„Deutsch-Französische Energiekooperation als Triebfeder für den europäischen Wiederaufbau“

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Andreas Kuhlmann (li.), Vorsitzender der dena-Geschäftsführung, und Arnaud Leroy (re.), Präsident der ADEME.

Die Krise der vergangenen Monate mit ihren zunächst nationalen Reaktionen hat gezeigt, wie fragil das europäische Projekt immer noch ist. Dass nun ein gemeinsamer Weg begangen werden soll, ist ein gutes Zeichen. Mit dem Recovery-Plan der EU-Kommission liegt ein mutiger Vorschlag auf dem Tisch, der nicht nur Konjunkturpolitik europäisch denkt, sondern auch Klimapolitik. Deutschland und Frankreich haben zu diesem europäischen Vorstoß maßgeblich beigetragen. Der „Merkel-Macron-Plan“ war ein wichtiges Statement für ein gemeinsames Europa, das in der Krise zusammenwächst, statt auseinanderzufallen.

Ein Gastbeitrag von Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung, und Arnaud Leroy, Präsident der ADEME.

Ein deutsch-französischer Schulterschluss ist auch in den nächsten Wochen entscheidend. Die EU-Staaten müssen sich auf den zukünftigen Finanzrahmen und das grüne Konjunkturpaket einigen. Auch Verhandlungen zum EU-Klimagesetz stehen auf der Agenda. 

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die europäische Wirtschaft nachhaltiger, moderner und solidarischer wiederaufbauen muss. Frankreich und Deutschland haben das mit ihren jeweiligen Konjunkturmaßnahmen bereits deutlich gemacht: Ein wesentlicher Fokus liegt in beiden Ländern auf der Förderung klimafreundlicher Technologien, nachhaltiger Mobilität, auf Investitionen in digitale Infrastruktur und erneuerbare Energien. Als nationale Energieagenturen wollen wir die Verwirklichung unterstützen – durch gemeinsame, europäische Projekte. An der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft können wir helfen, Ziele in die Tat umzusetzen. Am wichtigsten sind dabei zielgerichtete Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit belegen. Mehr Geld ist in der Klima- und Energiepolitik kein Allheilmittel. Es gilt auch Regulierungen anzupassen, Planungsverfahren zu vereinfachen und Fördermittel zu kanalisieren. Das größte Potenzial sehen wir dafür in den folgenden fünf Bereichen:

Airbus als deutsch-französisches Erfolgsmodell für den Umbau der Luftfahrtbranche nutzen  

Der Luftfahrtsektor ist von der Krise besonders betroffen und gleichzeitig eine zentrale Branche, wenn es um den Umbau in Richtung Klimaneutralität geht. Mit Blick auf das europäische Gemeinschaftsunternehmen Airbus und den internationalen Wettbewerb ist es hier besonders wichtig, gemeinsam vorzugehen. Die Entwicklung sauberer Antriebe muss im Vordergrund stehen.  Neben biogenen und strombasierten Treibstoffen, sogenannten Powerfuels, wird auch Wasserstoff als Ausgangsmaterial eine Rolle spielen. Damit die Dekarbonisierung des Sektors gelingt, müssen wir außerdem überlegen, wie viele Flugreisen wirklich nötig sind. Die Luftfahrtunternehmen wiederum werden ihr Geschäftsmodell überdenken müssen. Die zuständigen Ministerien in Deutschland und in Frankreich haben angekündigt, die Branche bei diesen neuen Herausforderungen zu unterstützen. 

Wasserstoff als wichtigen Baustein für die Umstellung der Wirtschaft auf Klimaneutralität einsetzen

Grüner Wasserstoff ist für die Dekarbonisierung vieler weiterer Anwendungen, etwa in der Chemie- und Stahlbranche, wichtig. Sowohl Frankreich als auch Deutschland haben das Potenzial dieses Energieträgers erkannt und jeweils eine nationale Wasserstoffstrategie veröffentlicht. Doch keines der Länder kann den Markthochlauf alleine effektiv vorantreiben. Unsere Pläne und die der EU müssen deswegen ineinandergreifen. Im Rahmen der Deutsch-Französischen Energieplattform arbeiten wir daran, Leitplanken für eine europäische H2-Strategie zu erarbeiten: Es geht um Erzeugungskapazitäten, um grenzübergreifende Infrastruktur und Herkunftsnachweise. Denn die Verwendung von Wasserstoff kann nur dann dem Klimaschutz dienen, wenn die Bewertung der umweltfreundlichen Eigenschaften transparent gemacht wird. 

Das ist auch für Verbraucher ein wichtiges Thema. Um die Expertise unserer beiden Länder gemeinsam einzusetzen, wollen wir außerdem deutsch-französische Projekte initiieren, die die vom Strukturwandel betroffenen Grenzregionen als mögliche Hydrogen Valleys miteinbezieht. Derartige Important Projects of Common European Interest (IPCEI) zielen darauf ab, europäische Wertschöpfungsketten aufzubauen und Synergien zu nutzen. Es geht aber bei alledem vor allem auch um den Ausbau der erneuerbaren Energien. Denn diese sind die Grundlage für Energiewende und Klimaschutz und eben auch für die Produktion von grünem Wasserstoff.

Digitalisierung und Klimaschutz miteinander verbinden

Neben dem Klimaschutz bildet Digitalisierung die zweite zentrale Säule des EU-Plans. In der Verbindung beider Säulen steckt viel Potenzial, das noch nicht ausreichend betont wird. Denn durch die Nutzung und Verarbeitung großer Datenmengen im Umwelt- und Klimabereich können Geschäftsmodelle entstehen und optimiert werden, die die Energiewende voranbringen. Diesen Mehrwert zu erkennen und nutzbar zu machen, ist für viele Stakeholder in der Energiewirtschaft noch eine Herausforderung. Die Deutsch-Französische Energieplattform hilft deshalb zum Beispiel mit dem Wettbewerb „enerthon20“, dieses Entwicklungspotenzial auszuschöpfen. Besonderes Augenmerk muss in diesem Zukunftsfeld außerdem darauf liegen, den Energieverbrauch durch die Digitalisierung zu minimieren und auch auf low tech-Lösungen, etwa im Gebäudebereich, zu setzen.

Erfahrungen aus Deutschland und Frankreich für die Ausgestaltung der „Renovation Wave“ nutzen

Die europäische Renovation Wave als Teil des Green Deals hat das Potenzial, den Gesamtenergieverbrauch um fünf bis sechs Prozent und die CO2-Emissionen um fünf Prozent zu senken. Auch die Stromkosten für alle können dabei sinken.

Bei diesem Vorhaben können dena und ADEME helfen: mit umfangreichen Erfahrungen zu Sanierungskonzepten und Förderinstrumenten, wie z.B. Niedrigstenergie-Gebäudestandards, innovativen Finanzierungsinstrumenten oder der Industrialisierung der Renovierung. 

Grenzregionen als Labore für die europäische Energiewende etablieren

Wir sind beide davon überzeugt, dass die Energiewende trotz nationaler „Eigenarten“ ein europäisches Projekt sein muss. Dass deswegen die Grenzregionen, wo die europäische Idee im Alltag integriert ist, eine besondere Rolle spielen, liegt auf der Hand. Mit Kooperationsprojekten wie dem Leuchtturmprojekt Straßburg-Kehl, das die grenzübergreifende Versorgung beider Städte mit nachhaltiger Wärme vorsieht, wollen wir demonstrieren, wie eine europäische Energiewende gelingen kann. Sie verdeutlichen auch den Bürgern vor Ort, dass wir gemeinsam mehr erreichen können. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, wie wichtig es ist, dass Planungsprozesse im länderübergreifenden Kontext koordiniert werden, um Synergien bei Projekten für Energiewende und Klimaschutz sowie Kompatibilität, etwa in Bezug auf die Ladeinfrastruktur für E-Mobilität, zu gewährleisten. Es sind nicht nur große Stromtrassen, sondern auch lokale Vorhaben wie grenzüberschreitende Smart grids, die gezielte Förderungen im Rahmen der Connecting Europe Facility verdienen und Europa weiter zusammenwachsen lassen.

Die Krise hat Deutschland und Frankreich näher zusammengebracht und kann auch Europa nachhaltig stärken. Eine Lehre aus der gegenwärtigen Krise muss sein: Ohne kooperative Politik werden die Herausforderungen des 21. Jahrhundert nicht zu bewältigen sein. Energiewende und Klimaschutz müssen im Mittelpunkt des europäischen Projekts stehen. Die von der EU-Kommission vorgeschlagenen 750 Milliarden Euro des Wiederaufbauplans können dabei eine wichtige Rolle spielen. Wiederaufbauhilfen sollten an klare Bedingungen knüpfen und einen ökonomischen Rahmen schaffen, der Klimaschutz und neues Wachstum im Einklang mit den Pariser Klimazielen ermöglicht: Das wäre ein wirklich solidarischer und zukunftsgerechter Beitrag der europäischen Politik. 

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