Weniger Kraftstoff, dafür mehr Plastik: Ölindustrie schöpft Hoffnung

Plastic_petrochemicals [Frédéric Simon / EURACTIV]

Da der Kraftstoffverbrauch von Autos voraussichtlich Mitte der 2020er Jahre seinen Höhepunkt erreichen wird, sucht die Ölindustrie nun ihr Heil in Kunststoffen, wo die Nachfrage nach wie vor stark ist. Aufgrund des von der EU angeführten globalen Kampfes gegen Plastik könnte sich jedoch auch diese Strategie als problematisch erweisen.

Der absolute Höhepunkt des globalen Ölverbrauchs – zumindest bei Pkw – steht kurz bevor. Dies ist vor allem auf die Verbesserung der Kraftstoffeffizienz und die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten zurückzuführen, so die Internationale Energieagentur (IEA).

In ihrem Weltenergieausblick für 2018 prognostiziert die IEA, dass der Ölverbrauch bei Autos „Mitte der 2020er Jahre“ seinen Höhepunkt erreichen wird. Im Jahr 2040, wenn rund 300 Millionen Elektroautos auf den Straßen sein sollen, würden dann rund drei Millionen Barrel Öl weniger benötigt werden – pro Tag.

Reicht dies aus, um die globale Ölnachfrage deutlich zu senken? Die IEA glaubt: Eher nicht. Denn die Petrochemie und vor allem die Kunststoffproduktion dürften sich als „die größte Wachstumsquelle für den Ölverbrauch“ in den kommenden zehn Jahren erweisen.

„Selbst wenn sich die weltweiten Recyclingquoten für Kunststoffe verdoppeln würden, würde dadurch nur etwa 1,5 Millionen Barrel pro Tag (mb/d) von den prognostizierten Zuwächsen von mehr als 5 mb/d eingespart,“ schreibt die IEA in ihrem Ausblick und weist dabei vor allem auf das weitere Wachstum der Plastik-Nachfrage in Asien hin.

2050 gibt es mehr Plastik als Fisch im Meer

Ein UN-Bericht über Kunststoffverschmutzung zeigt, dass Regierungen auf der ganzen Welt zu handeln beginnen. Das Plastik-Problem bleibt trotzdem akut.

Die Ölindustrie sieht Kunststoffe daher als „Rettung“ und als gute Möglichkeit zur Diversifizierung.

„Die Ölindustrie sucht nach ihrem nächsten Wachstumstreiber; und die petrochemische Industrie ist ein Schlüsselmarkt für das Wachstum bei der Ölnachfrage,“ bestätigt auch Rob Gilfillan, Leiter der Abteilung Folien und flexible Verpackungen beim Beratungsunternehmen Wood Mackenzie.

„Rückschläge“ für die Plastikindustrie in Europa

Allerdings dürfte auch diese Rettungsstrategie gefährdet sein.

So weist Gilfillan darauf hin, dass es in Europa ein „verbrauchergetriebenes Gegengewicht“ zu Kunststoffen gebe, das langfristig die Nachfrage nach Petrochemikalien für die Kunststoffproduktion ebenfalls dämpfen dürfte.

Zu den am stärksten betroffenen Substanzen gehören Ethylen und Propan, die für Plastiktüten und Verpackungen verwendet werden. Auch die Nachfrage nach Polyolefin, das in Verpackungsfolien und Polyester eingesetzt wird, werde voraussichtlich zurückgehen.

Wie groß der Einfluss Europas sein wird, bleibt jedoch vorerst unklar: „Wir werden kurzfristig wohl nur sehr geringe Auswirkungen auf die petrochemische Nachfrage sehen,“ erklärt Gilfillan. Vor allem auf den asiatischen Märkten dürfte in den kommenden Jahren mehr Plastik verwendet werden, da die Verbraucher dort weiterhin verstärkt einen vermeintlich „westlichen Lebensstil“ imitieren wollten. Darüber hinaus liegen die Recyclingquoten für Plastik auf entwickelten Märkten wie den USA immer noch deutlich unter den europäischen Werten, fügt er hinzu.

Immer mehr Plastik auf der Welt

Während die globale Produktion von Kunststoffen steigt, nimmt sie in Europa ab. Letzteres ist aber wohl auf steigende Importe zurückzuführen.

Dank verstärkter Investitionen in die Abfallverwertung könnten in der EU recycelte Harze bis 2030 fast ein Drittel und bis 2050 fast 60 Prozent der Primärkunststoffe ersetzen, so eine Einschätzung der Beratungsagentur McKinsey, die Bloomberg News zitiert. Die Nachfrage nach petrochemischen Produkten dürfte somit also ebenfalls stark sinken.

Ein Großteil dieser Entwicklung ist dabei politisch bedingt. Im Dezember vergangenen Jahres traf die Europäische Union eine Vereinbarung über das Verbot von Kunststoffprodukten zum Einmalgebrauch wie Besteck und Lebensmittelbehältern. Die EU-Länder müssen außerdem bis 2030 mindestens 70 Prozent der Verpackungen – und 55 Prozent der Kunststoffe – nach neuen Regeln recyceln, die Anfang 2018 ausgehandelt wurden.

Das Verbot von Einweg-Kunststoffen zeigt, dass Europa „weltweit führend bei der Bekämpfung von Kunststoffmüll ist“, glaubt die Europäische Kommission. Zuvor hatte die EU-Exekutive das politische Ziel ausgegeben, dass alle Kunststoffe bis 2030 wiederverwendbar und recycelbar sein müssen. Dieses Ziel muss allerdings noch in konkrete Gesetze umgewandelt werden.

Der nächste Ausweg: Langlebige Kunststoffe

Früher oder später wird dies Auswirkungen auf die Petrochemie- und somit auch auf die Ölindustrie haben. Verpackungen und Einwegartikel machen derzeit 38 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Kunststoffen aus, erklärt Paul Bjacek, Forschungsleiter Chemie & Energie bei Accenture Consulting. „Wenn all das recycelt und wiederverwendet wird, würde dies einen erheblichen Volumen-Verlust für Öl und Gas bedeuten,“ sagte er gegenüber EURACTIV.

Die Petrochemie wäre dann zwar „nach wie vor der wachstumsstärkste Markt für Öl“, aber das Wachstum könnte „deutlich geringer“ ausfallen. Bis 2040 läge das Wachstum dann „nur“ bei etwa 0,5 Prozent pro Jahr, so die Berechnungen von Accenture.

Um diesen Trend zu weniger Wachstum umzukehren, müsse die Industrie über Einweg-Kunststoffe hinaus denken und „eher langlebige Anwendungen“ wie beispielsweise Automobilteile anvisieren, die nicht so häufig recycelt werden, glaubt Bjacek. „Wir denken, dass die Produzenten jetzt Lösungen für beide Optionen finden müssen – langlebige und nicht langlebige Güter.“

EU-Parlament bestätigt Ehrgeiz im Kampf gegen Umweltverschmutzung durch Plastik

Das EU-Parlament wird am späten Mittwochnachmittag voraussichtlich die europaweite Plastikstrategie annehmen. Bei der finalen Abstimmung in Straßburg über die im Dezember mit den Mitgliedstaaten erzielte Einigung wird eine breite Mehrheit erwartet.

Neben der Lieferung von Hochleistungswerkstoffen für die Wind- oder Luft- und Raumfahrtindustrie seien petrochemische Anlagen auch für neue Aktivitäten wie das „chemische Recycling“ von Kunststoffen, die nicht „mechanisch“ in traditionellen Anlagen recycelt werden können, gerüstet, so Bjacek.

Öl- und Gasunternehmen seien demnach „gut positioniert“, um sich mit diesem chemischen Recycling zu befassen, da sie über das Know-how und die notwendige Größe verfügen, um solches Recycling wirtschaftlich zu betreiben.

Allerdings gebe es „noch nicht viel Bewegung in diese Richtung“, muss er zugeben. Die meisten Unternehmen, die bereits heute chemisches Recycling betreiben, seien Start-ups.

Einfluss auf die Öl-Nachfrage

Wie groß – oder wie klein – wird der Effekt von Plastikverboten und verbessertem Recycling also auf die Ölindustrie sein?

„Es wird sich in gewisser Weise auf die Ölnachfrage auswirken“, räumt Consultant Bjacek ein. Allgemein werde erwartet, dass bis 2040 etwa 70 Prozent aller Kunststoffe recycelt werden und der Rest „dauerhaft gemacht“ oder durch andere Materialien ersetzt wird.

Die Öl- und Gasproduzenten ihrerseits geben sich zuversichtlich, was die Zukunftsaussichten für den petrochemischen Sektor und ihre Fähigkeit zur Anpassung an neue Marktbedürfnisse betrifft: „Wir sind noch weit davon entfernt, dass die Recyclingquoten mit dem schnellen Wachstum der Nachfrage nach petrochemischen Produkten Schritt halten. Wir werden weiterhin petrochemische Produkte auf Öl- und Gasbasis benötigen, um diese Lücke zu schließen; und zwar für eine sehr lange Zeit, wahrscheinlich sogar über 2050 hinaus,“ so Nareg Terzian von der International Association of Oil & Gas Producers (IOGP).

Der Öl-Lobbyist ist überzeugt: „Das ist nur einer der Gründe, warum wir im Jahr 2050 immer noch Öl und Gas produzieren müssen – auch in einer klimaneutralen Wirtschaft.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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