Umweltschützer warnen: Altplastik demnächst als „erneuerbarer“ Kraftstoff?

Umweltschützer kritisieren, Brennstofferzeugung aus Kunststoffabfall sei "gleichbedeutend mit der Nutzung fossiler Energieträger - und damit das genaue Gegenteil von erneuerbarer Energie." [John Jones / Toolstotal]

Ein Vorschlag zur Verwendung von nicht wiederverwertbaren Kunststoffabfällen zur Herstellung von Kraftstoffen scheint trotz Warnungen von Umweltschützern in den EU-Mitgliedsstaaten und im EU-Parlament an Popularität zu gewinnen.

Alte Kunststoffe, die nicht recycelt werden können, weil sie zu viele „Verunreinigungen“ enthalten, könnten in den Verbrennungsmotoren von Autos eine letzte Verwendung finden; Umweltaktivisten warnen dabei vor „einem gefährlichen Präzedenzfall“.

Die Idee sei „sehr kontrovers, da sie erstmals eine Einbeziehung fossiler Brennstoffe in die Erneuerbare-Energien- und Klimapolitik der EU schaffen könnte,“ erklärte Janek Vahk von der Umwelt-NGO Zero Waste Europe. „Außerdem könnte es die Bemühungen der Länder untergraben, endlich die Fragen nach einer angemessenen Recyclingfähigkeit von Kunststoffen anzugehen,“ so Vahk weiter.

„Abfallbasierte fossile Brennstoffe“

Die Europäische Kommission listet in ihrem Vorschlag für eine Aktualisierung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EER) „abfallbasierte fossile Brennstoffe“ unter den nicht verwertbaren Abfällen, die in Energie umgewandelt werden können. Diese Energie könne als Kraftstoffe für den Transportsektor oder auch als „erneuerbarer“ Strom genutzt werden.

Recycling: Immer weiter in Richtung Kreislaufwirtschaft

Während die EU ihre Anstrengungen in der Abfallwirtschaft verstärkt und sich auf die Verringerung von Kunststoffabfällen konzentriert, gewinnen die Ideen der Kreislaufwirtschaft und eines Recycling-Binnenmarktes an Fahrt.

Die Kommission hatte in ihrem ursprünglichen Vorschlag geschrieben: „Fossile Brennstoffe auf Abfallbasis sind flüssige und gasförmige Brennstoffe, die aus Abfallströmen nicht erneuerbaren Ursprungs hergestellt werden, einschließlich Verarbeitungsgasen und anderen Abgasen.“

Ein vom Europäischen Parlament in einer anschließenden Plenarabstimmung im Januar eingebrachter Änderungsantrag konkretisierte diesen Vorschlag allerdings, indem er um den Passus „aus festen Abfallströmen erzeugte Abfälle“ – d.h. Kunststoffe – ergänzt wurde (Punkte 103 & 104 im Dokument).

Im EU-Ministerrat nimmt die Idee nun scheinbar Fahrt auf, wobei vier Mitgliedstaaten – Großbritannien, Finnland, die Niederlande und die Tschechische Republik – den Plan unterstützen. Insbesondere mit der Entscheidung Chinas, alle Einfuhren von Kunststoffen und anderen Recycling-Abfällen aus Europa und anderen Ländern zu verbieten, hat er weiter an Dynamik gewonnen.

Umweltgruppen zeigen sich allerdings beunruhigt und haben sich mit einem Brief an die EU-Gesetzgeber gewandt. Sie seien „tief besorgt“ über die Einbeziehung von Kunststoffen in die Definition „erneuerbarer“ Kraftstoffe.

„Wir glauben, dass diese Einbeziehung eine schädliche Verzerrung des Konzepts der erneuerbaren Energien darstellt und nicht mit der Kreislaufwirtschafts- und Klimapolitik der EU vereinbar ist,“ heißt es im Schreiben der Umweltorganisationen, das am 2. Mai an die EU-Gesetzgeber geschickt wurde.

„Die Brennstofferzeugung aus nicht erneuerbaren festen Abfällen wie Kunststoffen ist gleichbedeutend mit der Nutzung fossiler Energieträger – und damit das genaue Gegenteil von erneuerbarer Energie,“ so die Koalition.

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Zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen

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Einige Mitglieder des EU-Parlaments scheinen aber inzwischen Zweifel zu beschleichen. „Sie erkennen jetzt, dass dieser Ansatz einige Probleme aufwerfen könnte und suchen nach neuen Sicherheitsvorkehrungen,“ kommentierte Vahk.

Bart Martens, ein Mitarbeiter der belgischen Europaabgeordneten Kathleen Van Brempt, die an der Ausarbeitung des im Plenum angenommenen Änderungsantrags mitgewirkt hat, unterstrich allerdings, die Einführung von fossilen Brennstoffen auf Abfallbasis in die EER sei immer Teil des Plans gewesen.

„Das einzige, was das Parlament getan hat, war, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, um sicherzustellen, dass die Abfallhierarchie eingehalten wird“ und zu verhindern, dass nicht verwertbare Kunststoffabfälle in Verbrennungsanlagen landen, sagte Martens gegenüber EURACTIV. Er erinnerte außerdem daran, dass der Kompromissänderungsantrag von einer großen Mehrheit der Fraktionen im Parlament angenommen wurde.

„Die Idee war, die [Müll-] Verbrennung zu verhindern“, erklärte der Assistent. Er sagte weiter, „viele CO2-Emissionen“ könnten vermieden werden, wenn nicht verwertbare Kunststoffabfälle als Treibstoff verwendet werden: „Die CO2-Einsparungen sind potenziell sehr groß. Der Kohlenstoff-Lebenszyklus zeigt, dass er positiv für die Umwelt ist.“

„Natürlich liegt es an den Verhandlungsführern, einen Mittelweg zu finden, um sicherzustellen, dass die EU-Abfallhierarchie eingehalten wird,“ fügte Martens hinzu.

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Der Mitarbeiter von MEP Van Brempt betonte auch, dass „recycelte Kohlenstoffbrennstoffe“ nach der überarbeiteten EU-Richtlinie nicht zu den erneuerbaren Energien gezählt werden. „Sie werden nur als zusätzliche Möglichkeit zur Dekarbonisierung des Transportsektors in die Beimischungsverpflichtung aufgenommen“ – dies gelte dann vor allem in der Luftfahrt oder der Schifffahrt, wo die Elektrifizierung schwieriger sei.

Eine bessere Option sei natürlich die Aufnahme von „recycelten Kohlenstoffbrennstoffen“ in die Kraftstoffqualitätsrichtlinie gewesen. In dieser Richtlinie war aber keine Revision vorgesehen, erläuterte Martens weiter. Das EU-Parlament habe sich daher „für einen pragmatischeren Ansatz“ entschieden, indem es diese Art der Kraftstoffe in die überarbeitete EER aufnahm.

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