Weg aus dem Einweg

Bis 2022 will Deutschland 70 Prozent der Plastikflaschen mehrfach verwenden. [igorstevanovic/ Shutterstock]

In Deutschland gilt seit Jahresanfang ein neues Verpackungsgesetz, das Einwegplastik reduzieren soll. Bisher steigt dessen Anteil aber im Getränkebereich. Schuld ist der Mangel an verbindlichen Vorgaben, kritisieren Verbände.

Deutschland wird seine selbstgesteckten Ziele zur Verringerung des Plastikmülls nicht bis 2022 erreichen, meint die deutsche Umwelthilfe. Zusammen mit Verbänden der Getränke- und Abfallindustrie hat sie eine Allianz gegründet und fordert die Bundesregierung auf, verbindliche Mehrweg-Quoten einzuführen.

Denn das seit Jahresbeginn geltende Verpackungsgesetz sieht vor, dass 70 Prozent der Getränkeverpackungen bis zum Jahr 2022 aus umweltfreundlichem Mehrweg-Plastik bestehen sollen. Derzeit sind es gerade einmal 43 Prozent, Tendenz sinkend.

„Zu unserem Bedauern nehmen wir keine Bemühungen seitens der Umweltministerin wahr, diese Quote zu erreichen. Dazu müsste sie die Industrie und den Handel wirklich in die Pflicht nehmen“, so Dirk Reinsberg, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Getränkefachgroßhandels, auf einer Pressekonferenz der Verbände am Montag, 29. April.

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Um das Plastik-Ziel zu erreichen, fordern die Vertreter der Getränkewirtschaft also verbindliche Quoten. Bislang sieht das Gesetz keine vor. Noch dieses Jahr, so die Forderung, soll ein Mehrweg-Anteil von 50 Prozent erreicht werden, im Folgejahr sollten es dann 60 Prozent sein.

Discounter verkaufen weiterhin Einwegplastik

Der Bedarf, die Flut an Einwegplastik zu reduzieren, ist groß. Deutschland ist Europameister bei Verpackungsabfällen. Jedes Jahr werden hierzulande ca. 16,4 Milliarden Einwegplastikflaschen produziert. Allein wenn man alle alkoholfreien Getränke ausschließlich in Mehrweg- statt in Einwegflaschen abfüllen würde, ließen sich jährlich 1,25 Mio. Tonnen CO2 einsparen. Das entspricht dem CO2-Ausstoß von 575.000 Mittelklassewagen.

„Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht. Dazu sind Mehrweg-Verpackungen entscheidend“, erklärt Verbandsvertreter Reinsberg. Der Vorteil von Mehrweg: Selbst im Vergleich zum Recycling ist es deutlich umweltfreundlicher, da die Behälter einfach wieder verwendet statt neu produziert werden. Im Fall einer Glasflasche für Mineralwasser kann das bis zu 50 Mal sein.

Doch einige Marken und Discounter-Supermärkte sträuben sich gegen die Mehrweg-Systeme. Die deutsche Umwelthilfe nennt vor allem Aldi, Lidl, Danone, Nestlé oder Lekkerland. Die Unternehmen seien nicht bereit, ihre bestehenden Systeme auf Mehrweg umzubauen, da das einen logistischen Aufwand bedeuten würde, meint Barbara Metz, stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe, gegenüber EURACTIV.

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Ohne politischen Druck werde sich daran voraussichtlich nichts ändern. „Die Krux ist, dass die Vorgaben des Verpackungsgesetzes die Branche insgesamt betreffen. Sie werden nicht runtergebrochen auf den einzelnen Akteur. Das führt dazu, dass einige Supermarktketten gar keine oder viel zu wenige Mehrweg-Verpackungen im Sortiment führen“, so Metz. Solange die großen Händler nicht mitmachten, könne man das Verpackungsziel bis 2020 rechnerisch gar nicht erreichen.

Für diesen Fall behält die Bundesregierung sich vor, rechtliche Maßnahmen zu ergreifen. Allerdings wäre das erst ab 2022 der Fall. Viel zu spät, finden die Verbände der Mehrweg-Allianz. „Es kann nicht sein, dass erst dann etwas passiert“, sagt Reinsberg.

EU verschärft ihre Plastikvorgaben

Allerdings müssen auch die Verbraucher ihr Kaufverhalten ändern. Dazu fordern die Umwelthilfe und ihre Mitstreiter eine extra Abgabe auf Einweg-Flaschen von 20 Cent zusätzlich zum bestehenden Pfand. Damit sollen Kunden eher zur günstigeren, wieder verwendbaren Flasche greifen.

Eine solche Abgabe auf Einwegflaschen käme einer Plastiksteuer nahe, wie sie EU-Kommissar Günther Oettinger vergangenes Jahr vorgeschlagen hatte. Die Steuer sollte helfen, das 13 Milliarden große Budgetloch zu füllen, das der Brexit im EU-Haushalt verursacht. Zur Plastik-Steuer ist es zwar nie gekommen, nach langen Verhandlungen verabschiedete die EU im vergangenen Dezember aber ihre Richtlinie zu Einwegplastik. Neben dem Verbot für Teller, Besteck und Trinkhalmen aus Plastik, schreibt sie den Mitgliedsstaaten vor, bis zum Jahr 2025 mindestens 90 Prozent ihrer produzierten Einwegflaschen einzusammeln und zu recyceln. In diesem Fall braucht sich Deutschland keine Sorgen zu machen: es kommt auf eine Recyclingquote von 97 Prozent.

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