Zur Erreichung der Klimaziele: EU will mehr Ökogas

"Wir als Grüne erkennen die Rolle an, die erneuerbare Gase - sei es Biogas oder Wasserstoff - in einer vollständig kohlenstoffneutralen Welt spielen müssen", sagte Jutta Paulus. [Shutterstock]

Die Produktion von Biogas, Biomethan und „grünem“ Wasserstoff wird in den kommenden drei Jahrzehnten um mindestens 1.000 Prozent ansteigen müssen, um das Klimaneutralitätsziel der EU bis 2050 zu erreichen, teilte ein EU-Beamter mit.

Im Jahr 2017 machten erneuerbare Gase bereits rund sieben Prozent des Bruttoinlandsverbrauchs an erneuerbaren Energien in der EU aus, so Antonio Lopez-Nicolas, stellvertretender Referatsleiter in der Energieabteilung der Europäischen Kommission. Damit seien sie „ein wichtiger Teil“ des Energiemixes des Blocks.

Da Europa nun aber das Ziel Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts erreichen will, muss dieser Prozentsatz „deutlich steigen“, erklärte der EU-Beamte bereits bei einer EURACTIV-Veranstaltung im vergangenen November.

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In den langfristigen EU-Szenarien für 2050, in denen die globale Erderwärmung unter 1,5°C gehalten werden soll, würde der Verbrauch gasförmiger Brennstoffe „zwischen 50 und 62,5 Prozent des heutigen Bruttoinlandsverbrauchs“ von Gasen erreichen, so Lopez-Nicolas.

In Millionen Tonnen Öläquivalent bedeute dies „eine erhebliche Steigerung von 17 Millionen Tonnen Öläquivalent auf 200 bis 250 Millionen Tonnen erneuerbare Gase“, betonte der Beamte. Dies sei ein Sprung von bis zu 1.370 Prozent.

So beeindruckend es auch klinge, es sei nicht unmöglich, dies zu erreichen, fügte Lopez-Nicolas hinzu.

Tatsächlich fängt die Europäische Union nicht bei Null an: Sie hat vor etwas mehr als einem Jahr neue EU-Ziele für erneuerbare Energien und Energieeffizienz verabschiedet und erneuerbare Gase in Sektoren wie Heizung und Verkehr eingeführt.

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Skeptische Grüne

Die zunehmende Produktion von erneuerbaren Gasen wirft jedoch Fragen nach ihrer ökologischen Nachhaltigkeit auf. Und die Grünen stehen in dieser Debatte an vorderster Front. „Wir als Grüne erkennen die Rolle an, die erneuerbare Gase – sei es Biogas oder Wasserstoff – in einer vollständig kohlenstoffneutralen Welt spielen müssen“, sagte Jutta Paulus, eine deutsche Politikerin, die für die Grünen im Europäischen Parlament sitzt.

Aber die Grünen zögern dennoch, erneuerbare Gase in der aktuellen Phase mit ganzem Herzen zu unterstützen, betonte Paulus. Erstens seien die verfügbaren Flächen für die Produktion von mehr Biogas oder Biomethan aus der Landwirtschaft begrenzt, so die Parlamentarierin. Zweitens sei die „grüne“ Wasserstofferzeugung aus Wind- und Sonnenenergie durch die Energieverluste bei der Wasserelektrolyse noch nicht attraktiv. Sie verwies auf Verluste zwischen 20 und 30 Prozent bei den derzeitigen Elektrolyseuren.

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„Lassen Sie uns diese wertvollen erneuerbaren und Bio-Gase für Einsatzbereiche wie die Schwerindustrie, den Fernverkehr, die Luftfahrt und die Schifffahrt aufsparen, wo eine Elektrifizierung in naher Zukunft nicht möglich ist“, sagte Paulus den Teilnehmern der EURACTIV-Veranstaltung.

Sie warnte auch davor, dass Öl- und Gaskonzerne Wasserstoff als Vorwand nutzen könnten, um lukrative Investitionen in fossile Brennstoffe zu sichern.

„Wir sollten Wasserstoff nicht als eine Rettungsweste für die fossile Brennstoffindustrie sehen“, warnte sie. Wasserstoff aus Erdgas – derzeit die Hauptmethode zur Herstellung von Wasserstoff – kann aufgrund von Methanaustritt mehr globale Erwärmungsemissionen verursachen als gedacht, warnte sie weiter.

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‘Kompromiss’

Diese Warnungen wurden auch von Pekka Pesonen, dem Generalsekretär des EU-Landwirtschaftsverbandes Copa-Cogeca, aufgegriffen.

„Biogas wird nicht der Retter der fossilen Brennstoffindustrie sein“, erklärte auch Pesonen. Er verwies auf einen „Kompromiss“ zwischen landwirtschaftlich genutzten Flächen und Energiepflanzen.

Die Biogasproduktion könne eine zusätzliche Einnahmequelle für die Landwirte darstellen, betonte er. Der Ausbau der Produktion bringt jedoch ökologische Herausforderungen mit sich, fügte Pesonen hinzu und prognostizierte, dass Biogas aus der Landwirtschaft weiterhin „lokalisiert“ bleiben und hauptsächlich als „Ergänzung“ zu erneuerbarer Elektrizität aus Wind und Sonne dienen wird.

Dennoch wird die Produktion von erneuerbaren Gasen – Biogas, Biomethan und Wasserstoff – laut der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) in den kommenden Jahrzehnten deutlich zunehmen.

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„In unserem Szenario für 2050 erwarten wir ein fünfzehnfaches Wachstum der Bioenergie – von etwa einem Exajoule heute auf etwa 15 Exajoule im Jahr 2050“, sagte Francisco Boshell, der die Arbeit von IRENA im Bereich der Technologieinnovation für erneuerbare Energien leitet. Dies ist eine Steigerung um 400 Prozent im Vergleich zum Business-as-usual-Referenzfall, so Boshell.

In Europa werde sich der Großteil dieses Wachstums voraussichtlich auf die Stromerzeugung konzentrieren, prognostiziert Boshell. Letztes Jahr hat Frankreich das Ziel gesetzt, bis 2030 zehn Prozent des Biomethans in das Gasnetz des Landes einzuspeisen, ähnlich wie es Dänemark bereits tut. Der französische Energieversorger ENGIE will diesen Anteil bis 2050 auf 100 Prozent erhöhen und dabei andere kohlenstoffarme Gase wie Wasserstoff hinzufügen.

Die dramatische Kostenreduzierung von Solar- und Windstrom hat die Produktion von eFuels attraktiver gemacht, erklärte Boshell unter Verweis auf das „große Interesse“ an grünem Wasserstoff, der durch Wasserelektrolyse erzeugt wird.

„Bis 2050 sollen etwa 19 Exajoule erneuerbarer Wasserstoff produziert werden“, so Boshell, die bis dahin etwa acht Prozent des Energiebedarfs ausmachen. Dazu müssten weltweit „etwa 16 Prozent der gesamten Stromerzeugung“ in die Wasserstoffproduktion fließen – oder „etwa vier Terawatt erneuerbare Kapazität“ bis 2050, hob er hervor.

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Kurzfristig wird Erdgas jedoch für die Energiewende „unvermeidbar“ bleiben, so Didier Holleaux, der für die Überwachung der Gasaktivitäten verantwortliche Exekutiv-Vizepräsident von ENGIE.

„Die erste Priorität ist der Ersatz von Kohle, und wir brauchen Erdgas als Ergänzung zu den erneuerbaren Energien, von denen viele nur zeitweise genutzt werden“, bemerkte Holleaux.

Und mittel- bis langfristig müsse „das Gas völlig grün sein“, fügte er hinzu und wies auf das Potenzial hin, bis 2050 in Frankreich „100 Prozent erneuerbares Gas“ zu erzielen.

Das sei aber nur mit einer Reduzierung des Gasverbrauchs möglich, betonte er. Derzeit verbrauche Frankreich 460 Terawattstunden Gas pro Jahr, sagte Holleaux. „Wir gehen davon aus, dass er bis 2050 bei rund 300 TWh liegen wird“, so Holleaux – eine Reduzierung um etwa 34 Prozent.

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[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

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