Virus + Solarenergie = 39 Prozent weniger CO2

Gute Aussicht: Die aktuelle Situation im Energiebereich sei eine Art "Postkarte aus der Zukunft", so Studienautor Dave Jones. [Georgie Pauwels / Flickr]

Die weitreichenden Betriebsunterbrechungen und -störungen während der Coronavirus-Krise haben im vergangenen Monat für einen Einbruch der Stromnachfrage in Europa um 14 Prozent gesorgt. In Kombination mit einer Rekord-Solarenergieproduktion führte dies zu einem 39-prozentigen Rückgang der CO2-Emissionen, so eine neue Analyse.

Der plötzliche Emissionsrückgang sei vor allem auf das Herunterfahren von Kohle- und Gaskraftwerken zurückzuführen, die abgeschaltet wurden, um auf die sinkende Stromnachfrage zu reagieren, heißt es in einer neuen Analyse des Think-Tanks Ember.

Die deutlichsten Rückgänge bei der Kohleverstromung wurden dabei in Deutschland verzeichnet, wo in den vergangenen 30 Tagen die Stromerzeugung aus Braunkohle um 55 Prozent und aus Steinkohle gar um 65 Prozent zurückging.

In Kombination mit einem Rekord-Produktionsniveau bei den erneuerbaren Energien – insbesondere der Solarenergie – habe dies zu einem beachtlichen Rückgang der CO2-Emissionen des Elektrizitätssektors in der EU und im Vereinigten Königreich um 39 Prozent geführt, schreibt Autor Dave Jones zur Veröffentlichung seiner Forschung in Carbon Brief.

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„In der EU-27 und im UK zusammen erreichten Wind- und Sonnenenergie in den vergangenen 30 Tagen einen rekordverdächtigen Anteil [am Gesamtenergiemix] von 23 Prozent,“ schreibt Jones weiter. Die Erzeugung von Solarenergie ist im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 28 Prozent gestiegen. Dies sei einerseits auf den Ausbau der Kapazitäten zurückzuführen, andererseits aber auch auf einen sehr sonnigen April in ganz Europa.

Die Untersuchung von Ember stimmt mit ähnlichen Ergebnissen der Internationalen Energieagentur (IEA) überein, die für dieses Jahr einen Rückgang der weltweiten Emissionen um acht Prozent prognostiziert.

In ihrem Global Energy Review 2020, der ebenfalls am Mittwoch präsentiert wurde, geht die IEA außerdem davon aus, dass die globale Energienachfrage 2020 um fünf Prozent fallen wird. Dies wäre der größte prozentuale Rückgang seit der schweren Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren.

Deutlicher Zuwachs bei den Erneuerbaren…

In der Ember-Studie wird vor allem der zeitgleiche Anstieg der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hervorgehoben. Laut Jones war der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung mit 23 Prozent der höchste jemals für einen Zeitraum von 30 Tagen gemessene. Im selben Zeitraum 2019 lag er bei 18 Prozent.

Dieses Rekordniveau biete bereits Einblicke in die Frage, wie ein CO2-freies Elektrizitätssystem aussehen könnte – eine Art „Postkarte aus der Zukunft“, so Jones. „Die Daten aus dieser beispiellosen Krise zeigen, dass Elektrizitätssysteme reibungslos und zuverlässig funktionieren können, selbst wenn variable erneuerbare Energien wie Wind und Sonne einen höheren Anteil der Nachfrage decken. Das war eigentlich nicht vor dem Jahr 2025 zu erwarten gewesen,“ schreibt er.

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… aber wenig Flexibilität

Allerdings müsse man auch weniger schöne Lehren ziehen. Laut Jones zeigt die „Postkarte aus der Zukunft“ nämlich einmal mehr den Mangel an Flexibilität in den europäischen Energiesystemen auf. Bei vielen Kraftwerken sei es nicht möglich, sie bei niedrigen oder negativen Marktpreisen schnell abzuschalten.

Er fordert daher: „Die Elektrizitätssysteme müssen viel flexibler werden, um in Zukunft mehr Wind- und Sonnenenergie aufnehmen zu können.“ Unter anderem brauche es verstärkte „Demand Response“ (dt. meist: Laststeuerung).

Die Strommärkte hätten sich als besonders starr erwiesen. Da das Angebot die Nachfrage mehrmals überstieg, habe die Häufigkeit negativer Preise auf dem Strommarkt „deutlich zugenommen“, erklärt Jones: „So gab es beispielsweise am Sonntag (5. April) zur Mittagszeit in zehn EU-Ländern gleichzeitig negative Preise. Trotzdem erzeugten einige mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke weiterhin Strom – was auf einen Mangel an Flexibilität hindeutet.“

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Die unflexibelsten Kraftwerke sind demnach Braunkohlekraftwerke. Diese hatten trotz der negativen Preise an besagtem 5. April in Deutschland, Bulgarien und der Tschechischen Republik den Betrieb fortgesetzt.

Während Kernkraftwerke in der Regel ebenfalls als relativ unflexibel gelten, konnte der staatliche französische Energieversorger EDF hingegen die Leistung seiner Kernkraftwerke um ein Drittel – von 37 auf 25 Gigawatt – reduzieren, als die negativen Preise auftraten.

Obwohl sie technisch in der Lage sind, in Zeiten von Systemstörungen schnell zu reagieren, zeigten allerdings auch die erneuerbaren Energien Anzeichen von Inflexibilität, räumt Jones ein. Dies sei aber meist auf „äußere Zwänge“ zurückzuführen, wie etwa Produktionssubventionen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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