Wasserstoff aus dem Stromnetz bei aktueller EU-Taxonomie faktisch „ausgeschlossen“, warnt Industrie

In seiner jetzigen Form sei der Schwellenwert so niedrig, dass er die Tür für aus dem bestehenden Stromnetz produzierten Wasserstoff faktisch verschließen würde, kritisiert die Industrie. [Trevor / Flickr]

Eine Allianz aus Industrie und Elektrizitätsunternehmen hat Bedenken über den Entwurf für eine „Emissionsschwelle“ geäußert, unterhalb derer Wasserstoff gemäß der EU-Taxonomie für nachhaltige Finanzen als „grün“ gelten würde.

In seiner jetzigen Form sei der Schwellenwert so niedrig, dass er die Tür für aus dem bestehenden Stromnetz produzierten Wasserstoff faktisch verschließen würde, selbst an Orten wie Frankreich und den nordischen Ländern, die bereits einen recht CO2-armen Strommix haben, kritisiert die Koalition.

Ihre Sorgen werden in einem Brief ausgedrückt, der am Donnerstag (11. März) an den EU-Klimachef Frans Timmermans und andere Beamte der Europäischen Kommission, die für den Binnenmarkt, Finanzdienstleistungen und Energie zuständig sind, geschickt wurde.

„Die Unterzeichner sind besorgt, dass das derzeit vorgeschlagene Kriterium von 2,256 kgCO2eq/kgH2 die regulatorische Debatte über den EU-Wasserstoffrahmen weitgehend vorwegnimmt und die Führungsambitionen der EU untergräbt, während es gleichzeitig unnötigerweise diejenigen Optionen der Unternehmen einschränkt, die mit den Pariser Zielen vereinbar sind,“ schreiben sie.

Wasserstoff: 5 Staaten sprechen sich ausdrücklich für erneuerbare Energie aus

Österreich, Dänemark, Luxemburg, Portugal und Spanien haben in einem gemeinsamen Brief gefordert, erneuerbaren Energien im Rahmen eines EU-geführten Projekts zur Beschleunigung des Einsatzes, der Forschung und der Infrastruktur von Wasserstoff eindeutig den Vorrang zu geben.

Der Brief wurde vom Industrieverband France Hydrogène verschickt. Unterzeichnet wurde er außerdem von den CEOs von 16 Energieunternehmen und Industriekonzernen, die potenzielle Nutzer von Wasserstoff sind, darunter ABB, ArcelorMittal, EDF, Engie, Fortum, MVM, Uniper und UPM.

Nach Ansicht der Unterzeichnenden steht der Schwellenwert in der Taxonomie auch im Widerspruch zur eigenen, im vergangenen Jahr vorgestellten Wasserstoffstrategie der Europäischen Kommission, die darauf abzielt, die Produktion von Wasserstoff in Europa unter Verwendung von erneuerbaren Energien und anderen CO2-armen Stromquellen schnell auszubauen.

„Viele Industriesektoren sehen die Wasserstoffwirtschaft als einen wesentlichen Weg, um ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Deshalb sollte unserer Meinung nach der Schwellenwert so angepasst werden, dass wir darauf vertrauen können, dass es genügend Angebot geben wird,“ sagt Stefan Sundman, Vizepräsident für öffentliche Angelegenheiten bei UPM, einem finnischen Unternehmen in der Forstindustrie, das Rohstoffe für den Chemiesektor liefert. „Aus Industrie-Sicht muss Wasserstoff ständig verfügbar sein,“ mahnt er gegenüber EURACTIV.com an. Dafür müsse der Wasserstoff aus möglichst vielen CO2-armen Quellen stammen, vor allem in den frühen Phasen der Entwicklung.

„Wenn man sich die CO2-Emissionen der am wenigsten emittierenden Strommixe in Europa anschaut, wie in Frankreich oder den nordischen Ländern, landet man bei etwa drei kg CO2-Äquivalent pro Kilo produziertem Wasserstoff,“ erklärt Marion Labatut, Leiterin des EU-Büros von EDF, dem staatlichen französischen Stromkonzern. Dies, so sagt sie, entspricht einer 70-prozentigen Reduzierung der Treibhausgasemissionen im Vergleich zum durchschnittlichen fossilen Brennstoff-Benchmark. Die Festlegung einer Emissionsschwelle unterhalb dieses Niveaus hingegen bedeute, dass kein EU-Land in der Lage sein wird, die Vorgabe mit Strom aus dem aktuell verfügbaren Netz zu erfüllen, warnt auch sie gegenüber EURACTIV.com.

Tatsächlich sei der in der Taxonomie festgelegte Benchmark so niedrig angesetzt, dass selbst Solarstrom die Anforderung nicht immer erfüllen würde, so Labatut: „Wenn man sich anschaut, wie viel die Produktion von Wasserstoff mit Solar-Photovoltaik ausstößt, und dabei eine ordentliche Lebenszyklus-Bewertung vornimmt, sind es auch etwa 3 oder 3,2 kgCO2/kgH2,“ erklärt sie. Dies sei also immer noch höher als der im Taxonomie-Entwurf festgelegte Grenzwert von 2,256 kg.

MEPs sehen Erdgas als "Brückentechnologie" hin zu erneuerbarem Wasserstoff

Gas sollte als „Überbrückungslösung“ bei der Herstellung von Wasserstoff eingesetzt werden, bis eine rein „grüne Produktion“ aus erneuerbarem Strom ausreichend zur Verfügung steht. So steht es jedenfalls in einem Antrag, der heute im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments angenommen wurde.

Gniewomir Flis, Forscher beim Think-Tank Agora Energiewende, räumt ein, dass die Unterzeichnenden des Briefes „einen Punkt haben“. Auch seiner Ansicht nach würde der Schwellenwert von 2,256kgCO2/kgH2 in der Praxis „die Definition von CO2-armen Wasserstoff dahingehend einschränken, dass er nur noch Elektrolyse umfasst, die ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben wird“.

Unter den angedachten Kriterien werde „die netzgebundene Elektrolyse ausgeschlossen, selbst bei einer Kohlenstoffintensität des Netzes von nur 100g/kWh.“ Flis fügt hinzu, dass dies problematisch sei, „da ein Netz mit einer solchen Kohlenstoffintensität oder weniger größtenteils mit erneuerbaren Energien betrieben würde“.

Laut dem Agora-Forscher muss die Europäische Kommission daher klären, ob sich der Emissionsstandard in der Taxonomie auf Prozess- oder Lebenszyklusemissionen bezieht. „Aus der Klimaperspektive wäre es natürlich sinnvoller, ein Kriterium zu haben, das den gesamten Lebenszyklus umfasst,“ sagt er. Angenommen, dies sei der Fall, „dann schränken 2,256kgCO2/kgH2 in der Tat die Geschäftsoptionen unnötig ein und schließen implizit blauen Wasserstoff und netzgebundene Elektrolyse aus,“ sagte er gegenüber EURACTIV.com.

Aus Labatuts Sicht kann (und sollte) die Kommission immer noch entscheiden, den Schwellenwert während der Startphase des EU-Wasserstoffmarktes zunächst höher anzusetzen und die Schraube im Laufe der Zeit dann schrittweise anzuziehen, wenn der Markt wächst und die Produktionsmengen zunehmen: „Wir bei EDF sind nicht gegen einen Schwellenwert, der mit der Zeit sinkt: Solche Überprüfungsprozesse auf dem Weg sind in der Taxonomie sogar vorgesehen, warum sollte man so etwas also nicht auch für Wasserstoff vorsehen?“

Sie schließt: „Wir denken, es wäre eine verpasste Gelegenheit, wenn wir jetzt die Tür für Projekte zu schließen, die mit einem etwas höheren Schwellenwert entwickelt werden könnten.“

[Bearbeitet von Josie Le Blond]

> Lesen Sie den kompletten Brief oder laden Sie ihn hier herunter.

20210311 Joint Letter to the European Commission on taxonomy and hydrogen production

Industriekoalition legt "Charta" für grünen Wasserstoff vor

Die sogenannte Koalition für erneuerbaren Wasserstoff hat ihre politische „Charta“ vorgestellt, in der Schritte aufgezeigt werden, um grünen Wasserstoff in Europa zu fördern und dem Kontinent einen Vorsprung im Rennen um nachhaltige Energie zu verschaffen.

Osten der EU will verstärkt auf Wasserstoff setzen

Bestehende Gasnetze sollten künftig für den Transport von Wasserstoff umgenutzt werden und somit helfen, die Nachfrage zu steigern, meinen Politiker aus dem Osten der EU.

Antwerpener Hafen rüstet sich für "massiven" Import von Wasserstoff

Der Hafen von Antwerpen hat sich mit dem Energieversorger Engie und fünf weiteren Unternehmen zu einem Konsortium zusammengeschlossen, das bis zum Ende des Jahrzehnts eine „vollständige Wertschöpfungskette für den Import von erneuerbarem Wasserstoff“ in Belgien aufbauen will.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN