Der Auftrieb der Elektrofahrzeuge könnte grüne Arbeitsplätze schaffen – aber wir brauchen einen Plan

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Die zunehmende E-Mobilität löst gewaltige Veränderungen im Automobilsektor aus, die aber auch ungemeine Chancen mit sich bringen, schreibt Judith Kirton-Darling. [Minerva Studio / Shutterstock]

Die zunehmende E-Mobilität löst gewaltige Veränderungen im Automobilsektor aus,. Wenn wir richtig damit umgehen, bringt diese Wende für Europa eine unvergleichliche Chance, einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen und 14 Millionen Beschäftigten, die direkt oder indirekt von der Automobilindustrie abhängig sind, europaweit eine Zukunft zu bieten, schreibt schreibt Judith Kirton-Darling.

Judith Kirton-Darling ist die stellvertretende Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsdachverbandes IndustriALL Europe. 

Europäerinnen und Europäer verändern unseren Fahrstil. E-Fahrzeuge erobern unsere Straßen, ein Trend, der von wachsender Beliebtheit, technologischer Innovation und neuer Regulierung angetrieben wird und den Automobilsektor zwingt, sich anzupassen, wenn er überleben will. Diese Umstellung ist für unseren Planeten unabdingbar, muss jedoch sorgfältig gesteuert werden, damit nicht eine hohe Anzahl europäischer Beschäftigter zurückbleibt.

Die wachsende E-Mobilität löst gewaltige Veränderungen im Automobilsektor aus, wie aus einem neuen Bericht hervorgeht, der von der Plattform für E-Mobilität initiiert und von der Boston Consulting Group umgesetzt wurde. Diese Branche steht samt ihren Beschäftigten vor der tiefsten technologischen und kompetenzbezogenen Umwälzung, die sie je erlebt hat.

Hinzu kommen andere Störfaktoren wie die Automatisierung, der Verlust von Arbeitsplätzen an Niedriglohnländer, Übernahmen und Fusionen und – natürlich – die Folgen der Pandemie.

Um diesen Übergang zu bewältigen, müssen wir uns schwierigen Fragen stellen. Was mit den Beschäftigten, deren Kompetenzen noch nicht zukunftssicher sind? Wie wird Europas Wettbewerbsfähigkeit als Standort gesichert, an dem Autos entworfen und gefertigt werden?  Wie wird gewährleistet, dass die Mitgliedstaaten nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten?

Auf diese Fragen müssen wir die richtigen Antworten finden: 14 Millionen Arbeitsplätze in Europa hängen direkt und indirekt von unserer Automobilindustrie ab. Die Hälfte der direkt Beschäftigten arbeitet in der Lieferkette – und dieser Bericht zeigt, dass gerade diese Arbeitskräfte besonders von der Umstellung betroffen sind.

Als stellvertretende Generalsekretärin von IndustriAll Europe, einem Gewerkschaftsverband, der europaweit sieben Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertritt, beobachte ich jeden Tag in der Wirklichkeit, was unerwartete Veränderungen für unsere hervorragenden, kompetenten und motivierten Beschäftigten bedeuten.

Geht man indessen richtig mit diesen Veränderungen um, entstehen zusätzliche Chancen für Wachstum, Innovation und – das Wichtigste – gute, gesicherte Beschäftigung.

Deindustrialisierung ist keine Option: sie würde sich verheerend auf das Leben der Menschen auswirken, massive Arbeitslosigkeit auslösen und die Wirtschaft zersetzen.

Blicken wir nur auf Detroit, eine Stadt, die von den wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer verschwundenen Automobilindustrie verwüstet wurde, um die Auswirkungen auf die umliegenden Gemeinschaften zu verstehen.

Die Option eines Status Quo besteht nicht. Stecken wir die Köpfe in den Sand und produzieren weiterhin Autos wie zuvor, werden die Beschäftigten in die Falle einer kontrolliert sterbenden Industrie geführt.

Aus der Analyse des Berichts der Plattform für E-Mobilität geht hervor, dass ein Festhalten am herkömmlichen Autobau sich schlimmer auf die Beschäftigung auswirken würde als die Bewältigung dieser Umstellung.

Im Gegensatz dazu bietet das Ökosystem der E-Mobilität eine ganze Reihe neuer Beschäftigungsfelder in der Batterieproduktion und Ladeinfrastruktur, die schätzungsweise 581.000 neue Arbeitsplätze schaffen werden.

Wenn man’s richtig macht, kann dieser Übergang Europa unvergleichliche Chancen für Wettbewerbsvorteile bieten. Wir sind in anderen technologischen Innovationsfeldern schon jetzt weltweit führend: Dies ist eine Chance, in den Bereichen der E-Mobilität, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur unseren Platz ganz vorn zu erobern.

Es ist noch nicht klar, welche Weltwirtschaft den Vorrang haben wird. Die Länder und Regionen, die sich am ehesten auf die Elektrifizierung einstellen, werden Investitionen und Arbeitsplätze anziehen.

Um dies zu erreichen, benötigen wir eine Reihe koordinierter politischer Maßnahmen, die den Boden für eine neue elektrifizierte industrielle Revolution bereiten. Eine Politik für saubere Energie, Infrastruktur, Steuerpolitik und qualifizierte Arbeitskräfte.

Zahlreiche Unternehmen haben keinen strategischen Plan, um sich auf die bevorstehenden, durch die Digitalisierung und den Netto-Nullenergieumstieg ausgelösten Veränderungen vorzubereiten.

Viele regionale und nationale Regierungen befinden sich in derselben Lage. Um unsere Umstellung auf diesen Übergang zu beschleunigen, brauchen wir einen europäischen Rechtsrahmen, um die tiefgreifenden Veränderungen in den Unternehmen vorwegzunehmen und zu steuern.

Auf diesem Wege müssen klare Aufgaben für die Regierungen festgelegt werden. Dazu gehören eine echte Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie ein offener Dialog mit den Gewerkschaften und den am meisten von der Dekarbonisierung betroffenen Menschen, damit dieser Strukturwandel niemanden zurücklässt.

Ferner müssen Europas hervorragende Arbeitskräfte der Automobilindustrie neu qualifiziert werden. Der Wandel im Design und der Fertigung bringt mit sich, dass qualifizierte und mechanische Arbeitsplätze wegfallen und der Bedarf an IT-, Chemieingenieuren und technischen Fachkräften in die Höhe schießt.

Dies wird auch durch den Bericht der Plattform für E-Mobilität bestätigt:  Bis 2030 müssen 2,8 Millionen Arbeitskräfte angeworben, und das Aufgabenprofil von 2,4 Arbeitsplätzen umgestellt werden. Die Arbeitskräfte müssen dank gezielter Schulungen auf die Arbeitsplätze der Zukunft vorbereitet werden.

Die Automobilindustrie beschäftigt Hunderttausende von talentierten Arbeitskräften, die unsere Wirtschaft jahrzehntelang am Laufen hielten. Wir sind es ihnen jetzt schuldig, dafür zu sorgen, dass deren gute und gesicherte Beschäftigung nicht durch Kompetenzlücken gefährdet wird.

Und schließlich brauchen wir eine europaweite Industriestrategie, um die Automobilindustrie durch eine Wende zu steuern, die für ihr Überleben entscheidend sein könnte. Ein Sammelsurium nationaler Strategien wird nicht funktionieren, ebenso wenig wie ein von Regierungen erdachter Fahrplan, der von den Bürgerinnen und Bürgern nicht angenommen wird.

Wir brauchen einen Plan, in dessen Mittelpunkt der regionale und soziale Zusammenhalt steht, damit die ärmeren Teile Europas nicht abgehängt, und saubere Verkehrsmittel für alle verfügbar sind.

Die Entscheidung, vor der wir stehen, ist nicht, ob wir auf Elektrofahrzeuge umsteigen. Es geht darum, ob wir diesen Übergang nutzen, indem wir Wohlstand und wachsende Beschäftigung sichern, oder ob wir durch unser Scheitern Europa bei den Themen Investition und Innovation zum Schlusslicht machen. Falls wir unserer Automobilindustrie eine gute Zukunft sichern wollen, brauchen wir einen Plan.

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