Was der neue UN-Klimabericht für Deutschland bedeutet

Was kommt nach der Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens furch Donald Trump? [Rich/Flickr]

Klimapolitik überall auf der Welt steuert derzeit komplett im Nebel, sagt einer der Autoren des neuen UN-Umweltberichts. Auch Deutschland schneidet schlecht ab. Kritik gibt es für den niedrigen Prozentsatz von Umweltsteuern.

Der 6. Globalen Umweltbericht (GEO-6) hat sich ein Zukunftsszenario aufs Cover gemalt. Es zeigt eine intakte Welt im Jahr 2050. Kinder spielen an einem Strand, ein weißer Gletscher ist zu sehen, Windräder drehen sind im Hintergrund. Jenes Ziel des Berichts, den das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) vergangene Woche veröffentlich hat, kann nur erreicht werden, wenn es sofort zu einer Transformation unseres Wirtschafts- und Lebensstils kommt, so die Kernaussage der 745-Seiten. Die Realität, die das Innere des Berichts dann zeichnet ist um einiges düsterer: Die bisherigen Bemühungen reichen nicht. Nicht einmal annähernd.

„Die aktuelle Dekarbonisierungsrate, also die Entkopplung von CO2 und Wirtschaftswachstum, liegt bei 1 bis 2 Prozent. Um das Pariser Abkommen einzuhalten, brauchen wir vier bis sechs Prozent“, sagt Pierre Boileau, Leiter des Globalen UN-Umweltberichts, zu EURACTIV. Er ist für eine Konferenz des Bundesumweltamtes aus Nairobi nach Berlin gereist. Diese widmete sich der Frage, was der Bericht für Deutschland bedeutet.

Hierzulande sterben jährlich rund 45.000 Menschen allein wegen der hohen Feinstaubbelastung frühzeitig, knapp 35 Prozent des Grundwassers ist in schlechtem Zustand und die Artenvielfalt schrumpft in alarmierender Geschwindigkeit. Weltweit sind zwischen 1970 und 2014 bereits 60 Prozent aller Spezies verschwunden, so das Ergebnis einer groß angelegten WWF-Studie. Dennoch verfehlt Deutschland sein Ziel, seine Treibhausemmissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um rund 40 Prozent zu reduzieren. Derzeit gilt eine Reduktion um 32 Prozent als realistisch.

Deutschland steht klimapolitisch "auf der falschen Seite"

Vertrauliche Dokumente, die im Vorfeld des heute in Brüssel startenden EU-Gipfels erstellt wurden, zeigen ein Ost-West-Gefälle in Europa beim Thema Klimawandel.

Best practice für den Schutz der Umwelt

Im Unterschied zu den bisherigen GEO-Berichten, die seit 1997 alle fünf Jahre veröffentlicht wurden, konzentriert sich die sechste Ausgabe stärker auf die Suche nach konkreten Lösungsstrategien und diskutiert 25 best practice-Beispiele aus aller Welt.

Etwa das vietnamesische Programm, das die anhaltenden Kriegsschäden durch die Chemikalien der Agent Orange-Operationen in den 60er Jahren beseitigt. Oder ein Projekt in Kanada und den USA, das die Wasserqualität der Großen Seen verbessert. Auch die Umweltsteuersätze in den Niederlanden und Dänemark werden als Positiv-Beispiele genannt: Diese sind doppelt so hoch, wie in Deutschland, wo sie bei 4,3 Prozent liegen.

„Solche Beispiele zeigen: Wir können einen anderen Weg einschlagen“, sagt Boileau. Projekte und Ideen, die es für eine nachhaltige Entwicklung von Konsum und Produktion von Energie, Ernährung und Abfall brauche, würden bereits existieren. Dazu nennt er drei konkrete Maßnahmen, um den individuellen Alltag umweltfreundlicher zu gestalten: Das Transportmittel für den Weg zur Arbeit bedenken, gebrauchte Gegenstände wiederverwenden und auf eine bewusste Ernährung achten. Ein Ziel der UN dazu ist etwa, bis 2050 eine nahezu abfalllose Gesellschaft zu erreichen. Das ist ein Teil des Wandels, der nötig sein wird, um den Planeten zu erhalten.

Die Analyse der Fallstudien zeige jedoch, dass Umweltpolitik weltweit „im Nebel steuert“, so Klaus Jacob von der Freien Universität Berlin, einer der Autoren der UN-Studie. Ihr Erfolg werde kaum evaluiert. Deutschland sei in all diesen Bereichen kein Vorbild.

Deutscher Konsens mit Automobil- und Agrarindustrie

Dabei würden sich die Anstrengungen schon rein wirtschaftlich auszahlen. Die Ausgaben, die für das Erreichen der Pariser Verträge nötig wären, betragen rund 22 Billionen US-Dollar, rechnet die UN. Im Vergleich dazu könnten die Einsparungen im Gesundheitssektor durch geringere Luftverschmutzung rund 54 Billionen betragen. Internationale Handelsabkommen müssten in den Dienst der Nachhaltigkeit gestellt werden, anstatt den fertigen Verträgen im Nachhinein ein kosmetisches Umweltkapitel anzuhängen. „Wir müssen stärker werden bei der Umweltpolitik, aber auch experimenteller“, so Jacob.

Da brauche es ein großes Umdenken der deutschen Automobilindustrie und der Landwirtschaft, sagt dazu Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung. „Es gibt einen Konsens in Deutschland, dass keine Politik gegen die deutsche Automobilindustrie gemacht wird – und keine Beschlüsse gegen die Interessen der Landwirtschaft.“ Es gelte, das Wirtschaftsmodell der deutschen Wirtschaft zu überdenken. Der Durchschnittsdeutsche profitiere sowieso längst nicht mehr vom Wachstum der Wirtschaft. „Deshalb protestieren die Gelbwesten in Frankreich, und deshalb wählen sie Trump in den USA“, sagt er. Es sei deshalb wichtig, den sozialen und ökologischen Wandel zusammenzudenken – etwa wie man eine Umweltsteuer zur Umverteilung nutzen könne. „Dazu brauchen wir gar keinen radikalen Wandel. Wir müssen nur zurück zu einer sozialen Marktwirtschaft“, so Maier.

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