Die Rückkehr des Großen Europäischen Waldes: Es ist Zeit, unser Walderbe wiederherzustellen, statt noch mehr vereinzelte Bäume zu pflanzen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

"Wälder sind jedoch viel mehr als nur unsere Verbündeten in der Klimakrise." [EPA-EFE/SHAWN THEW]

Donald Trump überraschte Umweltschützer, als er ankündigte, die USA würden sich der Billionen-Baumpflanzungsinitiative des Weltwirtschaftsforums anschließen, schreibt Peter Wohlleben. Solche Vorhaben können jedoch zu Katastrophen werden, wenn sie nicht richtig umgesetzt werden, warnt er.

Mit seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ landete der Förster Peter Wohlleben einen Bestseller, der jetzt auch ins Kino kommt. Er setzt sich für eine ökologisch wie ökonomisch nachhaltige Waldwirtschaft ein. 

Als jemand, der seine Tage entweder tief im Wald verbringt oder Geschichten über die Wunder der Wälder erzählt, sollte es mich eigentlich freuen, wenn sich Politiker aller Couleur dazu verpflichten, Bäume zu pflanzen, um unsere Erde zu retten.

Am 21. Januar, sprang auch der Mann, den manche als „Klimaleugner Nummer 1“ bezeichnen, Donald J. Trump, mit auf diesen Zug auf und erklärte vor versammeltem Publikum in Davos, die Vereinigten Staaten würden sich der Eine-Billion-Bäume-Initiative des Weltwirtschaftsforums anschließen.

Diese WEF-Initiative ist Teil eines globalen Trends, zu dem auch die Bonn Challenge und die Billion-Tree-Campaign der Vereinten Nationen gehören, bei der das Anpflanzen von Bäumen als Klimalösung beworben wird.

Die Europäische Union erwägt nun ihre eigenen Baumpflanzstrategien und verpflichtet sich, für eine Vergrößerung der europäischen Wälder und die Verbesserung ihrer Qualität zu sorgen.

Wälder sind jedoch viel mehr als nur unsere Verbündeten in der Klimakrise.

Sie stillen unsere Sehnsucht nach ungestörter Natur. Sie sind ein Zufluchtsort für Menschen, die ihrem Geist in wunderschöner, naturbelassener Landschaft Flügel verleihen wollen. Sie stärken unsere Gesundheit und reinigen unsere Luft und unser Wasser.

Mehr Bäume zu versprechen, ist für Politiker, die um die Gunst ihrer Wähler buhlen, daher zweifellos verlockend. Doch gute Umfragewerte und viele Wählerstimmen können schnell in eine Katastrophe umschlagen, wenn solche Pläne nicht richtig umgesetzt werden.

Gescheiterte Baumpflanzungsprojekte in Irland und der Tschechischen Republik haben die Menschen vor Ort entfremdet, und der falsche Baum am falschen Ort kann Waldbrände noch verstärken und sogar noch mehr Kohlendioxid freisetzen.

Mehr noch: Während die Politiker versprechen, mehr Bäume zu pflanzen, werden unsere Waldbestände immer schneller abgeholzt, weil die EU ihre Mitglieder dazu ermutigt, die Verbrennung von Holz zur Energiegewinnung zu subventionieren.

Wie lässt sich also die gegenwärtige Dynamik zugunsten der Anpflanzung von Bäumen in etwas ummünzen, das für uns alle von größerem, langfristigem Nutzen ist?

Die Lösung besteht darin, weniger über Aufforstung nachzudenken und sich vielmehr auf die Wiederherstellung des Großen Europäischen Waldes zu konzentrieren, der früher einen Großteil unseres Kontinents bedeckte. Eine solche Wiederherstellung wäre weitaus erfolgversprechender und böte die Chance, gesunde Wälder zu schaffen – mit Bäumen, die sich gegenseitig in ihrem Wachstum stützen, Nährstoffe mit anderen Bäumen teilen, die krank sind oder sich schwer tun, und ein Ökosystem hervorbringen, das die Auswirkungen extremer Hitze und Kälte für die gesamte Baumgruppe abschwächt.

Vergleichen wir dies mit den Aussagen eines unlängst erschienenen, beunruhigenden Berichts wonach 45 Prozent der weltweiten Zusagen für Baumpflanzungen sich auf Anpflanzungen nur einer einzigen Art beziehen, deren Folgen für die biologische Vielfalt und das Klima gravierend sein können.

Der Nutzen der Anpflanzung junger Bäume beruht auf einem Mythos, der mir noch als Forstwirtschaftsstudent eingeimpft wurde: dass junge Bäume kräftiger sind und schneller wachsen als alte. Tatsächlich aber gilt: Je älter ein Baum ist, desto schneller wächst und desto mehr Kohlenstoff speichert er. Eine Studie, bei der 700.000 Bäume auf allen Kontinenten der Welt untersucht wurden, ergab, dass Bäume mit einem Stammdurchmesser von etwa 90 Zentimetern dreimal so viel Biomasse erzeugen wie Bäume, die nur halb so kräftig sind.

Alt zu sein, bedeutet für Bäume also nicht, schwach, gebeugt und zerbrechlich zu sein. Es bedeutet im Gegenteil, voller Energie und hochproduktiv zu sein. Und es bedeutet, dass ältere Bäume deutlich bessere Puffer gegen den Klimawandel sind als Jungspunde.

Die Lektion, die es für Frans Timmermans bei den Vorbereitungen für die Umsetzung des Europäischen Green Deal zu berücksichtigen gilt, ist daher, sich auf die Wiederherstellung der Wälder und nicht auf die Wiederaufforstung zu konzentrieren. Das heißt für uns, nicht auf die Anzahl der Bäume, die wir anpflanzen, fixiert zu sein, sondern darauf zu achten, dass unsere Wälder gesund sind. Anders ausgedrückt: Baumpflanzungskonzepte müssen die Bemühungen um eine Wiederherstellung und den Schutz der Naturwälder ergänzen.

Das lässt sich jedoch nicht erreichen, indem wir unsere Wälder abholzen und in Anpflanzungen verwandeln, sondern indem wir sie widerherstellen und die natürliche Ausdehnung des Waldes fördern – durch die Einrichtung von Schutzgebieten, eine verbesserte Durchsetzung bestehender gesetzlicher Bestimmungen und das Bekenntnis zu einer Null-Abholzung-Politik.

Noch nie war der Zeitpunkt dafür so günstig wie jetzt.

Wenn diejenigen, die den Europäischen Green Deal umsetzen, den Moment nutzen und eine große europäische Wiederherstellungsinitiative (European Restoration Initiative) auf den Weg bringen, besteht die begründete Hoffnung, dass unsere Nachkommen auch weiterhin staunend durch Wälder laufen und sich an der Fülle des Lebens mit Zehntausenden miteinander verwobener und voneinander abhängiger Arten erfreuen werden und unsere Wälder im Kampf gegen die Klimakrise sinnvoll genutzt werden können.

Peter Wohlleben spricht am Dienstag, den 4. Februar, auf der Internationalen Konferenz der EU über Wälder für biologische Vielfalt und Klima.

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