Umweltverbände erringen historischen Sieg bei Biomassevorschriften

Biokraftwerk mit Lagerung von Holzbrennstoff. [nostal6ie / Shutterstock]

EU-Umweltorganisationen haben den „historischen“ Beschluss des Umweltausschusses des Europäischen Parlaments gefeiert, der strengere Regeln für die Einstufung von Biomasse als nachhaltig vorsieht.

„Es ist schwer, einen Brennstoff zu finden, der schmutziger ist als Kohle, aber die Biomasseindustrie hat es geschafft. Wir sind froh, dass Europa langsam erkennt, wie schmutzig dieser Brennstoff ist“, sagte Amanda Hurowitz von der Umwelt-NGO Mighty Earth.

Am Dienstag (17. Mai) stimmte der Umweltausschuss über die vorgeschlagenen Überarbeitungen der Verordnung über die Landnutzung und Forstwirtschaft (LULUCF) und die Richtlinie über erneuerbare Energien ab.

Die Änderungen beinhalten eine neue Definition für primäre holzartige Biomasse im Rahmen der Richtlinie über erneuerbare Energien. Abgesehen von bestimmten Ausnahmen soll die Energieerzeugung aus dieser Form von Biomasse nicht mehr als erneuerbar gelten und kann somit nicht mehr von Förderprogrammen für erneuerbare Energien profitieren.

Die Forst-NGO Fern begrüßte die Überarbeitung und bezeichnete sie als „historischen Durchbruch.“

„Zum ersten Mal stellt eine wichtige EU-Regulierungsbehörde klar, dass eine der klimaschädlichsten EU-Politiken des letzten Jahrzehnts, nämlich die Förderung des Abbrennens von Wäldern im Namen der erneuerbaren Energien, ein Ende haben muss“, sagte Martin Pigeon, Wald- und Klimabeauftragter von Fern.

Laut den vom Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) veröffentlichten Daten ist der CO₂-Gehalt von Holz pro Einheit vergleichbar mit dem von Kohle und wesentlich höher als der von Gas.

Allerdings sind nicht alle Aktivist:innen so begeistert. Sekundäre holzartige Biomasse wie Sägespäne, Schwarzlauge aus der Papierherstellung und Holzabfälle sollen nach wie vor als erneuerbar gelten.

„Wir befürchten, dass dieser halbe Schritt als eine Art Sieg gefeiert wird, während in Wirklichkeit mehr als die Hälfte der verbrannten Biomasse nach diesem Vorschlag weiterhin Subventionen erhält und nicht in die Emissionsstatistiken aufgenommen wird“, so Lina Burnelius, Projektleiterin bei ‚Protect the Forest Sweden.‘

Außerdem bleibt abzuwarten, ob sich das gesamte Europäische Parlament dieser Position anschließt.

„Die Bioenergiebranche ist vor allem dank dieser Anreize gewachsen und wird sich gegen diese Begrenzung ihres Angebots heftig wehren. Dabei kann sie leider auf die Unterstützung einiger verbündeter EU-Regierungen zählen, wie beispielsweise die der derzeitigen Regierungen Schwedens, Finnlands oder Österreichs“, so Pigeon.

EU-Länder sträuben sich gegen neue Biomasse-Regeln

Eine Koalition von 10 EU-Ländern hat in einem Schreiben an die französische EU-Ratspräsidentschaft und die EU-Kommission gewarnt, dass es für die geplante Überarbeitung der Nachhaltigkeitskriterien für Bioenergie noch zu früh sei.

Gegenwind aus der Industrie

Das Thema Biomasse ist äußerst umstritten. Einige EU-Länder setzen auf diese Energiequelle, um ihre Ziele im Bereich der erneuerbaren Energien zu erreichen. Sie argumentieren, dass sie dazu beitragen könnte, schneller unabhängig von russischen Energielieferungen zu werden.

Im April legte Deutschland beispielsweise sein sogenanntes „Osterpaket“ vor, das die Nutzung von Biomasse zur Deckung des Spitzenenergiebedarfs fördert.

„Bioenergie ist der Schlüssel, um die russischen fossilen Brennstoffe zu ersetzen, da etwa die Hälfte des Energieverbrauchs in Europa für Heizzwecke verwendet wird. Hier kann nachhaltige Biomasse die größte Rolle spielen, da drei Viertel der Bioenergie zum Heizen verwendet wird“, sagte Irene di Padua, Policy Director von Bioenergy Europe.

Biomasse kann in der bestehenden Energieinfrastruktur mit geringen oder gar keinen Nachrüstungen eingesetzt werden. 96 Prozent werden vor Ort gewonnen, der Rest stammt aus zuverlässigen Quellen, was sie zu einer effektiven Möglichkeit macht, die Energieabhängigkeit zu erhöhen, ohne die Klimaziele zu beeinträchtigen, fügte sie hinzu.

Darüber hinaus warnte Daniel Reinemann, politischer Referent bei Bioenergy Europe, davor, primäre holzartige Biomasse aus der Liste der erneuerbaren Energien zu streichen, da dies dazu führen würde, dass rund 20 Prozent der erneuerbaren Energien innerhalb der EU nicht mehr förderfähig wären.

„Nachhaltige Bioenergie spielt eine wichtige Rolle in der EU, denn 2019 machte sie 11,4 Prozent der Gesamtenergie und 57,6 Prozent der erneuerbaren Energie aus. Wenn ein Drittel bis die Hälfte dieser Energie als nicht erneuerbar eingestuft wird, gefährdet dies unsere Fähigkeit, unsere Klimaziele zu erreichen“, so Reinemann.

Bioenergy Europe stimmt zu, dass Nachhaltigkeitskriterien notwendig sind, sagt aber, dass diese so strukturiert sein müssen, dass sie Anreize für nachhaltige Praktiken schaffen und diese ermöglichen, ohne dass es zu pauschalen Verboten komme, die die Branche, die über 800.000 Arbeitsplätze bietet, „ersticken“ könnten.

Auch der Verband europäischer Waldbesitzer (CEPF) lehnt die eingeschränkte Nutzung von Waldbiomasse ab, da sie die notwendigen nachhaltigen Waldbewirtschaftungspraktiken untergrabe und wirtschaftliche Auswirkungen auf die Waldbesitzer haben könne.

„Die fehlende Anerkennung der Wichtigkeit primärer Biomasse für Energiezwecke würde bedeuten, dass nach der Ernte mehr Waldbiomasse in den Wäldern verbleibt, was das Risiko natürlicher Störungen erhöht und den Regenerationsprozess verlangsamen kann“, erklärte Maria Pohjala, eine politische Beraterin des CEPF.

EU drängt auf Gebäudeisolierung um Unabhängigkeit von russischem Gas voranzutreiben

Die Pläne der Europäischen Kommission, die Importe fossiler Brennstoffe aus Russland zu unterbinden, beinhalten einen starken Fokus auf Energieeffizienz. Für den energiehungrigen Gebäudesektor bedeutet dies, dass die Isolierung von Wohngebäuden erneut vorangetrieben wird.

Mehr Ehrgeiz bei der Kohlenstoffspeicherung

Die Abgeordneten der EU stimmten auch dafür, den Vorschlag der Europäischen Kommission zu unterstützen, wonach der Landnutzungs- und Forstwirtschaftssektor bis 2030 310 Millionen Tonnen CO2 speichern soll. Damit würde das europäische Ziel der Treibhausgasreduzierung bis 2030 von 55 Prozent auf 57 Prozent steigen.

Sie forderten zudem Zwischenziele für Ackerland, Grünland und Feuchtgebiete auf EU und nationaler Ebene und schlugen vor, dass die Kohlenstofflandwirtschaft das CO₂-Äquivalent von 50 Millionen Tonnen zusätzlichem Nettoabbau liefern sollte.

„Das Europäische Parlament sendet ein klares Signal an den Rat: Wir sind bereit, das LULUCF-Ziel zu erhöhen“, sagte Delara Burkhardt, deutsche Abgeordnete der Fraktion der Sozialdemokraten (S&D) im Parlament. „Der Landnutzungs- und Forstwirtschaftssektor hat so viel Potenzial für den Klimaschutz“, fügte sie hinzu und betonte, dass gesunde Wälder auch zum Schutz der Artenvielfalt beitragen.

Ville Niinistö, der grüne Abgeordnete, der die Verhandlungen über LULUCF leitete, begrüßte ebenfalls die Einigung über die Stärkung der Bedeutung von Kohlenstoffsenken.

„Die Unterstützung für Produkte zur Kohlenstoffspeicherung und für die Kohlenstoffbewirtschaftung [wurde] auch als Möglichkeit für Landbesitzer:innen, Landwirt:innen und die Forstwirtschaft gesehen, neue klimafreundliche Produkte mit einem Fokus auf Umweltintegrität zu entwickeln“, sagte er gegenüber EURACTIV.

Allerdings besteht die Gefahr, dass dieses ehrgeizige Ziel den Druck auf den Forstsektor erhöht, warnte CEPF.

„Das ambitionierte Kohlenstoffabbauziel könnte Druck auf die Verringerung des Holzeinschlags in den Mitgliedsstaaten ausüben und somit negative Auswirkungen auf das Angebot an Holzprodukten, die Verfügbarkeit von Holz und die Schaffung von Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten haben“, sagte Pohjala.

Es wird erwartet, dass das gesamte Europäische Parlament im Juni über die Revision der LULUCF-Verordnung abstimmen wird. Während der Industrieausschuss des Parlaments bei der Überarbeitung der Richtlinie über erneuerbare Energien federführend ist, hat der Umweltausschuss Vorrang bei forstwirtschaftlichen Fragen.

Die Richtlinie über erneuerbare Energien wird voraussichtlich nach der Sommerpause im Plenum zur Abstimmung vorgelegt.

Deutschland könnte bis 2035 auf fossile Brennstoffe verzichten

Deutschland könnte seinen gesamten derzeitigen Strombedarf innerhalb der nächsten 10 Jahre komplett auf Sonne, Wind und Batterien umstellen und bis 2035 vollständig energieunabhängig werden, und das zu einem geringen Preis, schreibt Nafeez Ahmed.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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