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06/12/2016

Verdacht auf rissige Atomreaktoren

Energie und Umwelt

Verdacht auf rissige Atomreaktoren

Recherchen von WDR und SZ werfen Fragen bezüglich der Sicherheit von insgesamt 18 europäischen Atommeilern auf.

Sind viele europäische Atomkraftwerke fehlerhaft? Das Material in mindestens 18 Reaktoren ist möglicherweise veraltet und brüchig. Eine aktuelle Recherche von WDR und Süddeutscher Zeitung legen diesen Verdacht nahe.

Das Kühlwasser ist die Sicherheitsgarantie jedes Atomkraftwerks. Es soll den Druckbehälter des Reaktors, in dem sich die Brennstäbe befinden, vor Überhitzung schützen. Laut Berichten von WDR und Süddeutscher Zeitung wird dieses Wasser aber in vielen europäischen Meilern vorgeheizt. Grund könnten Materialfehler sein.

In mindestens 18 aktiven Atomreaktoren in Tschechien, Belgien, Frankreich, Finnland und der Slowakei wird das Wasser demnach auf bis zu 60 Grad Celsius vorgeheizt. Dadurch soll offenbar verhindert werden, dass der stählerne Druckbehälter durch zu kaltes Wasser beschädigt wird. Reißt der Behälter, könnte dies eine Kernschmelze zur Folge haben.

„Je länger Stahl mit Neutronen bestrahlt wird, desto spröder wird er“, sagte Michael Sailer, Atomexperte und langjähriges Mitglied der Reaktorsicherheitskommission, dem WDR. In vielen Reaktoren sei diese Versprödung allerdings schneller vorangeschritten als ursprünglich berechnet. Das Notkühlwasser werde in diesen Reaktoren vorgeheizt, „um die Spannungen bei einer Notkühlung zu begrenzen, weil der Reaktordruckbehälter nicht mehr so stabil ist, wie er sein sollte“, so Wolfgang Renneberg, bis 2009 Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium.

Die Betreiber des tschechischen Atomkraftwerks Temelín widersprechen gegenüber der Süddeutschen Zeitung dieser Darstellung: „Das ist keine Sicherheitsmaßnahme, sondern Ergebnis einer ständigen Verbesserung,“ sagte ein Sprecher der Betreiberfirma ČEZ. Ziel sei lediglich, die Auswirkungen eines möglichen Einsatzes der Notkühlung „auf die Lebenszeit des Reaktordruckbehälters zu verringern“.

Fakt ist: Je spröder der Stahl, desto schlechter hält er plötzliche Temperaturschwankungen aus. „Dann kann es zu einem sogenannten Sprödbruch kommen“, sagt Sailer. „Der Reaktordruckbehälter birst.“

Bundesregierung fordert von Belgien Abschaltung grenznaher Atomkraftwerke

Deutschland verlangt von der belgischen Regierung, zwei Reaktoren vorübergehend vom Netz zu nehmen. Es gebe „offene Sicherheitsfragen“, so Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

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„Das Vorwärmen bedeutet: entweder sind schon Risse da, die relativ groß sind. Oder man ist unsicher, ob die Versprödung nicht vielleicht doch größer ist, als bisher angenommen“, erklärt die Sicherheitsexpertin Ilse Tweer dem WDR. Sie ist Mitglied des Atomforscher-Netzwerkes INRAG.

Im Februar war demnach bereits bekannt geworden, dass in dem belgischen Reaktor Doel-3 wegen Rissen im Reaktorbehälter das Notkühlwasser vorgeheizt wird. In den beiden tschechischen Temelín-Reaktoren ist nach Erkenntnissen von WDR und SZ das Notkühlwasser zwischen 55 und 60 Grad heiß, ebenso in den vier Blöcken des anderen tschechischen Kraftwerks Dukovany. Auch der französische Reaktor Fessenheim 2 und drei Blöcke des belgischen Kernkraftwerks Doel heizen den Recherchen zufolge vor, außerdem Kraftwerke in Finnland und der Slowakei.

Im April hatte die Bundesregierung bereits die Abschaltung von zwei belgischen Kraftwerken gefordert. „Die unabhängigen Experten der RSK können mir nicht bestätigen, dass die Sicherheitsreserven von Tihange-2 und Doel-3 eingehalten werden können“, erklärte Hendricks. „Deshalb halte ich es für richtig, die Anlagen vorübergehend vom Netz zu nehmen, jedenfalls so lange, bis die weiteren Untersuchungen abgeschlossen sind.“ Ein solcher Schritt wäre „ein starkes Zeichen der Vorsorge. Und er würde zeigen, dass Belgien die Sorgen seiner deutschen Nachbarn ernst nimmt“, betonte die Umweltministerin. Hintergrund der Beratungen waren die in den Reaktordruckbehältern der beiden Anlagen gefundenen Wasserstoffflocken.