Europas Weg zur Renaturierung kann beginnen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Promoted content

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine werden Stimmen laut, die Vorschläge der Europäischen Union zur Förderung der Biodiversität und Nachhaltigkeit zu stoppen. Jetzt ist es an der Zeit, mehr Lebensmittel zu produzieren, nicht weniger. Abgesehen von der trügerischen Annahme, dass die nachhaltige Produktion der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln im Wege stehen könnte da geringere Ernten und weniger Nahrungsmittel erzeugt würden. Diese Behauptungen lassen die Tatsache komplett außer Acht, dass die größten Gefahren für die Ernährungssicherheit, der Klimawandel und der Verlust der Artenvielfalt sind. 

Von Exekutiv-Vizepräsident Frans Timmermans & Virginijus Sinkevičius, Kommissar für Umwelt, Ozeane und Fischerei

Russlands gezielter Abbau von Getreidebeständen erinnert uns an die Fragilität der globalen Nahrungsmittelversorgung und an die Notwendigkeit, die Widerstandsfähigkeit Europas zu erhöhen. Um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten, sollten wir die Umweltverschmutzung reduzieren, gesunde Böden schaffen und der Natur Raum geben, sich zu entfalten. 

Die Renaturierung der Natur ist ein fester Bestandteil dieses Ansatzes. 

Die Natur befindet sich jedoch in einem schlechten Zustand. Jahrzehntelange menschliche Aktivitäten haben das Gleichgewicht gestört und uns auf einen negativen Kurs gebracht, der zum Verlust der biologischen Vielfalt führt. In den letzten 30 Jahren haben diese Eingriffe unsere Landschaften massiv verändert. Land- und Forstwirtschaft sind intensiver geworden, Städte und Infrastruktur nehmen immer mehr Raum ein und verdrängen die Natur immer weiter.

Wir Menschen sind von der Natur abhängig – viel mehr, als wir denken. Bäume reinigen buchstäblich die Luft vor Schadstoffen und tragen zur Abkühlung unserer Städte bei. Ökosysteme filtern das Wasser, das wir trinken. Feuchtgebiete sind natürliche Schwämme, die überschüssigen Regen aufsaugen und Überschwemmungen verhindern. Bäume und Böden speichern riesige Mengen an Kohlenstoff. Und wenn wir in Wäldern spazieren gehen, werden unser Immunsystem und unser allgemeines Wohlbefinden gestärkt.

Die Natur stellt uns wieder her. Jetzt ist es an der Zeit, uns zu revanchieren.  

In den letzten 30 Jahren drehten sich die EU-Naturschutzgesetze um Naturschutz. Wir haben Naturschutzgebiete zur nachhaltigen Bewirtschaftung geschaffen. Das brachte uns Natura 2000, das größte Netzwerk zusammenhängender Schutzgebiete der Welt, das mehr als 18 Prozent der europäischen Fläche umfasst.

Aber diese 30 Jahre haben uns auch die Beschränkungen des Naturschutzes vor Augen geführt. Die Natur geht weiter zurück, innerhalb und vor allem außerhalb dieser Schutzgebiete. Es ist Zeit für einen neuen Ansatz. Es ist an der Zeit, die Renaturierung der Natur gesetzlich zu verankern.

Überall in der EU finden sich großartige Beispiele, die darauf warten, nachgeahmt zu werden. Stillgelegte Kiesgruben in La Bassée, Frankreich, wurden wiederhergestellt, um biodiverse Feuchtgebiete und einen Hochwasserschutz für Paris zu schaffen. Der Fluss Vindelälven in Schweden, dessen ungehinderter Flusslauf wiederhergestellt wurde, um die Wasserqualität zu verbessern und Laichplätze für Fische zu schaffen. Und der Emscher Landschaftspark in Nordrhein-Westfalen (Deutschland), der von einer stark verschmutzten Industrielandschaft in einen großen Park mit Waldwegen, Stegen, Arboretum und Entdeckergärten umgestaltet wurde.

Die Renaturierung zählt zu den vernünftigsten Investitionen, die die Gesellschaft tätigen kann. Landwirt:innen profitieren von besseren Böden und einer stetigen Bestäubung, Gemeinden dagegen können sich über besseren Hochwasserschutz, sauberes Wasser und kühlere Städte freuen, Fischer:innen über sich erholende Fischbestände und Förster:innen über widerstandsfähigere Wälder. Investitionen in die Renaturierung sind eine kluge Lösung – jeder Euro, der in die Renaturierung investiert wird, wirft mindestens das Achtfache seines Wertes an Gewinn ab.

Die Renaturierung ist auch entscheidend für die Ernährungssicherheit. Die Landwirt:innen haben die Auswirkungen des Naturverlustes schon jetzt zu spüren bekommen: Fast 75 Prozent der Agrarflächen sind in irgendeiner Form von Bodendegradation betroffen. Jährlich gehen durch Erosion fast 3 Millionen Tonnen Weizen und 600 000 Tonnen Mais verloren. Und da fast 5 Milliarden der landwirtschaftlichen Produktion in der EU direkt von der Bestäubung durch Insekten abhängen, bedeutet der Rückgang der Bestäuberpopulationen ein immer größeres finanzielles Risiko für Landwirt:innen, die Bestäubern abhängige Nutzpflanzen anbauen. 

Die Wiederherstellung kann die Schäden beheben, und das sogar ziemlich schnell. Blühstreifen, Hecken und Landschaftselemente haben, vor allem wenn sie mit einem reduzierten Einsatz von chemischen Pestiziden kombiniert werden, einen schnellen und positiven Einfluss auf die Bestäubung. Steinmauern, Grasnarben und Elemente zum Auffangen von Sedimenten innerhalb von Äckern können der Bodenerosion entgegenwirken.

Und natürlich bringt die Renaturierung enorme Vorteile für das Klima mit sich. Die Natur ist unsere beste Kohlenstoffabbau-„Technologie.“ Nichts entfernt Kohlenstoff so effizient und kostengünstig aus der Atmosphäre wie Wälder, Feuchtgebiete und Meere. Deshalb sollten wir unsere Anstrengungen auf die Ökosysteme mit dem größten Potenzial für den Abbau und die Speicherung von Kohlenstoff konzentrieren. Wir wissen, wie wichtig naturbasierte Lösungen sind. Jetzt geht es darum, sie in die Praxis umzusetzen. 

Je länger wir warten, desto mehr Probleme stauen wir für die Zukunft auf. 

Die Klima- und Biodiversitätskrise bedroht die Grundlagen unseres Lebens auf der Erde. Dieses neue Renaturierungsgesetz ist ein wichtiger Schritt, um den Rückgang der Artenvielfalt zu bekämpfen, frühere Schäden zu beheben und unsere Natur für die Zukunft zu stärken. Laut Wissenschaft brauchen wir es, die Öffentlichkeit fordert es: Es ist Zeit für uns Politiker:innen zu handeln. 

Subscribe to our newsletters

Subscribe