Verlangsamt sich durch die Virus-Krise der Rückbau von Öl-Plattformen?

Das Vereinigte Königreich drängt darauf, die Regeln zu lockern, stößt dabei aber auf heftigen Widerstand von Seiten der anderen OSPAR-Länder. [United Nations Photo / Flickr]

Aufgrund des Preisverfalls beim Öl sehen sich die Ölkonzerne gezwungen, ihre Ausgaben zu kürzen. Trotz der Umweltrisiken könnten daher auch Mittel für den Abbau veralteter Offshore-Plattformen in Gefahr sein.

Ein durch den Coronavirus-Ausbruch verursachter drastischer Rückgang der Einnahmen hat dazu geführt, dass Konzerne wie Total, Royal Dutch Shell und BP ihre Ausgaben um Milliarden Dollar kürzen oder die Investitionen aufschieben mussten.

Die Stilllegung von Öl-Förderplattformen ist laut Sonya Boodoo, Analystin bei Rystad Energy, daher „keine der obersten Prioritäten“. Sie sagte der Nachrichtenagentur AFP, die für diese Maßnahmen zugewiesenen Budgets dürften in den kommenden zwei Jahren um mindestens zehn Prozent sinken.

Vor dem Pandemie-Ausbruch schätzte der Verband der britischen Öl- und Gasindustrie, dass die Firmen bis 2027 jährlich 1,5 Milliarden Pfund (1,7 Milliarden Euro) für die Stilllegung der Infrastruktur in der Nordsee aufwenden wollten. Da in den kommenden Jahrzehnten Hunderte von Anlagen abgebaut oder saniert werden müssten, wären die Kosten für die im Vereinigten Königreich ansässigen Firmen wohl die höchsten weltweit.

„Viele der britischen Plattformen wurden in den 1970er Jahren gebaut und entworfen,“ erläuterte Romana Adamcikova, Analystin bei Wood Mackenzie, in einem Bericht Anfang des Jahres. „Es war wenig darüber nachgedacht worden, wie diese Strukturen am Ende ihrer Lebensdauer entfernt werden könnten. Nun sind die Umweltauswirkungen der Stilllegung zu einem heiklen Thema geworden.“

Warum der Ölpreis verrückt spielt

Was für Zeiten: Käufer bekommen Rohöl geschenkt und dazu noch eine Prämie. Liegt das nur am Coronavirus oder an den Besonderheiten des Ölmarktes? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

UK Oil and Gas hat aktuell 1.630 Bohrlöcher in britischen Gewässern gezählt, die im kommenden Jahrzehnt abgebaut werden sollen – das entspricht also fast einer Bohrinsel alle zwei Tage und erfordert die Entfernung von mehr als 1,2 Millionen Tonnen Beton und Stahl.

Seit 1998 verbietet das Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks (OSPAR) das vollständige oder teilweise Zurücklassen stillgelegter Offshore-Anlagen. Doch selbst nach der Entfernung der Oberflächenstrukturen kann der Meeresboden immer noch mit dem Schutt der Industrie verunreinigt sein.

Das OSPAR legt außerdem ein Verfahren für die Prüfung von Ausnahmen, sogenannten „Abweichungen“ („derogations“), von dem Verbot fest. Diese erlauben es den Betreibern, in bestimmten Szenarien das Belassen bestimmter Strukturen zu beantragen.

„Macht euren Dreck weg“

Das alte Brent-Ölfeld, das 1971 entdeckt wurde und 180 Kilometer nordöstlich der abgelegenen Shetlandinseln liegt, ist ein Paradebeispiel für die Kontroverse, die dieses Thema auslösen kann.

Brent ist ein Richtwert für die internationalen Rohölpreise, der sich nach fast 50 Jahren des Pumpens im Zentrum der Kontroverse innerhalb von OSPAR befindet. In OSPAR kommen 15 einzelne Regierungen sowie die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union zusammen.

Shell, das in dem Feld seit 1976 Öl fördert, hat erklärt, man wolle Teile von vier stillgelegten Plattformen, darunter 40.000 Kubikmeter Sediment mit etwa 11.000 Tonnen Öl, an Ort und Stelle belassen. Das Unternehmen teilte weiter mit, es habe potentielle Wiederverwendungsoptionen – beispielsweise für die Speicherung von Kohlendioxid und/oder Windparks – untersucht. Man halte derartige Optionen aufgrund des Alters und der Küstenentfernung der Plattformen jedoch nicht für „glaubwürdig“, berichtet OSPAR.

Der Betreiber sei der Ansicht, dass es nur minimale Umwelt- und Sicherheitsrisiken gebe, wenn man die Konstruktionen mit der Größe des Eiffelturms an Ort und Stelle belasse.

2050 gibt es mehr Plastik als Fisch im Meer

Ein UN-Bericht über Kunststoffverschmutzung zeigt, dass Regierungen auf der ganzen Welt zu handeln beginnen. Das Plastik-Problem bleibt trotzdem akut.

Die Pläne lösten bei Umweltaktivisten einen Sturm der Entrüstung aus.

Greenpeace-Aktivisten stürmten im Oktober zwei der Plattformen, um Transparente mit der Aufschrift „Mach‘ deinen Dreck weg, Shell!“ aufzuhängen.

Währenddessen legte auch Deutschland bei einer Sondertagung von OSPAR im selben Monat seinen Widerstand dar und brandmarkte den Plan als „absolut inakzeptabel“. Shell wurde aufgefordert, zumindest Vorschläge zur Säuberung der Strukturen zu unterbreiten.

„Sie müssen gesäubert werden. Aber das ist der Punkt, an dem es im Moment ein großes Problem gibt,“ warnt David Santillo von Greenpeace, ein ehrenamtlicher Forschungsstipendiat der Universität von Exeter. „Denn wenn Sie die Option einräumen, [die Bohrplattformen] an Ort und Stelle zu belassen, werden sie mit ziemlicher Sicherheit bestehen bleiben“, sagte er gegenüber der AFP.

Das Vereinigte Königreich drängt dennoch weiter darauf, die Regeln zu lockern, stößt dabei aber auf heftigen Widerstand von Seiten der anderen OSPAR-Länder.

Das langfristige Schicksal der Brent-Plattformen bleibt laut Großbritanniens Offshore Petroleum Regulator for Environment and Decommissioning (OPRED) daher unklar. Das Thema sei „in Prüfung“.

Gegen die Brexit-Angst: Südkorea und UK schließen Öl-Deal

Die Haltung Südkoreas zu Öl-Importen ist ein Beispiel dafür, wie sehr sich die Angst vor dem Brexit auf den Öl- und Gashandel auswirkt.

Nordsee-Anrainer wollen bei Windenergie besser kooperieren

Mehrere nord- und westeuropäische Staaten fordern ein EU-Rahmenwerk, mit dem die aktuell bestehenden Hindernisse für „hybride“ Offshore-Windenergieprojekte über Ländergrenzen hinweg beseitigt werden sollen.

Weniger Kraftstoff, dafür mehr Plastik: Ölindustrie schöpft Hoffnung

Da der Kraftstoffverbrauch von Autos voraussichtlich Mitte der 2020er Jahre seinen Höhepunkt erreichen wird, sucht die Ölindustrie nun ihr Heil in Kunststoffen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN