Weltklimarat erhöht Voraussagen zum Meeresspiegelanstieg drastisch

Etwa die Hälfte des weltweiten Sauerstoffs wird in den Ozeanen produziert. Sie bedecken 70% der Erdoberfläche. [Brett Allen/ Shutterstock]

Der Weltklimarat hat heute seinen Sonderbericht zum Zustand der Ozeane und Eisregionen vorgestellt. Darin haben die Forscher ihre Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels noch einmal drastisch erhöht – um mehr als einen Meter könnte er bis 2100 steigen. Noch sei aber Zeit dagegenzulenken.

Es ist ein neuer Alarmruf des Weltklimarates (IPCC), zwei Tage nach dem UN-Klimagipfel in New York. In seinem Bericht über Ozeane und die Kryosphäre – die Eisregionen der Erde – schlagen die mehr als einhundert internationalen Forscher scharfe Töne an. „Wir befinden uns zwischen zwei zeitlichen Wettläufen: dem des Klimawandels und der Fähigkeit der Menschen, dem entgegenzuwirken. Wir könnten das Rennen verlieren“, sagte der Vorsitzende des Klimarates, Hoesung Lee, heute am 25. September bei der Präsentation des Berichts, der auf der Auswertung von 7000 wissenschaftlichen Studien beruht. Sein Appell: „Wir müssen sofortige und drastische Maßnahmen ergreifen – schon nächstes Jahr“.

Die apokalyptischen Dimensionen der Studie zeigen sich unter anderem darin, dass die Forscher ihre Schätzung zum Anstieg des Meeresspiegels deutlich erhöht haben. 2007 sagten sie noch einen Anstieg von 59 cm bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Doch die Antarktis schmilzt schneller als gedacht. Neue Berechnungen gehen inzwischen von einem Anstieg von bis zu 110 cm aus, sollten die derzeitigen Treibhausgasemissionen beibehalten werden. Städte wie Shanghai, Kalkutta oder Amsterdam würden dann geflutet.

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Der bisherige vom Menschen verursachte Meeresanstieg beträgt 16 cm, Analysen zeigen aber, dass sich die Zunahme stark beschleunigt. Ohne Reduktion der weltweiten Emissionen wäre der Anstieg am Ende dieses Jahrhundert zehnmal so schnell wie im vergangenen Jahrhundert. Bis zum Jahr 2300, so das worst-case Szenario, könnten der Meeresspiegel um 5,4 Meter höher sein als heutzutage.

Selbst im besten Fall sterben 70-90 Prozent der Korallen ab

Schon jetzt bereitet das Schmelzen der Eisvorkommen den Forschern daher große Sorge: Um 13 Prozent schrumpft die Arktis pro Jahrzehnt, in Grönland und der Antarktis werden jährlich 400 Milliarden Tonen Wasser freigesetzt. Auch die Gletscher leiden: Bis Ende des Jahrhunderts werden sie um mehr als ein Drittel schrumpfen, einige Bergketten könnten sogar 80 Prozent ihres Eises verlieren, prognostiziert der Bericht. Das würde den Verlust der Trinkwasserreserven für mehrere hundert Millionen Menschen bedeuten.

Schwer zu berechnen sind dagegen die sogenannten tipping points, also irreversible Momente in der Veränderung des Weltklimas, erklärten die IPCC-Forscher. Ihre Befürchtung ist, dass die schmelzenden Permafrostböden in den kommenden Jahrzehnten „hunderte Milliarden Tonnen“ CO2 in die Atmosphäre freisetzen könnten, was wiederum das Weltklima massiv aufheizen würde.

Starker Anstieg der arktischen Temperaturen jetzt unvermeidlich

Starke und möglicherweise verheerende Temperaturanstiege von drei bis fünf Grad in der Arktis sind jetzt unvermeidlich, selbst wenn es der Welt gelingt, die Treibhausgasemissionen im Einklang mit dem Pariser Abkommen zu senken, warnt ein neuer UN-Bericht.

Das Schmelzen der Polkappen und die Erwärmung der Meere hat starke Auswirkungen auf die Biodiversität innerhalb der Ozeane. Selbst, wenn die Weltgemeinschaft es schaffen würde, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, würde das bereits das Ende für 70-90 Prozent der weltweiten Korallenriffe bedeuten. Da Ozeane viel Kohlenstoffdioxid aufnehmen, führt das zu einer Versauerung des Wassers. Immer größere sogenannte „Todeszonen“ entstehen, in denen der Sauerstoffgehalt stark sinkt. Bis zum Jahr 2100 könnten dadurch 15 Prozent der Meerestiere sterben, berechnen die Forscher.

Eine blaue COP25?

So beunruhigend die Szenarien des IPCC sind, noch können sie eingedämmt werden, betonten die Forscher heute auf der Pressekonferenz. „Dieser Bericht zeigt, was bereits geschieht. Er zeigt den Handlungsspielraum den wir haben, aber auch seine Grenzen“, so die CO-Vorsitzende Valérie Masson-Delmotte.

Die Reaktionen aus der Zivilgesellschaft kamen prompt. In Bezug auf Bericht des IPCC veröffentlichte heute ein Verbund von 50 Umweltorganisationen einen offenen Brief an den Präsidenten des EU-Parlaments, David Sassoli, sowie die designierten Chefs der EU-Kommission und des Rates, Ursula von der Leyen Charles Michel. In dem Schreiben, das auch an die Regierungschefs von Dänemark, Frankreich, Finnland, Deutschland, Portugal und Schweden ging, fordern sie politische Maßnahmen zum Schutz der europäischen Meere vor Klimawandel und Überfischung. Alle Mitgliedsstaaten sollten die gemeinsame Fischereipolitik der EU ernst nehmen und sich an die Deadline zum Ende der Überfischung im Jahr 2020 halten. Außerdem solle bis dahin ein Drittel der weltweiten Ozeane zu geschützten Gewässern erklärt und der Meeresbodenbergbau pausiert werden.

2050 gibt es mehr Plastik als Fisch im Meer

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Auch seitens der Fraktion der Grünen/EFA im europäischen Parlament hieß es heute, es mangele an Maßnahmen, um eine Klimawende auf dem Meer einzuleiten. „Die EU-Regierungen müssen den Weg freimachen, um Schiffsverkehr in das Emissionshandelssystem aufzunehmen. Dieser Sektor, verantwortlich für 13 Prozent der Verkehrsemissionen, unterliegt als einziger keinerlei rechtlich bindenden Verpflichtungen, seinen CO2-Ausstoß zu senken“, verkündete die Abgeordnete Jutta Paulus, Berichterstatterin für Kohlendioxidemissionen im Seeverkehr.

Spätestens zum nächsten Weltklimagipfel, der COP25 in Chile, dürfte der Schutz der Ozeane wieder ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Die chilenische Umweltministerin Carolina Schmidt hatte angekündigt, die Klimakonferenz zu einer „blauen COP“ machen zu wollen: „Aus unserer Sicht kann es keine wirksame Antwort auf den Klimawandel ohne eine globale Antwort auf die Ozean-Problematik geben“.

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