherheit zu geben, soll dieser Anteil reduziert und die Energieträger gleichzeitig diversifiziert werden. Es liegt auf der Hand, dass erneuerbare Energien beides bieten, sie sind in Europa vorhanden und technologisch differenziert. Mit einer ausreichenden Netz- und Speicherinfrastruktur können sie Europa sicher versorgen. Kohle als heimischer Energieträger hingegen steht mit seinen hohen Emissionen den notwendigen Klimaschutzanstrengungen entgegen. Öl und Gas aus europäischen Quellen sind, wie Kohle, eine endliche Option, relativ teuer und emittieren ebenfalls Treibhausgase. Den Anteil der Nuklearkraft zu erhöhen, ist aus meiner Sicht ökonomisch nicht sinnvoll, weil zu teuer, zudem sind die Risiken durch einem Unfall enorm.

Warum also nicht ein ambitionierteres Ziel für erneuerbare Energien von 30% oder mehr ins Auge fassen? Kann vielleicht ein höherer Anteil erneuerbarer Energie nicht in den Markt integriert werden? Die Kommission wird mit dem Winterpaket auch die zukünftigen Reglungen für den Energiemarkt vorlegen. Bereits länger verfolgt wird der Ansatz einer weitergehenden Marktintegration. Wichtig für einen marktbasierten Ausbau der erneuerbaren Energien ist, dass Investoren längerfristige Preissignale bekommen, die Investitionsentscheidungen ermöglichen. Die derzeit niedrigen Strommarktpreise senden diese Signale nicht. Allerdings hat die Kommission es in der Hand, die in Marktverzerrungen begründeten Ursachen dieser niedrigen Preissignale anzugehen.

Das Marktdesign des Energy-only-Marktes funktioniert. Die niedrigen Preise sind Ausdruck von Überkapazitäten und behindern gleichzeitig deren Abbau. Denn weil die Preise des Europäischen Emissionshandelssystems im Keller sind, können alte Kraftwerke mit hohen Treibhausgasemissionen billigen Strom produzieren. Es ist zu erwarten, dass eine Reparatur der Marktinstrumente Zeit in Anspruch nimmt. Um die Erneuerbaren in den Markt zu integrieren, bedarf es eines gleichberechtigten Marktzugangs für alle Stromerzeugungsarten. Dies erfordert Anpassungen der Rahmenbedingungen, wie unter anderem eine starke Begrenzung bzw. Abschaffung der Must-Run-Obligation für konventionelle Kraftwerke, einen liquiden Intra-Day-Markt, die Möglichkeit für erneuerbare Energien, umfänglich am Regel­energiemarkt teilzunehmen sowie einen weitreichenden Netzausbau und Markttransparenz. Die Schaffung dieser Rahmenbedingungen wird ebenfalls Zeit in Anspruch nehmen und einen auch physikalisch stärker integrierten Strombinnenmarkt benötigen. Bis zu einer umfassenden Marktintegration der erneuerbaren Energien können aber marktbasierte Instrumente, wie Premium- oder Auktionsmodelle, den Ausbau weiter vorantreiben.

Das Kostenargument dagegen zu stellen, trägt aus meiner Sicht nicht. Eine Megawattstunde Windkraft an Land kostet in Europa nicht mehr als eine Megawattstunde aus einem modernen Kohlekraftwerk. Dabei liegen die Umweltkosten von Kohlestrom, die nicht im Strompreis reflektiert sind, um ein Vielfaches über denen von Windkraft. Szenarien zu Auswirkungen erneuerbarer Energien auf das Energiesystem zeigen einen Anstieg der Systemkosten aufgrund eines erhöhten Steuerungsbedarfs. Allerdings stehen diesen Kosten wiederum Gewinne aus vermiedenen Energieimporten, Arbeitsplatzeffekten sowie vermiedenen Treibhausgas­emissionen gegenüber. Die Bilanz dieser Posten ist positiv. Das zeigen auch die veröffentlichten und zum Teil durchgesickerten Impact Assessments der Kommission. Zudem wird die voranschreitende Digitalisierung voraussichtlich die Systemkosten durch intelligente Vernetzung und Steuerung wieder sinken lassen. Unterstützt wird eine effiziente Systemintegration der Erneuerbaren durch den Ausbau der Netze und Kopplung des erneuerbaren Stromsektors mit anderen energieverbrauchenden Sektoren wie Verkehr, Wärme und Industrieprozesse.

Wenn also die Integration der Erneuerbaren in den Markt keine unüberwindbare Hürde darstellt, dann bleibt die Frage nach anderen Gründen.

Sind erneuerbare Energien industriepolitisch vielleicht nicht ausreichend relevant? Nach Schätzungen des europäischen Windverbandes (WindEurope) steht allein die Windbranche in Europa für Umsätze von € 67 Milliarden und beschäftigt 330.000 Menschen. 15% der installierten Leistung für Strom in Europa sind Windkraftanlagen. 8% des Energiekonsums stammen aus Erneuerbaren, damit sind sie ein wichtiger Energielieferant auch für die produzierende Industrie. Die Kommission selber hat die industriepolitische Relevanz der Erneuerbaren hervorgehoben und verfolgt das Ziel, Europa als führenden Industriestandort für erneuerbare Energien zu erhalten. Erneuerbare Energien sind eine Schlüsseltechnologie für die Dekarbonisierung des Energiesektors.

Sind unterschiedliche Vorstellungen der Mitgliedsstaaten ausschlaggebend? Verschiedene Interessen hat es im europäischen Einigungsprozess immer gegeben und sie gehören dazu. Einzelne Mitgliedstaaten sind aus nationalen Erwägungen weniger progressiv als andere. Dies sollte aber nicht dazu veranlassen, in Europa nicht ambitioniert zu sein. Ein ambitioniertes Ziel für erneuerbare Energien heißt nicht, dass den Mitgliedsstaaten vorgeschrieben wird, welchen Energiemix sie haben sollen. Vielmehr bedarf es eines Mechanismus, der es der EU ermöglicht, ihre Ziele zu erreichen. Indikative Zielvorgaben für die jeweiligen Mitgliedstaaten können dabei helfen. Für das Erreichen ihrer Ziele sollten die Mitgliedstaaten ihre jeweiligen Förderinstrumente bestimmen. Bei der Zielerreichung könnten sich die Staaten gegenseitig helfen. Erste Ansätze zeigt die gegenseitige Öffnung der Fördersysteme zwischen Dänemark und Deutschland.

Aus meiner Sicht stellt sich für ein höheres erneuerbares Energieziel nicht die Frage, ob dies möglich ist. Es ist vielmehr eine Frage des Wollens. Europa ist ein ambitioniertes Projekt. Es braucht Ambition auch bei der Energiewende. Wie bereits am Anfang des Einigungsprozesses besteht das Interesse an einer sicheren Energieversorgung, die Mitgliedstaaten sollten die dafür notwendige Energiewende im Geist von Einigkeit und Solidarität weiter ambitioniert vorantreiben.

Lars Bondo Krogsgaard, Vorstandsvorsitzender der Nordex SE