Wie grün können Deutschland und Europa wirklich werden?

Emissionen aus einem Kohlekraftwerk. [Kodda/Shutterstock]

Kanzlerin Merkel will es, die neue EU-Chefin Ursula von der Leyen auch: Bis 2050 soll Europa klimaneutral sein. Doch was bedeutet das? Und geht das überhaupt? EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel berichtet.

Ursula von der Leyen hat es zum zentralen Thema der Rede gemacht, die ihr im Europaparlament knapp den Sieg sicherte und sie zur Präsidentin der Europäischen Kommission befördert: Die EU soll bis 2050 „klimaneutral“ werden.

Auch Kanzlerin Angela Merkel (ebenfalls CDU) hat sich im Mai ebenfalls für dieses Ziel ausgesprochen. Neutral betrachtet klingt erstmal ganz gut. Aber was genau steckt dahinter? Und wie realistisch ist das Ziel?

Ist Klimaneutralität bis 2050 wirklich nötig, um das Klima zu retten?

Unbedingt. Jedenfalls fasst der Weltklimarat IPCC die aktuellen wissenschaftlichen Studien zum wichtigsten Klimagas Kohlendioxid so zusammen. Um mehr als 1,5 Grad Erderwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit sicher zu vermeiden, dürfte die Weltgemeinschaft schon 2040 kein Kohlendioxid mehr ausstoßen.

Ist es erst 2050 so weit, stehen die Chancen nur noch fifty-fifty. Und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Kipppunkte erreicht werden, ab denen die Erderwärmung sich selbst verstärkt. Das ist beispielsweise das Tauen des Permafrosts in der Arktis, was große Mengen Methan freisetzen würde – ein potentes Treibhausgas.

Was bedeutet Klimaneutralität eigentlich genau? Heißt das null Emissionen?

Nein, Klimaneutralität bedeutet nicht, dass es überhaupt keine menschlichen Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen geben darf. Das wäre auch so gut wie unmöglich, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

Klimaneutralität bedeutet den verbleibenden Ausstoß wieder auszugleichen, indem entsprechend viel CO2 aus der Atmosphäre geholt wird und am Ende eine Netto-Null steht.

Eine europäische "Heldentat" gegen den Klimawandel

Finnland will’s wissen: „Die Lösung der Klimakrise kann die nächste europäische Heldentat sein,“ schreibt Premierminister Antti Rinne in einem Blog-Post.

Negativemissionen nennt sich das in der Fachsprache. Offen ist, ob es auch einen „Deal“ mit ärmeren Ländern geben könnte, denen grundsätzlich noch Emissionen zugestanden werden. Sie könnten diese trotzdem stärker reduzieren und dafür Hilfszahlungen erhalten.

Was sind negative Emissionen genau und welche Techniken gibt es?

„Ohne negative Emissionen geht es nicht“, sagt Oliver Geden, SWP-Wissenschaftler und IPCC-Leitautor, zu Tagesspiegel Background. Umweltverbände denken dabei gern an Wiederaufforstung und den Erhalt biologischer Senken wie Graslandschaften und Wälder. Doch wird das kaum reichen: „Irgendwann müssen technische Lösungen her“, sagt Klimaforscher Geden. Eine ist Direct Air Capture, also das Filtern von CO2 aus der Luft. Dies könnte politisch bald eine Hauptrolle spielen, weil es nicht viel Fläche benötigt. Doch es ist noch sehr teuer.

Zuletzt brachte die Kanzlerin CCS (Carbon Capture and Storage) wieder ins Gespräch, also das Verpressen von CO2 im Untergrund, zum Beispiel in alten Gasfeldern. CCS-Projekte in Deutschland scheiterten in der Vergangenheit oft am Widerstand von Bürgerinitiativen, Umweltverbänden und der Bundesländer, die rechtlich über Projektanträge entscheiden. Ein Projekt in Ketzin bei Potsdam wurde aber erfolgreich zu Ende gebracht.

Welche Bereiche sind einfach zu dekarbonisieren, wo wird es schwierig?

Genau lässt sich das noch nicht sagen, sonst könnte man einen Klimamasterplan auf dem Reißbrett entwickeln. Die Technik schreitet fort, nicht alle künftigen Erfolge und Reinfälle sind absehbar. Zum Beispiel sind die erneuerbaren Energien deutlich schneller preisgünstig geworden als gedacht, insbesondere die Photovoltaik. Resultat ist, dass es gar nicht mehr so teuer werden wird, die Stromerzeugung weitgehend zu dekarbonisieren und nur noch eine Restmenge mit Erdgas oder gleich Biogas zu erzeugen.

Bei Speichertechnologien, insbesondere bei Speichern für große Energiemengen, die auch mal die Überbrückung einer langen Windflaute im Winter ermöglichen, sieht es dagegen noch nicht gut aus.

Trotzdem soll grüner Strom das Kernstück einer klimafreundlichen Energiewirtschaft werden – zum Beispiel, indem der Verkehr weitgehend auf Elektrizität umgestellt wird und indem aus Ökostrom mittels Elektrolyse Wasserstoff hergestellt wird. Den könnte auch die deutsche Industrie im großen Maßstab einsetzen. Diese Techniken sind aber noch in der Pilotphase und teuer.

In der Industrie warten zudem noch einige weitere Knackpunkte – bei der Stahl- und Zementherstellung zum Beispiel ist gar nicht die Energie das Hauptklimaproblem, sondern der Prozess an sich, der viel Kohlenstoff freisetzt. Auch hier gilt: Teure Pilotprojekte gibt es, die Anwendung im großen Stil ist aber noch weit weg.

Was sagt die deutsche Wirtschaft dazu?

Das kommt drauf an, wen man fragt. Viele Unternehmen, die nicht besonders CO2-intensiv arbeiten, unterstützen die Energiewende und den Klimaschutz stark. Andere sind zögerlich. Der Industrieverband BDI hatte sich jüngst nicht eindeutig festgelegt, welche Zielmarke für 2050 gelten soll. Während ausgerechnet die früher so defensive Stromwirtschaft fast vollständig auf Dekarbonisierung setzt, sind die energieintensiven Industrien deutlich reservierter.

Welche Länder machen die größten Fortschritte und unterstützen von der Leyen?

Norwegen nutzt seit rund 20 Jahren leere Gasspeicher in der Nordsee und die alte Förderinfrastruktur, um CO2 im Untergrund zu verpressen. Viele Millionen Tonnen CO2 wurden über Pipelines unter dem Boden der Nordsee eingelagert. Mittlerweile wird CO2 auch von Fabriken mit Gastankern zu den Lagerstätten transportiert. Die norwegische Regierung ist sogar gewillt, CO2 zu importieren.

Dänemark: Neue Regierung prescht mit höchst ehrgeiziger Klimapolitik vor

Die dänischen Sozialdemokraten und ihre drei Koalitionspartner ein politisches Programm vereinbart, das eines der ehrgeizigsten Klimastrategien der Welt sein dürfte.

Auch die EU steht CCS positiv gegenüber. Sie treibt die Entwicklung von fünf Großprojekten in diesem Bereich voran. Darunter ist zum Beispiel „Porthos“, mit dem die Häfen von Antwerpen, Rotterdam und Gent CO2 unter den Meeresboden der niederländischen Nordsee pressen wollen. Die Niederländer setzen schon jetzt auf starke CO2-Reduktionen.

Wer ist gegen Klimaneutralität?

In Teilen Osteuropas ist das Thema ein rotes Tuch. Bei der Abstimmung über eine klimaneutrale EU bis 2050 haben sich Polen, Ungarn und die Tschechische Republik quergestellt. Diese Staaten sind nämlich besonders von Kohle, Öl und Gas abhängig. Beispiel Polen: Dort machen Braun- und Steinkohle den Löwenanteil der Stromerzeugung aus, Zehntausende Arbeitsplätze sind von der Kohle abhängig.

Der Übergang in eine emissionsfreie Wirtschaft würde den Ländern also einiges abverlangen. Laut einer Meinungsumfrage von „Eurobarometer“ sehen nur 22 Prozent der Tschechen den Klimawandel als eines der wichtigsten Herausforderungen an – der niedrigste Wert in der EU. Auch in Polen rangiert die globale Erwärmung eher unten.

Geht es wirklich nur um das Jahr 2050? Oder stehen andere politische Ziele hinter dem Ruf nach Klimaneutralität?

Aufgrund der eindeutigen Aussagen der Klimaforscher sind das Zieljahr 2050 und die bis dahin erreichten Fortschritte tatsächlich wichtig. Die Verschärfung und Festlegung auf Klimaneutralität hätten aber auch Auswirkungen auf die näher liegenden Ziele, denn ein Einsparungspfad, der am Ende steil ansteigt, wäre unglaubwürdig. Sowohl Deutschland als auch die EU müssten schon in den kommenden Jahren ihre Anstrengungen vervielfachen, um Aussicht auf Klimaneutralität bis 2050 haben zu können. Genau deshalb drängen die Grünen zum Beispiel so vehement darauf, Klimaneutralität als Ziel festzuschreiben.

Die großen Pläne der Ursula von der Leyen

Sie hat versucht, ihr politisches Profil im Schnelldurchlauf zu schärfen: Klimaschutz, die Erweiterung des Schengenraums, die Aussöhnung von und Ost- und Westeuropa – das wären die Prioritäten einer Kommission von der Leyen.

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