Wenn China nicht mehr mitspielt: Wohin mit dem europäischen Müll?

Im Jahr 2015 verschifften die EU-Länder mehr als eine Million Tonnen Plastikmüll nach China. [Schutterstock]

Die EU hat ein Problem: 60 Prozent des Plastik- und 13 Prozent des Papiermülls werden zum Recycling nach China verschifft. Doch Peking hat keine Lust mehr auf ausländischen Müll.

Im vergangenen Juli hatte China gegenüber der Welthandelsorganisation angekündigt, dass der Import von 24 Müllsorten ab Januar 2018 verboten werde, darunter Plastik und Mixpapier. Bis 2019 sollen Müllimporte dann komplett abgeschafft werden. Als Begründung nennt die chinesische Regierung Umweltbedenken.

Die europäischen Recyclingfirmen wittern nun ihre große Chance: „Das ist ein Weckruf. China hat deutlich gemacht, dass es nicht die Müllhalde Europas sein will, und ich denke, dass ist absolut richtig so,“ sagt Ton Emans, Präsident der Vereinigung europäischer Plastik-Recycler (PSR). Langfristig könne Europa davon nur profitieren, so Emans weiter.

Kurzfristig gibt es jedoch keine einfachen Lösungen. China steht für mehr als die Hälfte der globalen Nachfrage nach Plastikmüll und ebenfalls für rund die Hälfte der globalen Papiermüll-Importe. Müllhändler haben Probleme, alternative Märkte zu finden.

Das Bureau of International Recycling hielt vor kurzem sein Jahrestreffen in Indien ab, dem drittgrößten Müllimporteur nach China und Hong-Kong. „Indien hat sicherlich riesiges Potenzial, aber noch wird es nicht ausgeschöpft,“ erklärt Arnaud Brunet, Vorsitzender des BIR. China sei mit Abstand der größte Markt. Kein anderer Staat habe die Kapazitäten, das Land als Müllimporteur zu ersetzen.

Im Jahr 2015 verschifften die EU-Länder mehr als eine Million Tonnen Plastikmüll nach China, wo die Abfälle in der größtenteils informellen und arbeitsintensiven Recyclingindustrie von Hand und unter hohen Umweltkosten sortiert werden.

Deutschland braucht ein starkes EU-Kreislaufwirtschaftspaket

Das EU-Kreislaufwirtschaftspaket geht nun in die entscheidende Verhandlungsphase.

Als die chinesische Regierung bekanntgab, dass die Lizenzen für 2018 nicht erneuert werden würden, sahen sich die europäischen Märkte einer Plastikmüll-Flut gegenüber. Die Preise fielen dramatisch. Zumindest ein Teil der Abfälle konnte recycelt und in neuen Materialien wiederverwendet werden. Es wurde aber klar, dass in der EU die notwendigen Sortier-Kapazitäten fehlen.

„Wenn die Abfälle unsortiert bleiben, interessiert sich niemand dafür. Dann können Sie sie im Prinzip nur noch verbrennen. Das ist wirklich traurig, wenn man bedenkt, wie viele Ressourcen wir wiederverwerten könnten,“ so Emans.

Das gleiche gilt für die rund zwei Millionen Tonnen Altpapier, die jedes Jahr nach China exportiert werden. Wenn die Sortierung in China nicht mehr genutzt werden kann, „dann stehen unsere Energie- und Klimaziele auf dem Spiel, weil wir unsere Anlagen länger und mit mehr Energie betreiben müssen,” um das gemischt entsorgte Papier zu sortieren, warnt Ulrich Leberle vom Europäischen Papierindustrie-Verband (CEPI).

Darüber hinaus gelten für Altpapier aufgrund der Brandgefahr besonders strikte Lagerungsvorschriften. Nicht mehr genutztes Papier könnte am kostengünstigsten sofort verbrannt werden – was allerdings den EU-Müllvorschriften widerspricht, die für Altpapier Recycling als Priorität festschreiben. Dennoch wird anscheinend bereits vermehrt Papier verbrannt, heißt es in Industrieberichten.

Dies wiederum könnte auch zu niedrigeren Recyclingquoten führen. In Frankreich werden aktuell beispielsweise 82,2 Prozent des Pappe- und Papiermülls recycelt. „Wir haben die Behörden davon in Kenntnis gesetzt, dass wir einen Rückgang der Recyclingquoten erwarten,“ so Pascal Genevieve vom französischen Recyclingverband FEDEREC.

EuRIC, ein weiterer europäischer Recyclingverband, sieht das Importverbot Chinas sowohl als Gefahr als auch als Chance. Derzeit übersteige der Müll in Europa die Nachfrage der Recycler bei Weitem. Zugang zu internationalen Märkten, in die Müll exportiert werden kann, sei somit weiterhin wichtig. Auf der anderen Seite könnte dieser plötzliche Markt-Schock aber auch zu einem Umdenken in der Recycling-Politik der EU beitragen, hofft der Verband.

Tatsächlich verhandeln die EU-Institutionen derzeit vier Richtlinien zu Müll, Verpackungen, Deponien und Endentsorgung als Teil des Maßnahmepakets für die Kreislaufwirtschaft. Das Europaparlament fordert derweil ambitioniertere Recyclingziele sowie verpflichtende Maßnahmen, die Hersteller für die finale Entsorgung ihrer Produkte haftbar machen würden. Der zweite Vorschlag wird allerdings von mehreren Mitgliedstaaten abgelehnt.

EU-Parlament will Hersteller bei Müll-Entsorgung in die Pflicht nehmen

Mehr Jobs, weniger Lebensmittelverschwendung und Abfall, so loben Befürworter die neuen Recycling-Ziele des EU-Parlaments. Die Industrie sieht einige Punkte jedoch kritisch.

Die Europäische Kommission will im Januar ihre Plastik-Strategie vorstellen, mit der unter anderem die Recyclingquote bei Plastik (derzeit 30 Prozent) erhöht, das Austreten von Abfallstoffen in die Natur verhindert sowie die Verwendung recycelter Materialien gefördert werden sollen.

Die Recyclingunternehmen schlagen dazu beispielsweise festgelegte Müllziele oder niedrigere Mehrwertsteuersätze für Produkte mit recycelten Komponenten vor.

EuRIC-Generalsekretär Emmanuel Katrakis: „Wenn wir in einer besseren Lage sein wollen, einer eher kreislaufwirtschaftlich orientierten Lage, dann müssen wir jetzt die notwendigen Schritte unternehmen und den Markt zu nachhaltigeren Praktiken anregen, indem die positiven Externalitäten des Recyclings mehr geschätzt werden. Wenn wir uns dazu entschließen, wird es Europa in zehn Jahren sehr viel besser gehen.“

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