Wo bleiben die Ziele für Erneuerbare im Verkehrssektor nach 2020?

Raps für die Produktion von Biospirt. Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Beim Europäischen Rat in Brüssel am morgigen Donnerstag geht es auch um die Ziele zur Nutzung Erneuerbarer Energiequellen bis zum Jahr 2030. Gerade beim Verkehr in Europa warnt die Biokraftstoffindustrie vor einer Zersplitterung der nationalen Politiken.

Beim Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel  an diesem Donnerstag geht es unter anderem um die Ziele zur Nutzung Erneuerbarer Energiequellen bis zum Jahr 2030. Für den Verkehrssektor gilt bisher, dass bis 2020 in jedem EU-Mitgliedsstaats zehn Prozent des Energiebedarfs aus Erneuerbaren Energiequellen bestritten werden müssen; für die Zeit danach hat die Europäische Kommission bislang kein gesondertes Ziel ausgegeben. Sollte es dabei bleiben, hätte dies schwerwiegende Folgen für die bisher angestoßene Entwicklung. Die deutsche Biokraftstoffindustrie fordert daher vom Europäischen Rat ein klares Bekenntnis zu Biodiesel und Bioethanol, das über das Jahr 2020 hinaus konkrete Perspektiven für den Wirtschaftszweig bietet. Nachhaltig produzierter Biokraftstoff ist die einzige in nennenswertem Umfang vorhandene Alternative zu fossilem Öl. Diese Alternative würde ohne Perspektiven für die Zeit nach 2020 vom europäischen Kraftstoffmarkt verschwinden. Aufgrund der heute geltenden, verbindlichen Zielsetzungen für den Verkehrsbereich ist in Europa ein neuer Industriezweig gewachsen, in dem 200.000 Arbeitsplätze in Europa – häufig in ländlichen Regionen – entstanden sind. Die deutschen Klimaziele werden nach Einschätzung des Umweltbundesamtes nur erreicht, wenn nachhaltige Mobilität vorangebracht wird. Denn während im Strom- und Wärmesektor die Treibhausgasemissionen in den kommenden Jahren voraussichtlich sinken werden, steigen sie im Mobilitätssektor, dem zweitgrößten Emittenten von Treibhausgasen. Daher muss der Einsatz von Biokraftstoffen im Verkehrsbereich erhöht werden.

Verkehrssektor in Europa besonders gefordert

Wenn Brüssel keine einheitlichen Vorgaben für die Nutzung Erneuerbarer Energien im Mobilitätsbereich vorgibt, könnten die einzelnen Mitgliedsstaaten zwar separate Biokraftstoffpolitiken beschließen. Aber eine solche Zersplitterung wäre für die europäische Politik eine Bankrotterklärung, denn gerade im Verkehr sind einheitliche Regelungen sinnvoll aufgrund der grenzüberschreitenden Kraftstofflogistik, des grenzüberschreitenden Verkehrs und der europaweit verbindlichen Kraftstoffnormung. Ein Flickenteppich ist auch für die Automobilindustrie problematisch, denn es muss gleiche Vorgaben für die Eignung von Motoren, Abgasnachbehandlung und Materialien für sämtliche Kraftstoffe in Europa geben. Mittel- und langfristig führt eine gemeinsame Erneuerbare-Energien-Politik im Verkehrsbereich zu Wettbewerbsvorteilen für die EU-Wirtschaft. Der Importanteil von Energie ist im Verkehrssektor mit rund 95 Prozent besonders hoch. Durch Biodiesel, Bioethanol, Elektromobilität, mehr Effizienz, Verkehrsvermeidung und Verkehrsverlagerung auf Schiene und Schiff könnte diese Importabhängigkeit vermindert werden. Damit sinkt auch die Abhängigkeit von Öl aus Krisenregionen. Die Mineralölindustrie ersetzt mit Biosprit das fossile Öl, das in der Förderung am teuersten ist und gleichzeitig zu den höchsten Umweltbelastungen führt: Öl aus Teersanden, aus Tiefseebohrungen oder aus Regenwaldgebieten. Deshalb verhindern Biodiesel und Bioethanol schlimmste Umwelteingriffe und hohe Treibhausgasemissionen.

Nachhaltigkeitsschub

Der Biokraftstoffsektor sind Vorreiter in der Landwirtschaft, denn für sie gelten längst gesetzliche Nachhaltigkeitskriterien. Demnach dürfen die Rohstoffe für Biosprit nicht von schützenswerten Flächen wie ehemaligen Regenwäldern stammen. Zudem muss nachgewiesen werden, dass sie im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgasmengen emittieren. Für den Vergleich werden die gesamten Treibhausgase addiert, die bei der Herstellung der Rohstoffe und der Produktion des Biokraftstoffs anfallen. Dieser Wert wird dann mit einem Referenzwert für fossilen Kraftstoff verglichen, dabei schafft hierzulande hergestellter Biosprit bereits eine Reduktion von etwa 50 Prozent. Für die Lebensmittel- und chemische Industrie müssen entsprechende gesetzliche Kriterien eingeführt werden, denn diese Bereiche nutzen den weitaus größten Teil der weltweiten Ackerflächen, ohne dass dies entsprechend reguliert wäre. Immer wieder wird behauptet, dass Bioenergie zu Hunger führe. Das ist falsch. Gründe für Hunger sind korrupte Regierungen, Armut, mangelnde Investitionen in die Landwirtschaft, Wetterextreme, Kriege und Bürgerkriege. Die weltweit steigende Produktion von nachhaltigen Biokraftstoffen bietet dagegen Einkommenschancen für die Landwirtschaft auch im globalen Süden. Genügend Gründe also, die sinnvollen, konkreten Ausbauziele für Erneuerbare Energien im Verkehrssektor fortzuentwickeln und nachhaltig produzierten Biokraftstoffen auch nach 2020 weiterhin eine Perspektive zu geben. Der Autor Elmar Baumann (43), Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) seit 2009, studierte Biotechnologie und Wirtschaftsingenieurwesen in Berlin. Vor seiner Tätigkeit als Geschäftsführer leitete er den Technischen Ausschuss des Verbandes und war für die Arbeitsgemeinschaft Qualitätsmanagement Biodiesel (AGQM) sowie als Gastdozent an der Hochschule Coburg tätig.

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