„Win-win“ für Klima und Konzerne? Mit Satelliten gegen Klimagase

Laut Wissenschaftlern sind Methanemissionen für mindestens ein Viertel der gesamten globalen Erwärmung verantwortlich. [Tim Hurst / Flickr]

Die Freisetzung von Methan aus Bohrungen ist seit Längerem ein großes Problem für die Öl- und Gasindustrie. Nun könnten sich die Daten der EU-Satellitensysteme als Lösung erweisen.

Im globalen Kampf gegen den Klimawandel steht gemeinhin die Reduzierung der Kohlendioxidemissionen (CO2) im Vordergrund. Dies ist insofern logisch, da CO2 den größten Teil der Treibhausgase ausmacht, die zu dem Problem beitragen.

Doch laut Wissenschaftlern sind Methanemissionen für „immerhin“ rund ein Viertel der globalen Erwärmung verantwortlich. Und: Methan ist über 80 mal schädlicher als CO2, obwohl es nicht so lange in der Atmosphäre verbleibt.

Methanemissionen stammen aus diversen Quellen, einschließlich – und vermutlich am bekanntesten – der Blähungen von Rindern. Aber eine der problematischsten Quellen, die wohl am einfachsten zu bewältigen wäre, ist aber das Methan, das bei der Öl- und Gasförderung in die Atmosphäre freigesetzt wird. Fossile Brennstoffe stoßen nicht nur bei ihrer Verbrennung zur Energiegewinnung CO2 aus, sondern geben auch Methan an die Luft ab, wenn sie aus der Erde gefördert werden. Methan kann außerdem über stillgelegte Bohrschächte freigesetzt werden.

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Tatsächlich dürfte Methan ein umfassenderes Problem darstellen, da es nicht nur zur Erderwärmung beiträgt, sondern auch zur Bildung von bodennahem Ozon, einem Luftschadstoff, der für rund eine Million Todesfälle pro Jahr verantwortlich ist.

Die Statistiken sind atemberaubend: Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) emittierte die Öl- und Gasindustrie im Jahr 2017 rund 76 Megatonnen Methan. 60 Prozent davon sind menschengemacht, der größte Teil davon in der Landwirtschaft.

Emissionseinsparungen möglich

Das klingt zunächst einmal nach schlechten Nachrichten. Da die Wissenschaft aber vor allem auf die besonderen Eigenschaften von Methan aufmerksam macht, wird auch deutlich, dass es viel einfacher sein könnte, diese Emissionen zu reduzieren als es beim CO2 der Fall ist. Möglicherweise könnte eine Methan-Reduzierung sogar einen rascheren und bedeutenderen Einfluss auf die Verlangsamung des globalen Temperaturanstiegs haben als die Einsparung von CO2.

Nach Angaben der IEA könnte die Öl- und Gasindustrie ihre Emissionen um 75 Prozent reduzieren, wenn sie die Methanemissionen in den Griff bekommt. Noch erstaunlicher: zwei Drittel dieser Reduzierung könnten demnach ohne Nettokosten für die Industrie bewerkstelligt werden. Denn faktisch bedeuten Methangasemissionen einen Umsatzverlust für die Öl- und Gaskonzerne: Es wird geschätzt, dass etwa drei Prozent der weltweiten Erdgasproduktion austreten und somit „durch die Luft“ verloren gehen.

Im vergangenen Jahr haben sich 13 der weltweit führenden Öl- und Gasproduzenten verpflichtet, die Methanemissionen ihrer Endprodukte bis 2025 auf 0,25 Prozent zu begrenzen (2017 lag der Wert bei 0,32 Prozent). Außerdem wollen die Mitglieder der Oil and Gas Climate Initiative die „durchschnittliche Methanintensität in allen globalen Operationen“ langfristig auf 0,20 Prozent senken. Die Initiative teilte in einer Erklärung mit, dadurch würden etwa 350.000 Tonnen Methan pro Jahr daran gehindert, in die Atmosphäre zu gelangen.

Das weitaus größere Problem war bisher aber weniger die Reduzierung, sondern viel mehr die Ermittlung von Orten, an denen die Lecks auftreten.

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Mit Satelliten gegen die Gase

Nun scheinen Experten des Satellitenbeobachtungsprogramms Kopernikus der Europäischen Union einen Trick entdeckt zu haben, wie sie Öl- und Gasunternehmen genauestens wissen lassen können, wo derartige Methanlecks auftreten und wie die Firmen investieren können, um sie zu stoppen.

Während der Sustainable Energy Week in Brüssel trafen sich Experten des Erdbeobachtungsprogramms mit Vertretern des Energiesektors, um die mögliche Nutzung der Daten des „Kopernikus“-Systems für die Überwachung und Vorhersage von Methanemissionen zu erörtern.

Heinrich Bovesmann, Forschungsleiter am Institut für Umweltphysik in Bremen, stellt fest, dass die Daten der Satelliten für die Unternehmen entscheidend sein werden, wenn sie Maßnahmen zur Reduzierung der Methanemissionen ergreifen wollen. Denn: „Solange wir keine klaren Daten zur Messung der Emissionsraten haben, können wir auch nichts tun,“ sagt er.

Elisabeth Hambouch, stellvertretende Leiterin der Kopernikus-Abteilung bei der Europäischen Kommission, betont, dasselbe gelte für die politischen Entscheidungsträger. Die Daten seien „zunehmend verfügbar“, damit Maßnahmen gegen Methanemissionen ergriffen werden könnten. „Das Programm ist lediglich ein Informationswerkzeug. Es liegt an den Entscheidungsträgern, wie sie es nutzen wollen,“ mahnt sie.

Eine der Schwierigkeiten für Unternehmen bei der Erkennung von Methanfreisetzungen besteht darin, dass sie aufgrund von Wind schnell verwirbelt werden können. Das macht es schwierig, festzustellen, woher die Emissionen genau stammen. Die über Kopernikus verfügbaren Satellitenbeobachtungstools sollen es aber ermöglichen, den Ursprung des Lecks zu lokalisieren.

Bill Hirst, leitender Wissenschaftler für Atmosphärenüberwachung bei Shell Global Solutions, erklärte während des Energietreffens in Brüssel, inzwischen könne man eine „Emissionsrate“ berechnen, um festzustellen, wie viel aufgefundenes Methan aus der Erde stammt und beispielsweise bei einer Bohrung freigesetzt wurde.

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Das Überwachungssystem ist noch nicht perfekt. Zum Beispiel hat es derzeit Schwierigkeiten, Methan über dem Meer zu erkennen. Grund dafür ist die dunkle Meeresoberfläche: Nur wenn die Sonne auf das Wasser scheint, sind die Emissionen vollständig sichtbar. Es werden Anstrengungen unternommen, auch diese Hürde zu nehmen.

Hirst sagte mit Blick auf das Kopernikus-Programm, er würde Politikerinnen und Politikern raten, die Vorteile der verfügbaren Satellitendaten zu nutzen, denn die Reduzierung der Methanemissionen sei im Kampf um die Senkung der Treibhausgasemissionen ein relativ leicht zu erreichendes Ziel.

Hirst weiter: „[Methan] verbleibt etwa neun Jahre in der Atmosphäre; beim CO2 sind es Jahrhunderte. Wenn ich jetzt einen Zauberstab schwenken und sofort alle CO2-Emissionen abschaffen könnte, würde ich die Auswirkungen erst in einem Jahrhundert sehen. Aber wenn ich die Methanemissionen – und zwar nur die von Menschen verursachten – reduzieren würde, könnte ich schon sehr bald Erfolge sehen.“

Die Europäische Union verfügt bereits über Strategien zur Bekämpfung der Methanemissionen aus Abfällen. Aus Sicht einiger Experten könnte jedoch vor allem die Reduzierung des unfreiwillig bei der Öl- und Gasförderung freigesetzten Methans sowohl für das Klima als auch für die Gewinne der Ölindustrie eine Win-Win-Situation darstellen.

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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