Zeit für Panik

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg sprach gestern im Umweltausschuss des EU-Parlaments. [Photo: EPA-EFE/PATRICK SEEGER]

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg lieferte am Dienstag im Europäischen Parlament ein leidenschaftliches Plädoyer für den Planeten und forderte die Abgeordneten auf, „in Panik über den Klimawandel zu geraten“ und keine Zeit mehr „mit Diskussionen über den Brexit zu verschwenden“.

In ihrer beeindruckenden Rede vor EU-Beamten, diesmal vor dem Umweltausschuss des Parlaments, sagte Thunberg: „Ich möchte, dass Sie so handeln, als ob das Haus in Flammen steht.“ Und: „Ich will, dass Sie in Panik geraten.“

Die 16-jährige Aktivistin räumte ein, dass „einige Parteien mich heute nicht hier haben wollen, weil sie auf keinen Fall über die Klimakatastrophe sprechen wollen“. Dazu wolle sie antworten: „Es ist in Ordnung, wenn man mich ignoriert, aber man kann die Wissenschaft nicht ignorieren“.

Thunberg zog Parallelen zum Brand in der Kirche Notre Dame am Montagabend: Sie hoffe, „dass die Fundamente unserer Zivilisation noch stärker sind als die von Notre Dame“, befürchte aber, dass dies nicht so sei. Sie fügte hinzu: „Unser Haus bricht auseinander und stürzt ein.“

Die europäischen Politiker sollten deswegen „keine Zeit damit verschwenden, über den Brexit zu streiten“. Es brauche „dauerhafte und beispiellose Veränderungen“ wie Emissionenseinsparungen um mindestens 50 Prozent bis 2030. Das aktuelle Ziel liegt bei 40 Prozent.

Reaktionen

Bas Eickhout, einer der zwei Spitzenkandidaten der Grünen für die Position des nächsten EU-Kommissionspräsidenten, dankte Thunberg für ihre Worte und rief Miguel Arias Cañete dazu auf, „das Beste“ aus seinen letzten Wochen als EU-Klimakommissar zu machen.

Eickhout forderte Cañete außerdem auf, im September noch an einem außerordentlichen UN-Klimagipfel in New York teilzunehmen und dabei ein ambitionierteres 2030er-Ziel im Gepäck zu haben.

Der spanische Kommissar, ebenfalls in Straßburg war, um die Rede von Thunberg zu hören, versicherte dem niederländischen Europaabgeordneten, er werde „keine Mühe scheuen“, um die EU-Mitgliedstaaten auf dem ersten Gipfeltreffen nach den Europawahlen im Juni zur Annahme eines „ehrgeizigen langfristigen Klimaplans“ zu bewegen.

Eickhout kritisiert Europas mangelnden Klima-Ehrgeiz

Europa zeigt sich zu Beginn der entscheidenden Phase der COP24 nicht in der Lage, in der Klimapolitik die Führung zu übernehmen, so Bas Eickhout.

Auf einer Pressekonferenz zu Beginn des Tages und während der Rede selbst rief die schwedische Aktivistin zum Wählen auf: „Es ist wichtig, bei den Wahlen abzustimmen. Ich darf nicht, aber es ist wichtig für diejenigen, die es dürfen.“

Dabei sollten die wahlberechtigten Erwachsenen auch an die nachfolgenden Generation denken: „Sie sollten für Leute wie mich abstimmen, die von der Krise betroffen sein werden.“

Auch Cañete wies darauf hin, dass es zu dem Zeitpunkt, an dem Thunberg und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter alt genug sind, um die entsprechenden Stellen in Politik und Wirtschaft zu besetzen, „zu spät sein wird, um den Klimawandel zu stoppen.“ Deswegen müsse jetzt etwas unternommen werden.

Die sozialdemokratische Gesetzgeberin Miriam Dalli, die insbesondere für ihren Einsatz für striktere CO2-Vorschriften für Pkw in Europa bekannt ist, forderte in dieser Hinsicht, die EU sollte Druck auf ihre Mitgliedstaaten ausüben, um das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken.

Ihr Heimatland Malta und Österreich sind die beiden einzigen EU-Länder, die diesen Schritt bereits unternommen haben. In Schottland war das Wahlalter lediglich für das Unabhängigkeitsreferendum im Jahr 2013 gesenkt worden.

Wichtig für Konservative: Thunbergs Auftritt in den Schulferien

Eine frühere Einladung für Thunberg, bei einer Plenarsitzung des EU-Parlaments zu sprechen, war von der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) und der Allianz der Liberalen und Demokraten (ALDE) blockiert worden.

Der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Udo Bullmann erklärte in einem Interview danach, die EVP und die ALDE hätten darauf bestanden, dass „Kinder am Freitag in die Schule gehören“.

S&D: Konservative und Liberale wollten Greta nicht im EU-Parlament

Die EVP und die ALDE haben gemeinsam verhindert, dass die Klimaaktivistin Greta Thunberg vor dem Europäischen Parlament spricht, so S&D-Fraktionschef Bullmann.

Die Plenarsitzung dieser Woche fiel in die Osterferien in Europa. Thunberg sprach außerdem „nur“ vor dem Umweltausschuss und nicht vor dem gesamten Plenum des Parlaments.

Kritik an/von ALDE und EVP

Die ALDE hatte in der vergangenen Woche weitere Kontroversen ausgelöst, als eines ihrer Mitglieder, Teresa Giménez Barbat, Dr. Bjørn Lomborg zu einem Gespräch einlud. Aus Sicht der Grünen ist es Lomborgs Ziel, weitere politische Klimamaßnahmen abzuwenden. Seiner Ansicht nach sei „technologische Innovation“ ausreichend, um eine zu hohe Erderwärmung zu vermeiden.

Ariadna Rodrigo von Greenpeace Europe kommentierte, die Entscheidung, Thunberg nicht im EU-Parlament begrüßen zu wollen, sich stattdessen aber mit Lomborg zu treffen, wecke „ernsthafte Zweifel an der Qualität der Klimapolitik der ALDE“.

Deutschland steht klimapolitisch "auf der falschen Seite"

Vertrauliche Dokumente, die im Vorfeld des heute in Brüssel startenden EU-Gipfels erstellt wurden, zeigen ein Ost-West-Gefälle in Europa beim Thema Klimawandel.

Die französische Europaabgeordnete Françoise Grossetete (EVP) boykottierte ihrerseits das gestrige Treffen mit Thunberg und erklärte ebenfalls, „Innovation und technologischer Fortschritt“ allein seien ausreichend, um die Emissionen in Europa zu senken.

„Ich weise die ablehnende, mit Katastrophen drohende und atomenergiefeindliche Rede von Greta Thunberg entschieden zurück,“ fügte die Europaabgeordnete hinzu.

Weiter zum Papst

Die junge Schwedin wird nun ihre Reise per Bahn nach Italien fortsetzen, wo sie Papst Franziskus treffen soll.

Auf die Frage von Reportern, was sie dem Papst zu sagen gedenkt, antwortete Thunberg, sie sei sich noch nicht ganz sicher sei, aber „wahrscheinlich“ werde es „das Übliche“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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