Energiesparen: Jetzt oder nie

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Energiesparen, jetzt oder nie, schreibt Frederic Simon. [EPA-EFE/STEPHANIE LECOCQ]

Die EU-Länder suchen händeringend nach neuen Gasquellen, um die russischen fossilen Brennstoffe zu ersetzen und Moskau für seinen brutalen Krieg in der Ukraine zu bestrafen. Doch in der Eile, sich zu diversifizieren, riskiert Europa einmal mehr, eine einfache Lösung zu übersehen: Energiesparen.

In ihrem im letzten Monat vorgestellten REPowerEU-Plan schätzt die Europäische Kommission, dass bis zum nächsten Winter 10 Milliarden Kubikmeter Gas eingespart werden könnten, wenn alle Haushalte ihre Thermostate um 1°C herunterdrehen würden. Durch den frühzeitigen Einsatz von Solarzellen auf Dächern und Wärmepumpen könnten bis Ende dieses Jahres weitere 2,5 bzw. 1,5 Mrd. m3 eingespart werden, so die EU-Exekutive.

Diese Bemühungen sind zwar lobenswert, aber sie verblassen im Vergleich zu den 155 Mrd. m3 Gas, die die EU im vergangenen Jahr aus Russland importiert hat. Und alternative Lieferungen von Flüssigerdgas aus den USA oder Katar werden nicht ausreichen, um die Lücke zu schließen.

Wenn das russische Gas im nächsten Winter ausbleibt, müssen sich die Europäer also auf Rationierungen einstellen.

Denn eine etwaige Rationierung von Gas wird die Menschen dort treffen, wo es am meisten weh tut: direkt in ihren Wohnungen.

Nach Angaben der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) ist Gas die wichtigste Energiequelle für Haushalte (32,1 Prozent), wobei der größte Teil der Gasnachfrage in der EU auf den Wohnsektor – vor allem auf die Heizung – entfällt (40 Prozent), gefolgt von der Industrie und der Gasverwendung zur Stromerzeugung.

Die Senkung des Gasverbrauchs in Gebäuden muss daher zu einer dringenden politischen Priorität werden. Dennoch ist die Effizienz immer noch das vernachlässigte Kind der EU-Energiepolitik. Energieeinsparziele wurden den EU-Mitgliedsstaaten bisher nie als rechtliche Verpflichtung auferlegt und daher auch immer wieder verfehlt.

Die Hindernisse sind bekannt: Die Isolierung von Millionen von Einzelhäusern, die über Dutzende von europäischen Ländern verstreut sind, und die Umstellung auf erneuerbare Heizsysteme brauchen Zeit und sind mit praktischen Komplikationen verbunden.

Die Unterstützung von Hausbesitzern und finanzielle Anreize reichen nicht aus, um die Renovierung in dem erforderlichen Tempo und Umfang voranzutreiben. Es handelt sich um gewaltige Anstrengungen, die am besten über Jahrzehnte und nicht über Monate geplant werden.

Dabei waren die wirtschaftlichen Argumente für Energieeinsparungen noch nie so überzeugend wie heute. Die jüngste Studie des deutschen Fraunhofer-Instituts zeigt, dass Energieeinsparungen mit steigenden Energiepreisen wirtschaftlich attraktiver geworden sind.

Die Gaspreise haben sich im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorjahr versechsfacht, sodass die Annahme einer Verdoppelung der Energiepreise bis 2030 plausibel, wenn auch nicht konservativ erscheint.

Das bedeutet, dass die EU bis 2030 Energieeinsparungen von 23 Prozent anstreben könnte, anstatt der 9 Prozent, die in der im vergangenen Jahr vorgelegten überarbeiteten Energieeffizienzrichtlinie der Europäischen Kommission vorgeschlagen wurden, so die deutschen Forscher.

„Die EU kann und muss ihr Energiesparziel erhöhen. Das wird unsere Energierechnungen in Schach halten und den Ausstieg aus russischem Öl und Gas beschleunigen“, sagte Stefan Scheuer, ein Experte, der die Studie überprüft hat.

Es gibt viele Dinge, die man tun kann, um seinen Energieverbrauch zu senken, und die nichts kosten: Im Laufe der Jahre haben sich die Menschen daran gewöhnt, ihre Wohnungen auf durchschnittlich 22 °C statt auf 18 °C zu heizen, so Scheuer.

Auch der Warmwasserverbrauch könnte leicht gesenkt werden, wenn in landesweiten Kampagnen dafür geworben würde, die Zeit unter der Dusche zu begrenzen. In Deutschland und anderen EU-Ländern wächst der Druck auf die Regierungen, neue Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen durchzusetzen, um Benzin zu sparen.

Das Einsparpotenzial liegt nicht nur auf der Nachfrageseite. Durch das Auffangen von Gas, das in Nordafrika abgelassen oder abgefackelt wird, könnte Europa innerhalb von ein bis zwei Jahren bis zu 15 Prozent des russischen Gases ersetzen, so eine im letzten Monat veröffentlichte Studie. Weltweit entspricht das Abfackeln von Gas etwa 260 Mrd. Kubikmetern pro Jahr – das ist das 1,7-fache der Menge, die Europa jedes Jahr aus Russland importiert, so die Studie.

Die Europäische Kommission räumt ein, dass der Grundsatz „Energieeffizienz zuerst“ Vorrang haben sollte, und erklärt, dass es „wichtiger denn je“ sei, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. In der Tat überdenkt die EU-Exekutive bereits die grundlegenden wirtschaftlichen Annahmen, die ihrem vorgeschlagenen Energieeffizienzziel zugrunde liegen, angesichts der durch Russlands Krieg in der Ukraine in die Höhe geschossenen Energiepreise.

Die Politiker auf EU- und nationaler Ebene müssen sich jedoch beeilen und sich jetzt für Energieeinsparungen stark machen – neben der Bereitstellung massiver Subventionen zur Beschleunigung von Gebäudesanierungen, sauberen Heizlösungen und Sonnenkollektoren.

Andernfalls müssen der Bevölkerung Energiesparmaßnahmen aufgezwungen werden, und die Wähler werden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Regierungen beim nächsten Urnengang abzustrafen.

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