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11/12/2016

Was lernen wir aus Tschernobyl?

Energie und Umwelt

Was lernen wir aus Tschernobyl?

2,1 Milliarden Euro kostete der stählerne Sarkophag für Reaktor 4 in Tschernobyl.

[Kuba Danecki/Flickr]

100 Jahre Sicherheit für 2,1 Milliarden Euro: Der neue Sarkophag steht. Wie der gefährliche Reaktorkern je geborgen werden soll, weiß aber niemand.

Shu Hua hat Sinn für Symbolik. In wenigen Tagen soll in Tschernobyl in der Ukraine ein „einmaliges Projekt“ gefeiert werden. Nicolas Caille hat für das französische Baukonsortium Novarka den Bau des neuen Sarkophags beaufsichtigt, der seit Mitte November über die Ruine des am 26. April 1986 explodierten Blocks 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl geschoben worden ist. Shu Hua ist der Chef der chinesischen Firma GCL System Integration Technology. Er kündigte zeitgleich an, dass zwei chinesische Firmen im Sperrgebiet rund um den Unglücksreaktor eine riesige Solaranlage errichten wollen. Sie soll eine Leistung von 1000 Megawatt haben. Das entspricht in etwa der Leistung eines Atomkraftwerks.

Am Dienstag soll erst einmal anderes gefeiert werden. Der neue Sarkophag steht. In der technischen Sprache der Europäischen Bank für Wiederaufbau (EBDR) heißt der gigantische Stahlbogen übrigens New Safe Confinment (NSC), also „neuer sicherer Einschluss“. Seit dem 15. November war der gigantische Bogenbau, in dem das Pariser Fußballstation locker Platz hätte, mit einem System hydraulischer Winden auf Schienen über den alten Sarkophag geschoben worden. Der 29. November ist der 30. Jahrestag der Fertigstellung des ersten Sarkophags. Auch die Erbauer dieser Atom-Schutz-Kathedrale haben Sinn für Symbolik.

Der erste Sarkophag bestand aus Tonnen von Stahl und Beton, die in den Monaten nach der Katastrophe von insgesamt etwa 600 000 sogenannten Liquidatoren über dem explodierten Reaktorgebäude abgeworfen wurden. Schon zwei Jahre später nahmen russische Experten an, dass diese Ad-Hoc-Konstruktion nach 20 bis 30 Jahren am Ende sein würde. Rund 200 Tonnen Uran und eine strahlende lavaartige Masse liegen noch im Reaktor. Er ist über die Jahre löchrig geworden. Zuletzt sickerte auch stark radioaktives Wasser aus dem Gebäude ins Grundwasser.

Die Strahlung am Reaktor ist zu hoch, um dort zu arbeiten

Die Strahlung direkt neben dem havarierten Kraftwerksblock ist bis heute so stark, dass niemand länger als ein paar Minuten dort arbeiten darf. Das Fundament zu gießen, auf dem der neue Sarkophag seinen Platz findet, war kompliziert. Es wird noch etwa ein Jahr dauern, bis die Arbeiten am neuen Sarkophag abgeschlossen sein werden. Denn nun muss das gewaltige Bauwerk mit dem Fundament verbunden werden. Erst dann wird die Strahlung für die kommenden 100 Jahre von der Umwelt abgehalten werden.

Der Umweltminister der Ukraine, Ostap Semerak, feiert den neuen Sarkophag als „den Anfang vom Ende eines 30-jährigen Kampfes mit den Folgen des Unfalls von 1986“. Tatsächlich ist er lediglich ein weiteres Provisorium. Denn wie der geschmolzene Kernbrennstoff jemals aus dem Reaktor herausgeholt werden soll, ist bis heute völlig unklar. Auch in 100 Jahren wird das Material noch gefährlich strahlen.

Die neue Schutzhülle ist nur ein Aufschub

Die Halbwertszeit von Cäsium 137 liegt bei mehr als 30 Jahren. Aber es ist nicht nur Cäsium, das dort strahlt. Die Zusammensetzung der Masse ist genauso unbekannt wie die genaue Menge der Materialien. Im neuen Sarkophag ist an der Decke jedenfalls ein Kransystem installiert worden, von dem aus mit einer noch nicht entwickelten Robotertechnologie dereinst der eigentliche Abriss des Reaktors vier ins Werk gesetzt werden soll. Falls die Maschinen bis dahin noch funktionieren werden. Als der Betreiber der havarierten Atomkraftwerke in Fukushima in Japan, Tepco, im vergangenen Jahr kleine Roboter mit Kameras in den Druckbehälter des Reaktors 1 geschickt hatte, fielen die Maschinen schon wenige Minuten später wieder aus. Die Strahlung des geschmolzenen Reaktorkerns ist auch für Maschinen nicht zu verkraften.

Seit 1992 wird der neue Sarkophag geplant

Der neue Sarkophag ist aber immerhin ein Aufschub um 100 Jahre. Seit 1992 arbeiten die Regierungen in der Ukraine daran, einen sicheren Einschluss für den löchrigen ersten Sarkophag zu planen. 1992, ein Jahr nach der Unabhängigkeit, schrieb die damalige Regierung in Kiew einen Wettbewerb für ein Bauwerk aus, das den alten Sarkophag komplett umschließen sollte. 1997 beschlossen die G 7, die sieben wichtigsten Industriestaaten, einen Plan, wie die Atomruine und das sie umgebende Sperrgebiet mit einem Radius von 30 Kilometern zu einem „sicheren Ort“ gemacht werden könnten. 2010 war dann der Baubeginn.

„Der neue Sarkophag ist auch ein stählernes Mahnmal für die Zehntausenden von Tschernobyl-Opfern“, sagte der Atomexperte der Umweltorganisation Greenpeace, Tobias Münchmeyer dem Tagesspiegel. „Die Schutzhülle ist nur der Abschluss des zweiten Kapitels der unendlichen Geschichte von Tschernobyl.“ Münchmeyer betonte, dass es bald gelingen müsse, „den oberen Teil des alten Sarkophags zu demontieren, bevor er zusammenbricht und den Innenraum der neuen Schutzhülle unbetretbar macht“.

Der Schutzbau soll vor Rost geschützt werden

Der neue Sarkophag musste auf unbelastetem Gebiet neben dem havarierten Reaktor gebaut werden. Er wurde in zwei Hälften errichtet. Die Stahlkonstruktion ist doppelwandig. Die Luft zwischen den Stahlwänden wird ständig ventiliert, um die Konstruktion rostfrei zu halten. Vor einem guten Jahr wurden die beiden Hälften des Sarkophags zusammengefügt. Die EBDR kommt in ihrer Pressemitteilung zur Fertigstellung des Bogengebäudes aus den Superlativen gar nicht mehr heraus. Es ist das größte bewegliche Gebäude, das jemals auf der Erde errichtet worden sei, heißt es da. Der Bogen hat eine Spannweite von 257 Metern. Das Gebäude ist 162 Meter lang und 108 Meter hoch. Der Bogen musste so hoch sein, weil es wegen der starken Strahlung unmöglich war, den Schornstein des Reaktors Nummer vier abzubauen. Alleine das Stahlbauwerk hat 1,5 Milliarden Euro gekostet. Bis der G-7-Plan umgesetzt sein wird, werden 2,1 Milliarden Euro in die Sicherung des geschmolzenen Reaktorkerns geflossen sein. Deutschland hat 108 Millionen Euro beigesteuert. Die EBDR brachte 750 Millionen dafür auf.

In Tschernobyl entsteht auch ein großes Zwischenlager

Doch mit dem neuen Einschlussgebäude ist es nicht getan. Auf dem Gelände des Atomkraftwerks befinden sich drei weitere Reaktoren, die noch bis 1991, 1996 und das Jahr 2000 weiterbetrieben worden waren. Für den Kernbrennstoff, der sich in diesen drei Meilern befindet, wird zeitgleich ein Zwischenlager gebaut. Es sieht aus wie ein riesiger mehrstöckiger Friedhof. In runden Kammern, 263 an der Zahl, sollen genauso viele doppelwandige Atommüllbehälter verschwinden. Auch sie sollen dort dann für etwa 100 Jahre lagern. Was dann damit passieren soll, weiß niemand. Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) sagt: „“Der Ukraine stehen die größten Herausforderungen erst noch bevor. Die Geberstaaten dürfen sie damit nicht allein lassen.“ Sie wünscht sich aber, dass mit der Ukraine auch über Alternativen zur Atomkraft diskutiert wird, anstatt einfach hinzunehmen, dass überalterte Atomkraftwerke Lautzeitverlängerungen bekommen.

Bisher hat die Ukraine ihren Atommüll nach Russland geliefert. Dort wurde er wiederaufgearbeitet, und die stark strahlenden Abfälle, die dabei angefallen sind, können noch bis 2018 in Russland zwischengelagert werden. Das kostet die Ukraine derzeit rund 200 Millionen Euro im Jahr, schreibt die ukrainische Energieexpertin Irina Holovko in einem Beitrag für die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung. Eigentlich hätte die Ukraine den Müll aus der Wiederaufarbeitung seit 2013 bereits wieder zurücknehmen müssen. Ein weiteres Zwischenlager wurde dafür geplant – aber nie fertiggestellt.