Deutschland sollte die Chancen zum Umstieg auf Elektroautos jetzt nutzen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

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Die schwächelnde Industrie zieht die deutsche Wirtschaft derzeit nach unten, so Ifo-Experte Klaus Wohlrabe: “Das geht quer durch Maschinenbau, chemische Industrie und Autobranche.” [John Lloyd/Flickr]

Die deutsche Automobilindustrie mit ihrer langen und ruhmreichen Geschichte steht an einem kritischen Punkt und ist auf die Unterstützung der politischen Entscheidungsträger im Land angewiesen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, schreibt Nigel Topping, CEO der Vereinigung We Mean Business.

Durch die Einführung eindeutiger und langfristiger Richtlinien, die dem Potenzial eines schnellen Umstiegs auf Elektrofahrzeuge (EVs) Rechnung tragen, kann die Bundesregierung die Grundlage für ein weiteres Wachstum der Branche in Europa und weltweit schaffen.  

In China ernten die Autobauer bereits die Früchte der ambitionierten Politik ihrer Regierung zum Thema Elektrofahrzeuge und liegen im Rennen um die Definition der Zukunft dieser Branche klar an der Spitze. Der Absatz an Elektrofahrzeugen in China stieg 2018 um 62 % auf 1,26 Mio., wobei die Mehrzahl der Fahrzeuge aus heimischer Produktion stammt. Bei dieser Wachstumsrate könnte der mit ca. 28 Mio. Fahrzeugen größte Automobilmarkt der Welt in nur 13 Jahren von Elektrofahrzeugen dominiert werden.

Dieses Wachstum ist zum Teil auf öffentliche Subventionen für die Nutzer von Elektrofahrzeugen zurückzuführen, die aber jetzt zurückgeschraubt werden. Eine weitere Ursache sind jedoch auch die steigenden Verkaufsraten für Elektroautos – die Quote für Anfang 2019 lag bei zehn Prozent. Die Hersteller erhalten auf diese Weise Planungs- und Investitionssicherheit.

Im Februar dieses Jahres verzeichnete der chinesische Markt insgesamt einen Anteil von 4,8 % EVs und liegt damit knapp vor den USA mit 4,0 %. In den USA machte der Erfolg von Tesla die Elektrofahrzeuge populär und trug damit wesentlich zu dieser Entwicklung bei. Gemessen am Umsatz war das Model 3 von Tesla im vergangenen Jahr das meistverkaufte Auto in den USA und stellte damit die deutschen Rivalen im Luxussegment, Mercedes-Benz, BMW und Audi, in den Schatten.

Im Vergleich liegt die EU nach Angaben der Umweltorganisation Transport and Environment mit einem EV-Anteil von mageren zwei Prozent 2018 deutlich zurück.

Zwar ist in vielen Ländern der Anteil der Elektrofahrzeuge nach wie vor gering, die frühen Stadien einer exponentiellen Wachstumskurve sollten jedoch nicht ignoriert werden und die Bundesregierung sollte einen schnellen Umstieg auf EVs unterstützen, um den deutschen Autobauern die Sicherung ihres Wettbewerbsvorteils zu ermöglichen.

Sollten die deutschen Automobilproduzenten gegenüber den Herstellern aus China und den USA auf dem aufkeimenden Markt für Elektrofahrzeuge an Boden verlieren, ist auch die Rolle der Branche als Garant für Arbeitsplätze im Land in Gefahr.    

Verpasste Chance

Die Mobilitätskommission der Bundesregierung verpasste im vergangenen Monat die Gelegenheit zum Aussenden eines klaren Signals – sowohl an die Fahrzeugbauer im Land als auch an deren Kunden – dass sie gewillt ist, den Umstieg auf Elektrofahrzeuge zu beschleunigen.   

Die Arbeitsgruppe Klimaschutz im Verkehr stellte der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität ihren Fortschrittsbericht vor. Der erste Versuch, konkrete und wirksame Empfehlungen zum Erreichen der offiziellen Zielvorgaben zur Emissionsreduktion um 40-42 % bis 2030 im Vergleich zum Niveau von 1990 zu vereinbaren, ist allerdings misslungen.

Auch wenn dies einen Rückschlag darstellt, gab es noch nie einen solch dringenden Bedarf zur Schaffung eines praktikablen Plans zur Reduzierung der Verkehrsemissionen, dessen treibende Kraft die Elektrofahrzeuge sind.

Die aktuellen Daten des Umweltbundesamts belegen, dass im vergangenen Jahr zwar die Emissionen so deutlich wie seit 2009 nicht mehr reduziert wurden, die Verkehrsemissionen jedoch in diesem Zeitraum mit gerade einmal 0,6 % nahezu unverändert geblieben sind.  

Dieser Stillstand wurde auch durch Kanzlerin Angela Merkel betont, die einen „radikalen Wandel“ der Mobilität einschließlich des Umstiegs auf Elektrofahrzeuge einforderte, um die Einhaltung der Klimaziele bis 2030 zu gewährleisten.

Politik wechselt die Gangart

Weltweit tendiert die politische Landschaft zunehmend zur Unterstützung einer raschen Einführung von EVs als entscheidendes Instrument zur Reduzierung der Umweltverschmutzung in den Städten und zum Erreichen der Pariser Klimaziele.

Zahlreiche europäische Länder haben das Potenzial von EVs als wichtiges Mittel zur Lösung dieser Probleme einerseits und als treibende Kraft für wirtschaftliches Wachstum andererseits erkannt. Großbritannien, Frankreich, Norwegen und Schweden haben sich bereits verpflichtet, die Produktion von benzin- und dieselbetriebenen Personenkraftwagen in den kommenden Jahrzehnten vollkommen einzustellen.

Gleichzeitig engagieren sich die deutschen Autobauer zunehmend im Bereich Elektrofahrzeuge. Im vergangenen Monat erhöhte VW sein Ziel auf 70 vollelektrische Modelle bis 2028 und drohte angeblich damit, aufgrund mangelnder Unterstützung für Elektrofahrzeuge durch den VDA aus dem Branchenverband auszutreten.

In der Zwischenzeit arbeiten über 35 Unternehmen, darunter mit LeasePlan der führende Dienstleister für Fahrzeugleasing, daran, den Übergang zu nachhaltigeren Antrieben voranzutreiben und unterstreichen die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen durch EV100 – einer weltweit aktiven Initiative der Climate Group, die sich dafür einsetzt, dass sich die großen Global Player schneller den Elektrofahrzeugen und der entsprechenden Infrastruktur zuwenden.

Sie räumen ein, dass Elektrofahrzeuge immer erschwinglicher werden und auch in puncto Reichweite mit vielen herkömmlichen Autos mithalten können. Wie der EV Readiness Index 2019 von LeasePlan zeigt, stellt die Nutzung eines Elektrofahrzeugs in immer mehr europäischen Ländern eine ernstzunehmende Alternative dar.

Der dringende Bedarf nach einem Wechsel zu einem Verkehrswesen ohne CO2-Emissionen kommt zu einer Zeit, da der weltweite Automobilsektor in seinen Grundfesten erschüttert wird und umfassende Innovationen bevorstehen. Dieser Wandel kann jedoch dazu genutzt werden, um einerseits die Emissionsziele der Branche zu erfüllen und andererseits auch Wachstum zu ermöglichen.   

Daher müssen die Mitglieder der Mobilitätskommission und der Bundesregierung jetzt die Chance ergreifen, ein klares Signal an die Wirtschaft zu senden und eine Zukunft mit Elektromobilität zu gestalten.

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