Wird COVID-19 zum Triumph des Fahrrads?

In vielen Städten werden Verkehrskonzepte zu Gunsten des Fahrrads umgesetzt. Einige Städte planen nach der Corona-Krise noch weitreichendere Maßnahmen. [Perekotypol/ Shutterstock]

Ausgangssperren haben den Verkehr in vielen Städten in den vergangenen Wochen lahmgelegt. Diese nutzen die Gelegenheit, die Revolution des Fahrrads voranzutreiben und Autos aus ihren Innenstädten zu verbannen. Ein Blick nach Paris, Brüssel und Berlin.

Ganz langsam fahren die Fahrzeuge der Stadtverwaltung nachts durch die Innenstadt, dabei zeichnen sie dicke gelbe und weiße Linien auf die Straße. Am nächsten Morgen ist er plötzlich da – der neue Fahrradweg. Seit der Autoverkehr wegen der Ausgangsbeschränkungen vielerorts stark abgenommen hat, haben weltweit zahlreiche Städte improvisierte Fahrradwege auf Straßen eingerichtet, auf denen sonst der Autoverkehr tobt. Die Freude über die sogenannten „Popup-Radwege“ oder „Corona lanes“ ist meist groß, in Berlin verteilten Menschen Blumen an die Bauarbeiter.

Auf diese Weise entstanden in Berlin in den vergangenen Wochen knapp zehn Kilometer neuer Fahrradstreifen, zwölf weitere sollen bald folgen. Weitere Strecken werden derzeit geprüft. Auch in Brüssel wurden nächtliche Fahrradweg-Operationen gesichtet, insgesamt sollen 40 Kilometer neue Radwege gebaut werden.

In Paris, wo sich der Verkehr zwischen Januar und März um bis zu 84 Prozent reduziert hatte, kündigte Bürgermeisterin Anne Hildalgo am Dienstag an, schnellstmöglich 50 Kilometer neuer Fahrradstreifen einzurichten. Sie sollen entlang der stark frequentierten Metrolinien verlaufen. Die am Dienstag endende Ausgangssperre habe die Lebenslage vieler Menschen grundlegend verändert, sagte die Ministerin für ökologischen Wandel Elisabeth Borne der Zeitung „Le Parisien“. Das müsse man nützen, um Mobilitätsgewohheiten anzupassen: „Wir wollen, dass diese Zeit eine neue Etappe der Fahrradkultur einleitet und das Fahrrad in gewisser Weise die kleine Königin der Wiedereröffnung wird.“

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Berlin: Emissionsneutral bis 2030

Dabei sind die Popup-Radwege nur provisorische Vorboten einer ohnehin geplanten Verkehrswende, für die es in vielen Städten schon längst Konzepte gibt. Nur scheint es, als würde die Corona-Pandemie alles beschleunigen.

In Berlin, wo es seit 2018 ein bundesweit erstes Mobilitätsgesetz gibt, sollten dieses Jahr ohnehin mehr als 30 Millionen Euro in die Fahrradinfrastruktur investiert werden. Denn das Gesetz sieht vor, die Stadtplanung in Zukunft auf Fußgänger und Fahrradfahrer auszurichten. Bis 2030 soll der Verkehr in der Innenstadt komplett emissionsneutral sein, Fahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotor dürfen dann gar nicht mehr innerhalb des Rings fahren. Busse werden auf nicht-fossile Antriebsenergien umgestellt.

Gleichzeitig soll Berlin immer fahrradfreundlicher werden. Schon jetzt kommen, ähnlich wie in Paris, nur 35 Autos auf 100 Anwohner. Bis zum Jahr 2025 möchte Berlin daher rund 100.000 weitere Fahrradstellplätze errichten und Kreuzungen umbauen, um sie weniger gefährlich für Radfahrer zu machen.

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Die Nachfrage nach Bahnreisen in Europa wird im kommenden Jahrzehnt deutlich steigen, so eine neue Analyse, die auf eine „neue Wertschätzung“ der Öffentlichkeit für saubere Luft und Klimaschutz als Folge des Coronavirus-Ausbruchs hinweist. Hauptverlierer dürften die Airlines sein.

Paris: Keine Straße ohne Fahrradweg

In der französischen Hauptstadt nutzt derweil die amtierende Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Corona-Krise, um ihren seit Jahren dauernden Kampf gegen die Verstopfung der Pariser Straßen in die entscheidende Phase zu führen. „Ich werde nicht zulassen, dass Paris [nach Aufhebung der Ausgangssperre] von Autos überrollt wird, die ein Sinnbild für Luftverschmutzung sind“, kündigte Hidalgo jüngst an.

Am 29. April hatte das Ministerium für ökologischen und einheitlichen Übergang 20 Millionen Euro für ein Maßnahmenpaket vorgelegt, mit dem die Pariser ermutigt werden sollen, auch in Zukunft mehr Fahrrad zu fahren. Dazu gehört, dass die traditionell stark befahrene Rue de Rivoli, die Paris von Ost nach West durchquert und vor dem Rathaus und dem Louvre verläuft, ab Dienstag komplett autofrei sein soll. Gleichzeitig werden außerhalb der Stadt die Parkmöglichkeiten für Pendler verdoppelt.

Es gibt auch Kritiker: „In Zeiten der Ausganssperre ist das Auto ist ein Verbündeter gegen COVID-19. Die Franzosen sind noch nicht bereit, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Wir müssen pragmatisch sein“, meint Pierre Chasseray, Vorsitzender des Vereins „40 millions d’automobilistes“.

Die Pläne der Bürgermeisterin gehen aber weiter. Schon vor der Corona-Krise, im Januar dieses Jahres, hatte Hidalgo ihren Plan für einen Komplett-Umbau der Stadt vorgelegt. Bis 2024, so ihr Versprechen, soll jede Straße in Paris eine Fahrradspur, jede Brücke eine geschützte Spur haben. Mehr als 70 Prozent der Parkplätze – rund 60.000 Stück – sollen in der Innenstadt entfernt werden, um das Autofahren zunehmend unattraktiv zu gestalten.

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Trotz des erklärten Ziels der EU-Kommission, den Verkehrssektor zu „dekarbonisieren“, wird der europäische Verkehrssektor wohl auch 2030 noch stark von fossilen Kraftstoffen abhängig sein.

Brüssel: Anfang der Vélorution

Ein Blick nach Brüssel. Dort soll die ebenfalls am Dienstag endende Ausgangssperre Startpunkt einer regelrechten „Vélorution“ sein, einer Revolution des Fahrradverkehrs: In wenigen Tagen soll die gesamte Innenstadt zur verkehrsberuhigten Zone erklärt werden. Fußgänger und Fahrradfahrer dürfen dann innerhalb des inneren Ringes überall laufen, Fahrzeuge dürfen höchstens 20 Stundenkilometer fahren. Alle Ampeln werden auf gelbes Blinklicht geschaltet. In drei Monaten möchte die Stadt bewerten, ob das Konzept weitergeführt wird.

In einem Brief hatte sich Mobilitätsministerin Elke Van den Brandt die Brüsseler Bevölkerung gebeten, auch nach der Wiedereröffnung Rad zu fahren: „Wenn Sie bei guter Gesundheit sind und die Entfernung nicht zu groß ist, nehmen Sie das Fahrrad. So werden die Autos nicht wieder unsere Hauptstadt verstopfen, wenn die Schulen, Unternehmen und Geschäfte wieder öffnen“. Ob und wie lange sich die Bevölkerung an den Ratschlag hält, wird man bald sehen.

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