Der 1,5-°C-Bericht des Weltklimarats: ein Weckruf für den europäischen Klimaschutz

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Es ist Europas moralische Pflicht, auf eine maximale globale Erwärmung von 1,5 °C hinzuarbeiten, meint Dr. Bert Metz. [WDG Photo/Shutterstock]

Mit jedem Monat, der vergeht, wird offensichtlicher, welche Bedrohung der Klimawandel darstellt. Bereits jetzt, bei einer globalen Durchschnittstemperatur von nur einem Grad Celsius (1°C) über dem vorindustriellen Niveau, nehmen Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände und eine Reihe extremer Wetterereignisse merklich an Zerstörungskraft zu und haben häufiger tödliche Folgen – in Europa wie auch in stärker gefährdeten Regionen der Erde.

Vor diesem Hintergrund verdient der bereits durchgesickerte Entwurf des 1,5-°C-Berichts des Weltklimarats (IPCC) Aufmerksamkeit. Auch wenn bedacht werden sollte, dass er sich noch im Entwurfsstadium befindet und sich bis zu seiner Veröffentlichung im Oktober noch in wesentlichen Teilen ändern könnte, sind seine Erkenntnisse ebenso ermutigend wie ernüchternd: Die Erderwärmung kann unter 1,5 °C gehalten werden. Nur so können viele schwerwiegende Folgen für Umwelt und Gesellschaft verhindert werden, die sogar eine Erwärmung um 2 °C mit sich bringen würde. Dazu müssen wir aber entschlossen handeln, und zwar jetzt.

Vor allem die EU muss sich ehrgeizigere Klimaziele setzen als bisher, um die Chancen zu erhöhen, die Erderwärmung unter 1,5 °C zu halten. Während des Klimagipfels 2015 in Paris unterstützte sie jene stärker gefährdeten Länder, die durch die bisherige 2-°C-Obergrenze besonders von einem Anstieg des Meeresspiegels, Extremwetter und tiefgreifenden Wirtschaftsturbulenzen bedroht wären. Sie erwirkten, dass eine Verpflichtung, „die Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten, und Anstrengungen zu unternehmen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 °C zu begrenzen“, in das endgültige Übereinkommen aufgenommen wurde.

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Dem Laien mag ein halbes Grad Erwärmung unbedeutend erscheinen. Bei Wissenschaftlern wächst dagegen die Sorge, dass die Welt bei 2 °C wahrscheinlich mit tiefgreifenden und möglicherweise unumkehrbaren Folgen konfrontiert wird, die bei 1,5 °C eventuell vermeidbar sind.

Für einige Ökosysteme – wie die Korallenriffe weltweit – ist der Unterschied zwischen 1,5 °C und 2 °C aller Wahrscheinlichkeit nach kritisch. Für stark gefährdete Regionen in den Entwicklungsländern macht jeder noch so kleine Temperaturanstieg eine Katastrophe wahrscheinlicher und die Anpassung schwieriger.

Der langfristige Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter ist bei 1,5 °C viel weniger wahrscheinlich als in einem 2-°C-Szenario – ein Unterschied, der für viele kleine Inselstaaten und tief gelegene Staaten entscheidend sein wird. Der Rückgang der Ernteerträge in Afrika und Mittelamerika wird wesentlich geringer ausfallen, ebenso das Risiko einer Wasserknappheit oder tropischer Hitzewellen.

Aber auch reichen Regionen der Erde wie Europa werden die steigenden Belastungen durch größere Temperaturanstiege nicht entgehen. Langanhaltende Perioden mit hohen Temperaturen – wie die tödliche Hitzewelle im letzten Sommer – werden künftig häufiger. Dürren werden landwirtschaftliche Erträge treffen. Stärkere Auswirkungen des Klimawandels an Europas Grenzen werden mehr Verzweifelte und Schutzsuchende zur Flucht bewegen.

Es ist Europas moralische Pflicht, auf eine maximale globale Erwärmung von 1,5 °C hinzuarbeiten, um – wie in Paris versprochen – seinen Beitrag zum Schutz der am stärksten gefährdeten Völker der Erde zu leisten. Daneben hat es natürlich auch eigennützige Gründe, sich zu bemühen, die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern.

Um die 1,5-°C-Obergrenze einzuhalten, müssen die weltweit noch immer steigenden Kohlendioxid-Emissionen (CO2) bis 2050 unter dem Strich auf null zurückgehen. Für alle Treibhausgase, einschließlich Methan und Stickoxid, muss dieser Punkt in den 2060er Jahren erreicht werden. Außerdem müssen große Mengen an CO2 aus der Atmosphäre beseitigt werden: durch Aufforstung, eine Kohlenstoffanreicherung des Ackerbodens und andere Techniken.

Als ersten Schritt muss sich die EU eingestehen, dass ihre bisherigen Anstrengungen nicht ausgereicht haben. Ihr langfristiges Klimaziel lautet: ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 bis 95 % unter das Niveau von 1990 zu senken. Mit den Maßnahmen, die sie bis dato ergriffen hat, wird die EU jedoch nur das untere Ende dieser Spanne erreichen.

Daher sollten die EU und ihre Mitgliedstaaten einen Plan auf den Weg bringen, der zu Nullemissionen aller Treibhausgase bis 2050 führt – so hat es das Europäische Parlament in seiner Position zur Governanceregulierung gefordert. Im nächsten Schritt können dann die Meilensteine für 2030 und 2040 entsprechend ange passt werden. Das würde den Entwicklungsländern ein wenig Raum zum Atmen für ihre eigenen Emissionsminderungen verschaffen.

Die gute Nachricht ist, dass die benötigten technologischen Lösungen – erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Elektrofahrzeuge, klimafreundliche Landwirtschaftstechniken, Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid – schon existieren und preislich immer wettbewerbsfähiger werden. Um ihren Einsatz in großem Umfang zu ermöglichen, braucht es lediglich den politischen Willen, den erforderlichen gesetzlichen Rahmen und – in manchen Fällen – relativ geringe und nach und nach sinkende finanzielle Unterstützung.

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Beim Klimaschutz voranzugehen verspricht eine Reihe von Vorteilen über die Eindämmung des weltweiten Temperaturanstiegs hinaus. Die Reduzierung von Treibhausgasemissionen verringert die Luftverschmutzung vor Ort und verbessert so die Gesundheit. Sie fördert technologische Innovation und ist somit eine Quelle für Wirtschaftswachstum, Wettbewerbsvorteile und Beschäftigung. Sie verspricht sicherere und kosteneffizientere Energiesysteme. Alle diese Zusatzvorteile sind umso größer, je entschlossener gehandelt wird, um auf den 1,5-°C-Pfad umzuschwenken.

Dagegen sind die wirtschaftlichen Kosten, falls nicht auf den Klimawandel reagiert wird, enorm. Laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen wächst die Weltwirtschaft bis 2050 um 10 % mehr, wenn es gelingt, die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen – im Vergleich zu einem Pfad zu 2,5 °C Erwärmung. Ein solches Wirtschaftswachstum würde auch in Europa die Kosten für ein rasches Umlenken auf einen Nullemissions-Pfad gering erscheinen lassen.

Zweifelsohne erfordert es erhebliche Anstrengungen, um den durchschnittlichen globalen Temperaturanstieg auf 1,5 °C zu begrenzen. Klar ist auch, dass wenig Zeit zum Handeln bleibt, bis die in der Atmosphäre angesammelten Treibhausgase uns zu noch stärkeren Temperaturanstiegen in den kommenden Jahrhunderten verdammen – und das unabhängig von künftigen Reduzierungen.

Der IPCC-Bericht sollte ein Weckruf sein und die EU dazu bringen, ihren Worten bei den UN-Verhandlungen Taten folgen zu lassen und entsprechende Strategien und verbindliche Ziele einzuführen, um ihre Bürger zu schützen.

Der Autor

Dr. Bert Metz war Verhandlungsführer für die Niederlande und die Europäische Union beim UN-Rahmenübereinkommen über Klimaänderungen sowie beim Kyoto-Protokoll und von 1997 bis 2008 Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe zu Emissionsreduktionen beim Weltklimarat (IPCC Climate Change Mitigation Working Group). Er ist Fellow der European Climate Foundation und Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Beratungsgremien.

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