Strategien für den Wald

Dem europäischen Waldbestand geht es vergleichsweise gut. Im waldreichen Deutschland sieht die Lage anders aus. Mehr Geld für Waldbesitzer soll helfen. [Tom tom / Shutterstock]

Der Wald leidet unter dem Klimawandel. Darauf sollen die deutschen Waldtage aufmerksam machen, die am heutigen Freitag (18. September) beginnen. In Berlin und Brüssel arbeitet man derweil an Strategien, den Wald zu schützen.

„Wald im Klimastress“  lautet das Motto der Deutschen Waldtage, die heute und morgen zum dritten Mal stattfinden. Spätestens seit dem Dürresommer 2018 ist das tatsächlich so: Wie das Landwirtschaftsministerium vor einem Monat verkündete, beträgt die Fläche des beschädigten Waldes inzwischen 285.000 Hektar – das ist mehr als die Fläche des Saarlands. Bisher war die Bundesregierung von 245.000 Hektar ausgegangen.

Das hat klimatisch spürbare Auswirkungen, denn der Wald ist der größte natürliche CO2-Speicher. Nicht umsonst beschloss die EU-Kommission in ihrer gestern veröffentlichten Folgenabschätzung für das neue Klimaziel 2030, in Zukunft die Effekte der Landnutzung mit einzurechnen.

In Deutschland betragen die durch Wälder eingesparten CO2-Emissionen zwischen sechs und 14 Prozent des gesamten Treibhausgas-Ausstoßes. Das Umweltbundesamt ging im Jahr 2014 noch von einer Speicherkapazität von 53 Millionen Tonnen CO2 aus, das Landwirtschaftsministerium gibt sogar 127 Millionen Tonnen an. Doch mit den steigenden Temperaturen kommen nicht nur Gefahren wie Waldbrände oder Borkenkäfer, auch die Speicherfähigkeit der Wälder nimmt ab. Im Hitzesommer 2018 nahm die Vegetation aufgrund der Dürre ganze 18 Prozent weniger Kohlenstoffdioxid auf, meldeten Wissenschaftler des europäischen Netzwerks zur Beobachtung von Treibhausgasen (ICOS) vergangene Woche.

Deutschland fürchtet das neue Waldsterben

Hitze und Käferplagen haben ganze Wälder in Deutschland ruiniert. Im September soll ein Waldgipfel Erste-Hilfe-Maßnahmen einleiten und den deutschen Wald für den Klimawandel wappnen.

Baumprämie schwer umsetzbar

Deshalb werden sowohl auf deutscher als auch auf europäischer Ebene derzeit Maßnahmen zum Schutz der Wälder debattiert. Doch es geht schleppend voran. Vor dem Bundestag demonstrierten gestern Vertreter des Verbands der Waldeigentümer (AGDW) und forderten eine finanzielle Anerkennung der CO2-Leistung von Bäumen. „Angesichts der enormen CO2-Speicherleistung unserer Wälder ist es nur gerecht, dass diese Leistung einen Preis erhält“, sagte Max von Elverfeldt, Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst. „Schließlich ist die Waldwirtschaft als größte CO2-Senke der Stakeholder Nummer Eins in Sachen Klimaschutz.“

Eine solche „Baumprämie“ ist schon länger im Gespräch, Informationen der „taz“ zufolge arbeitet die Bundesregierung derzeit an einem entsprechenden Konzept. Demnach könnte ab kommendem Jahr pro Hektar Wald eine CO2-Prämie von 125 Euro gezahlt werden, da jeder Hektar im Schnitt fünf Tonnen CO2 pro Jahr bindet. Bis zu 1,5 Milliarden Euro könnten so anfallen. Finanziert werden sollen sie aus den Einnahmen des neuen CO2-Preises im Gebäude und Verkehrssektor. Steigt dort der Preis, soll auch die Baumprämie steigen.

Seit Jahren haben Politiker immer wieder zu einer Prämie für Wälder aufgerufen, unter anderem sprechen sich der Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet (CDU) und Landwirtschaftsministerien Julia Klöckner (CDU) dafür aus. Kritik kommt ausgerechnet von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD): Im Prinzip unterstütze sie ein solches Modell, sagte sie jüngst im Interview mit der „Westfalenpost“. Aber sie kenne „noch kein Modell für eine Baumprämie, das ausgereift ist. Es klingt einfach, ist es aber nicht.“ Offen bliebe zum Beispiel, was passiert, wenn Bäume gefällt und Holz verbrannt werde. „Muss die Prämie zurückgezahlt werden?“

EU-Parlament: Schutz der Wälder wird neue Priorität

Weltweit werden große Waldflächen für die Agrarindustrie abgeholzt. Zwar verpflichtet die EU ihre Vertragspartner zu Umweltschutz, aber durchsetzen lässt sich das kaum. Umweltschützer und das EU-Parlament sehen dringenden Handlungsbedarf.

Auch der Grünen-Politiker Harald Ebner wirft der Bundesregierung vor, kein wirksames Konzept gegen die Waldkrise zu haben. Stattdessen würden Milliarden durch wirkungslose oder sogar waldschädliche Programme verschleudert. „Die diesjährigen Waldtage sind Trauertage“, so Ebner.

Waldstrategie und Lieferkettengesetz auf dem Weg

Auf EU-Ebene befasste sich diese Woche auch das Parlament mit dem Schutz der Wälder. Dabei geht es allerdings vor allem um den Waldbestand in Drittstaaten, der gerodet wird, um Platz für die Landwirtschaft und deren Handelserzeugnisse zu machen. Der europäische Wald, der 42 Prozent der Landfläche der EU bedeckt, ist dagegen stabil bis wachsend, zwischen 1990 und 2010 kamen laut Kommission sogar elf Millionen Hektar Wald dazu.

Dennoch müsse sich die Kommission mehr für die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder und den Schutz der biologischen Vielfalt einsetzen, forderte das EU-Parlament am Dienstag mit großer Mehrheit in einer unverbindlichen Entschließung.

Parallel dazu arbeitet die deutsche Europaabgeordnete Delara Burkhardt (SPD) an einem Initiativbericht für ein europäisches Lieferkettengesetz, das die Abholzung tropischer Regelwälder für europäische Konsumgüter verbieten soll. Unternehmen sollen in Zukunft Geldstrafen zahlen, wenn für ihre Produkte und Dienstleistungen Bäume gerodet oder die Nutzungsrechte der ortsansässigen Bevölkerung verletzt wurden. Auch die Kommission arbeitet Angaben des Justizkommissars Didier Reynders an einer Waldstrategie für den Regenwald, die schon im ersten Quartal 2021 vorgestellt werden könnte.

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