Deutsche Pläne zum Kohleausstieg müssen Fahrt aufnehmen, um Pariser Abkommen zu erfüllen

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

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Wenn Deutschland aus dem Kohleausstieg maximale wirtschaftliche und soziale Vorteile ziehen und seine Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen erfüllen will, so muss es beim Kohleausstieg jedoch ein deutlich höheres Tempo anschlagen, schreibt Nigel Topping.

Nigel Topping ist CEO der We Mean Business Coalition.

Der in Deutschland nach hartem Kampf geschlossene Kompromiss zum Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2035-2038 ist ein willkommener erster Schritt. Er gibt die Marschrichtung hin zu einer Energieversorgung ohne CO2-Emissionen vor, und diese Empfehlung sollte schnellstens angenommen und in Gesetzesform gegossen werden.

Um dieses Potenzial zu nutzen, muss sich Deutschland höhere Ziele stecken und den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2030 abschließen.  

Angesichts sinkender Kosten für erneuerbare Energien, wachsender Nachfrage aus der Wirtschaft nach sauberem Strom und aus zahlreichen anderen Gründen wird der Markt schneller für den Kohleausstieg in Deutschland sorgen, als es jetzt für möglich gehalten wird.

Indem sie diesen Schwung mitnimmt und mutige Gesetzesvorgaben für den Kohleausstieg auf den Weg bringt, kann die Bundesregierung der Wirtschaft ihre Unterstützung beim beschleunigten Erreichen der Ziele des Pariser Abkommens signalisieren sowie den politischen Rahmen für einen schnelleren Zugang der Unternehmen zum Markt für Strom aus erneuerbaren Quellen schaffen.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Das Bewusstsein um die gesundheitlichen Folgen der Kohleverstromung ist gestiegen und die Unternehmen reagieren darauf. Über 800.000 vorzeitig eingetretene Todesfälle weltweit pro Jahr sowie viele Millionen schwerer und weniger schwerer Krankheiten sind auf die Kohle zurückzuführen. Allein in Europa ist sie die Ursache für 23.300 dieser Todesfälle.

Dies ist einer der Gründe dafür, dass führende Unternehmen zunehmend Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen und die Vermeidung der Kohle fordern. Bisher haben sich im Rahmen der Initiative RE100* mehr als 160 der weltweit einflussreichsten Unternehmen dazu verpflichtet, ihren Bedarf komplett aus erneuerbaren Energien zu bestreiten.

Darunter sind viele führende Unternehmen aus Deutschland wie Allianz Investment Management, BMW und die Commerzbank. Hier hat man erkannt, dass das Wachstum eines Unternehmens mit erneuerbarer Energie kostengünstig und zuverlässig gefördert werden kann.

Nichtsubventionierte Energie aus erneuerbaren Quellen stellte 2017 in 30 Ländern die günstigste Art der Energieversorgung dar, und den Forschungen des Weltwirtschaftsforums zufolge werden die Erneuerbaren weltweit bis 2020 günstiger als fossile Brennstoffe sein.

Dank der Entwicklung von Schlüsseltechnologien wie Stromspeichern und einer besseren Nachfragesteuerung verflüchtigen sich zunehmend auch die Sorgen hinsichtlich der Zuverlässigkeit. Dem Markt für Stromspeicher wird von Bloomberg New Energy Finance bei einem weltweiten Investitionsvolumen von 100 Mrd. Dollar in den nächsten 15 Jahren bis 2030 eine sechsfache Verdoppelung prognostiziert.  

Viele europäische Energieversorger wie Iberdrola, Enel und Ørsted schließen sich dem Ausstieg aus der Kohleverstromung an und setzen sich wissenschaftlich fundierte Emissionsziele (science-based emission reduction targets – SBT), um ihre Verpflichtung gegenüber den Zielen des Pariser Abkommens zu demonstrieren.

So investiert Iberdrola im Rahmen seiner SBT zwischen 2018 und 2022 über 32 Mrd. Euro in die Reduzierung seiner CO2-Emissionen und konzentriert sich dabei auf erneuerbare Energien und Netze. Der dänische Energieversorger Ørsted kann sich durch seine Maßnahmen mehr als die Hälfte der Einsparungen an CO2-Emissionen in Dänemark seit 2006 auf die Fahne schreiben.

Mit der Klarheit ehrgeiziger Zeitpläne können diese Unternehmen guten Gewissens in ein zukünftiges Energieversorgungssystem ohne CO2-Emissionen investieren. Führende Unternehmen haben die EU in einer Erklärung der Initiative We Mean Business und Schreiben von Partnern dazu aufgerufen, sich zum vollständigen Abbau der Treibhausgasemissionen bis 2050 zu verpflichten.

Die Prince of Wales’s Corporate Leaders’ Group (CLG) rief die Umweltminister der EU dazu auf, bis spätestens 2050 die CO2-Emissionen auf null zu senken, und über 20 führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft unterzeichneten gemeinsam mit ehemaligen Staatsoberhäuptern und Regierungsbeamten einen gemeinsamen, von der Nonprofit-Organisation B Team koordinierten Brief, in dem sie von der EU die Einbindung des Nullemissionsziels bis 2050 in ihre langfristige Strategie forderten.

Arbeitsplätze sind der Schlüssel

Eine sorgfältige Planung ist der Schlüssel für eine gerechte Energiewende und sorgt dafür, dass Arbeitnehmer, denen der Verlust ihres Arbeitsplatzes droht, nicht alleingelassen werden. Durch einen strafferen Zeitplan für die Energiewende wäre Deutschland in der Lage, das Beschäftigungspotenzial der erneuerbaren Energien besser zu nutzen.

Nach dem Ende des Steinkohlebergbaus im letzten Jahr arbeiten in Deutschland noch ca. 20.000 Menschen in der Braunkohleindustrie. Hier sollte darauf geachtet werden, dass alle betroffenen Arbeitnehmer und Gemeinden vor den negativen Folgen des Braunkohleausstiegs geschützt werden.  

Auf der anderen Seite zeigt der Arbeitsmarkt auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien ein beispielloses Wachstum. Die Zahl der weltweit in dieser Branche Beschäftigten überschritt nach Angaben der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (IRENA) 2017 die 10-Millionen-Marke, ein Anstieg von 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Deutschland ernährt der Bereich erneuerbare Energien 325.000 Menschen, mehr als das Zehnfache des Braunkohlebergbaus. Durch die Beschleunigung des Übergangs zu einer kohlefreien Zukunft kann Deutschland die Zukunft seiner Arbeitskräfte durch den Aufbau einer integrativen, belastbaren Wirtschaft sichern.

Nach Angaben der amerikanischen Wissenschaftlervereinigung Union of Concerned Scientists werden gemessen an der erzeugten Einheit Strom im Durchschnitt mehr Arbeitsplätze durch erneuerbare Energien geschaffen als durch fossile Brennstoffe. Der Wechsel zu einer klimafreundlichen Wirtschaft kann einem Bericht der New Climate Economy zufolge bis 2030 Wachstumsmöglichkeiten im Wert von 26 Billionen Dollar und 65 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen.

„Das Aufstellen eines Zeitplans für den Kohleausstieg in Deutschland ist ein wichtiger Schritt in Richtung eines gerechten Übergangs zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen, weniger Treibhausgasemissionen und einer gesünderen Bevölkerung. Wir bei IKEA haben uns verpflichtet, bis 2030 klimapositiv zu werden und sind bestrebt, unsere gesamte Wertschöpfungskette ausschließlich mit Energie aus erneuerbaren Quellen zu bestreiten“, erklärt Karol Gobczyński, Leiter Klima und Energie bei der INGKA Group (ehemals IKEA Group, größter Franchisenehmer von IKEA).

Viele europäische Unternehmen, darunter führende Energieversorger, haben auf die Forderung nach einer gerechten Energiewende und dem Schutz aller Arbeitnehmer und Gemeinden reagiert und in einer Erklärung eine gerechte Übernahme in angemessene Arbeitsplätze zugesichert.

Deutschland läuft hinterher

Andere Länder liegen bei der Energiewende weit vorn und ernten bereits die Früchte. Aktuell gibt es sieben Länder, die ihre Energieversorgung ausschließlich oder nahezu ausschließlich aus erneuerbaren Quellen bestreiten. Dazu zählen Norwegen und Österreich, während andere Länder, darunter Spanien, den Weg für eine Energieversorgung komplett aus erneuerbaren Quellen bis 2050 bereitet haben.

Mittlerweile sind mehr als 20 Länder, darunter Großbritannien, Frankreich und Finnland, der Powering Past Coal Alliance beigetreten und haben sich damit verpflichtet, die vorhandenen Kohlekraftwerke schrittweise vom Netz zu nehmen und für neue Kraftwerke ein Moratorium zu verhängen.

Deutschland bezog 2018 seinen Strom zu 35,3 Prozent aus Kohle, gegenüber 35,2 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen. Davon entfallen 12,8 Prozent auf Steinkohle und 22,5 Prozent auf die schädlichere Braunkohle.

In Großbritannien hat die Kohleverstromung im Vergleich dazu nur einen Anteil von 5 Prozent am gesamten Energiemix, in Frankreich sind es sogar weniger als 2 Prozent. Vor kurzem enthüllte Frankreich Pläne zur Verdoppelung seiner Anlagenkapazität zur Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen durch regelmäßige Ausschreibungen als Teil einer auf zehn Jahre angelegten Strategie.

Nach Angaben der Kampagne Europa ohne Kohle sind in Europa über 270 Kohlekraftwerke in Betrieb, von denen mehr als 80 in Deutschland stehen. Im Jahr 2015 kamen 18 Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU aus den Kohlekraftwerken der Region.

Ängste der Versicherer

Große deutsche Versicherungsunternehmen haben wichtige Schritte unternommen, um Finanzierung und Versicherungen für Kohlekraftwerke und Energieversorger, die auf Kohleverstromung setzen, zu begrenzen.

Die Allianz beschloss beispielsweise im vergangenen Jahr den sofortigen Rückzug aus der Versicherung einzelner laufender oder geplanter Kohlekraftwerke und Kohlebergwerke.  

Währenddessen belaufen sich die Mittel zur Auslagerung fossiler Brennstoffe auf insgesamt über 6 Billionen Dollar, wobei Zusagen von fast 1000 institutionellen Investoren vorliegen.

*RE100 wird von The Climate Group in Partnerschaft mit CDP geführt.

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