Wissenschaftler: Energiespeicher für Stromnetz der Zukunft nicht „unbedingt notwendig“

Stromspeicher im Haus, kleine Photovoltaikanlagen und Elektroautos werden die Energiespeicherung revolutionieren, glauben Experten.

Das Aufkommen von Stromspeichern im Haus, kleinen Photovoltaikanlagen und Elektroautos wird die Frage nach der Energiespeicherung revolutionieren, erwartet ein neuer Bericht von EU-Wissenschaftlern. Tatsächlich wird Energiespeicherung aber gar nicht unbedingt gebraucht, glauben Experten.

„Energiespeicher werden heute weitgehend als teure Option angesehen, aber die Kosten sinken und ihr Wert steigt“, befindet ein neuer Bericht des European Academies of Science Advisory Council (EASAC), der gestern veröffentlicht wurde.

Trotz wachsendem Interesse und Investitionen in Milliardenhöhe werden die neuen Speichersysteme jedoch wohl nicht vor 2030 im großen Stile eingesetzt werden, so der Bericht weiter. Dies sei wissenschaftlicher Konsens in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten plus der Schweiz und Norwegen.

Jahrzehntelang wurden Wasserkraftwerke als eine Art riesige Energiespeicher genutzt. Bisher ist es Wissenschaftlern aber nicht gelungen, Wege zu finden, große Energiemengen im Netz selber zu speichern. Mit neuen Produkten wie Teslas Hausspeicher, der ans Stromnetz angeschlossen wird, und grünen Mini-Photovoltaik-Kraftwerken sowie E-Autos könnte die Frage nach der Energiespeicherung nun revolutioniert werden.

Deutschland – nur Zaungast beim Marktrennen der Elektromobilität

Während Autoindustrie und Bundesregierung dem Verbrennungsmotor zu einem zweiten Frühling verhelfen wollen, entsteht in China der Leitmarkt für Elektromobilität. Die Bundesregierung muss handeln.

„Der Einsatz von Lithium-Ionen-Batterien wächst sehr schnell und es ist zu erwarten, dass auch andere Energiespeicher-Technologien wachsen werden“, so der Report mit Blick auf Solarpanels und Batteriesystemen für die Selbstversorgung.

In ihren Vorschlägen für den Elektrizitäts-Binnenmarkt hatte die Europäische Kommission bereits vorgeschlagen, dass Hausbatterien, Solarpanels und E-Autos alle mit dem Netz verbunden werden und bei Bedarf Energie einspeisen könnten, um das Stromnetz stabil zu halten.

Kein klarer Sieger

Die EASAC ist in ihrem Bericht aber nicht sicher, welche Technologie am Ende siegreich sein wird. Die Lithium-Ionen-Technologie dominiere zwar die Schlagzeilen, aber Hydropower sei in Sachen Massenspeicherung von Energie noch nicht am Ende, unterstrichen die Wissenschaftler.

Professor Mark O’Malley von der kanadischen McGill University und dem University College Dublin „gute und schlechte Seiten“ der Speicherung im kleinen Stil. „Das Gute an der Speicherung ist, dass sie unglaublich vielseitig und flexibel ist“; sie könne in allen Aspekten der Elektrizitätssysteme hilfreich sein, so O’Malley. Das Schlechte sei aber, „dass sie gegen alle anderen Optionen antreten muss“ – und nichts biete, das andere Systeme, wie Wasserkraftwerke, nicht auch bieten könnten.

Insgesamt sei eine solche Speicherung „nicht unbedingt notwendig. Und sie ist mit hohen Kosten verbunden. Das ist eine Herausforderung“, erklärt der Professor.

Deutsche Solarindustrie im Ringen um den Weltmarkt

Fast 49.000 tausend Beschäftigte, rund 3,7 Millionen Anlagen und eine Einsparung von mehr als 28 Millionen Tonnen CO² in 2015 – die deutsche Solarindustrie kann sich im europäischen Vergleich durchaus sehen lassen. Dennoch braucht die einstige Vorzeigebranche Deutschlands freien Handel und neue Konzepte, um als wichtiger Faktor der Energiewende zu bestehen.

Subventionen für Energiespeicherung?

Claude Turmes, grüner MEP aus Luxemburg, glaubt fest an die Zukunft sogenannter „flexibler Dienste“ auf dem Energiemarkt, in denen Strom aus Wind, Sonne, Batterie- und Gasspeichern und anderen Formen der privaten Energieproduktion ins Netz eingespeist werden. Doch auch er traut dem Batterien-Hype nicht: „Ich persönlich glaube, dass dieses Thema etwas übertrieben angegangen wird.“ Im Endeffekt müssten die Gesetzgeber lediglich entscheiden, ob sie ein Subventionspaket für die Energiespeicherung schnüren wollen, oder ob der Markt die Speicherung selber regeln kann.

Frauke Ties, Chefin des Industrieverbandes Smart Energy Demand Coalition, sieht das ähnlich, und erklärt: „Es wird auch einfach schwieriger, zwischen smarter Energieproduktion für den Eigenbedarf oder für die Speicherung zu unterscheiden. Wenn ich beispielsweise mein Elektroauto auflade, ist das dann Speicherung von Energie oder eine Reaktion auf meinen Energiebedarf, bzw. den des Autos? Da sind die Grenzen eindeutig verwischt.“

Hintergrund

Weitere Informationen

  • European Academies of Science Advisory Council (EASAC): "Valuing Dedicated Storage in Electricity Grids" | Full report | Executive summary (19 June 2017)