Gastransit vs. Meeres-Pipelines: Kosten, Nutzen, Fehlkalkulationen

Trotz der neuen Pipelines Turkish Stream und Nord Stream II (im Bild, während des Baus in der deutschen Ostsee) wird der Gastransit durch die Ukraine wohl für die EU weiterhin ein Thema bleiben. [Nord Stream 2]

This article is part of our special report Sicherstellung des Gastransits durch die Ukraine.

Am gestrigen Montag hat das ukrainische Energieunternehmen Naftogaz mitgeteilt, dass nach wie vor keine Einigung mit der russischen Gazprom über den zukünftigen Transit von russischem Gas durch die Ukraine nach Zentral- und Westeuropa erzielt wurde. Die Zeit drängt. EURACTIV sieht sich die Details an – vor allem zum Thema Land- und Unterwasser-Pipelines.

„Die Vertragsparteien führen die Verhandlungen sowohl auf Expertenebene als auch in dem von der Europäischen Kommission vermittelten trilateralen Format fort. [Naftogaz] wird über die offiziellen Quellen über jegliche Vereinbarungen informieren,“ so das nüchterne Statement des ukrainischen Unternehmens.

Das Tauziehen um die Transit-Verträge findet zu einem Zeitpunkt statt, da Russland den Bau seiner Offshore-Gasleitungen durch die Ostsee und das Schwarze Meer vorantreibt. Ein Grund dafür ist auch die – aus russischer Sicht – unverlässliche Lieferung durch die Ukraine in Folge der Gas-Streitigkeiten aus dem Jahr 209.

Die Ukraine hingegen betont, dass sich ihr Gastransportsystem seitdem enorm verbessert hat.

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Die politischen Verhältnisse zwischen der Ukraine und Russland sind angespannt und die Argumente für oder gegen gewisse Gasversorgungs- und Transitregelungen werden daher oft verzerrt dargestellt.

Entscheidend für die Endabnehmer in der EU sind aber letztlich die Versorgungssicherheit, der Preis und die Auswirkungen auf ihre eigene Politik zur Bekämpfung des Klimawandels.

Naftogaz 

In der russischen Erzählweise wird vor allem ein negatives Bild von der ukrainischen Naftogaz gezeichnet, das auf den Winter 2008/2009 zurückgeht. Damals hatte Russlands Präsident Wladimir Putin noch bekundet, sein Land sei an der Mitwirkung bei der geplanten Privatisierung des ukrainischen Pipeline-Systems interessiert.

Doch in der Ukraine entschied man sich anders. Und nach der russischen Annexion der Krim im Februar/März 2014 sowie der Krise in der Ostukraine, die heute teilweise immer noch unter der Kontrolle von proussischen Paramilitärs steht, machte sich ein neues Führungsteam unter der Leitung von Andrej Koboljew an die Transformation von Naftogaz.

Damals, 2014, stellte Naftogaz noch ein ernstes Risiko für die Souveränität des Landes dar:  Das staatseigene Unternehmen machte riesige Verluste und sorgte so für ein acht Milliarden Dollar großes Loch im Staatshaushalt. 27 Prozent der staatlichen Ausgaben gingen für Naftogaz drauf. Das sollte sich unter Koboljew aber ändern: Naftogaz ist heute der größte Steuerzahler der Ukraine sowie das ertragsreichste Staatsunternehmen. Mit seinen rund 1,3 Milliarden US-Dollar Nettogewinn steuert der Energiekonzern satte 15 Prozent zu den Staatseinnahmen bei.

Das gilt auch für das aktuelle Jahr: Laut den eigenen Angaben des Unternehmens trug Naftogaz bereits im Zeitraum Januar bis November 2019 mit seinen Steuern und Abgaben erneut fast 14 Prozent zu den gesamten Staatseinnahmen bei.

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Die Ukraine hat auch versucht, entsprechend dem dritten Energiepaket der EU ihre Energiepolitik an die der Europäischen Union anzupassen. Dazu gehört eine „Entflechtung“ bzw. Aufteilung staatseigener Energieunternehmen, die einerseits für den Gastransport, andererseits aber auch für die eigene Produktion zuständig sind.

Diese „Entflechtung“ des bisherigen Systems gestaltete sich jedoch schwierig, da diese indirekt durch die russische Gazprom blockiert wurde: Als Klausel des für Naftogaz ungünstigen Vertrags von 2009 war die Zustimmung von Gazprom erforderlich, um entsprechende Zuständigkeiten auf ein neues, unabhängiges Gas-Transportunternehmen (nämlich Ukrtransgaz – UTG) zu übertragen.

Um den bestehenden Transitvertrag nicht zu gefährden, beschloss die Ukraine, die „Entflechtung“ erst nach Ablauf des bestehenden Transitvertrags mit der russischen Firma rechtswirksam zu machen. Das entsprechende Gesetz über die Entflechtung wurde am 31. Oktober 2019 vom ukrainischen Parlament verabschiedet. Damit ist nun alles bereit, damit der neue unabhängige Übertragungsnetzbetreiber der Ukraine ab dem 1. Januar 2020 tätig werden kann.

Die großen Gegner: Nord Stream und Turkish Stream

Während die Ukraine damit versucht, den EU-Regularien gerecht zu werden und gleichzeitig weiterhin das Haupt-Transitland für russisches Gas in Richtung Westen bleiben will, arbeitet Russland eifrig weiter an zwei Pipeline-Projekten, mit denen die Ukraine faktisch umgangen würde: Nord Stream 2, mit der Erdgas direkt unter der Ostsee nach Deutschland gebracht werden soll, sowie Turkish Stream für Gaslieferungen durch das Schwarze Meer. Letztere Pipeline soll in das System Balkan Stream münden, mit dem das Gas in Richtung Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich weitertransportiert werden kann.

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Wie Dr. Frank Umbach von GIS (Global Intelligence Services) betont, ist das Gas, das Russland über Nord Stream liefern will, dabei aber nicht dasselbe Gas wie das, das aktuell über die Ukraine transportiert wird. Das Nordstream-Gas würde demnach aus neuen Feldern auf der Halbinsel Jamal gespeist, wo die Gasproduktion in einer Permafrostumgebung wesentlich teurer ist.

Ebenso nennt er die russische Behauptung, dass der Transport von Gas durch die bestehende Nord Stream 1-Pipeline viel billiger sei als der Transit durch die Ukraine „zweifelhaft“. Offshore-Pipelines durch Meere sind laut Umbach aufgrund ihrer höheren Kosten nur auf Entfernungen von maximal 1.000 Kilometern tatsächlich billiger. Da die Jamal-Felder 4.300 Kilometer von der deutschen Ostseeküste entfernt sind, einschließlich des 1.200 Kilometer langen Nord-Stream-Segments, wäre nach dieser Regel sogar importiertes US-amerikanisches oder afrikanisches Flüssigerdgas (LNG) – und ganz bestimmt das russische Gas, das über die Ukraine transportiert wird – günstiger als Gas aus Jamal.

Der deutsche Wissenschaftler geht daher davon aus, dass Nord-Stream-Gas derzeit stark über die profitableren Gasfelder in Westsibirien „subventioniert“ wird. Auf lange Sicht sei dies aber möglicherweise nicht tragbar.

Umbach weist in dieser Hinsicht auch auf Klimarisiken hin: So könnten Leitungen auf dem Land, die in Richtung Nord Stream 2 führen, den Permafrost in Russland aufschmelzen.

Falsche Annahmen von russischer Seite?

Im Gespräch mit EURACTIV.com am Montag brachte Umbach daher auch die offizielle Klimapolitik der EU ins Spiel, die auf der Annahme basiere, dass die Nutzung von konventionellem Erdgas spätestens ab 2030 reduziert werden sollte.

Weiter argumentierte er, die finanziellen Schätzungen zum Bau von Nord Stream 2 hätten sich als falsch erwiesen. So basierten die Annahmen zur Marktfähigkeit von Nord Stream 2 „zum einen auf einem viel höheren Gaspreis, der ja inzwischen auf ein Rekordtief gesunken ist; und zum anderen auf einer höheren Laufdauer, weit über 2030 hinaus.“

„Die Investitionen in Jamal wurden 2002 getätigt und beliefen sich nach einigen Schätzungen auf 250 Milliarden Dollar. Wenn man jetzt noch die 40 bis 50 Milliarden Dollar für den Bau der neuen Pipeline von Jamal nach St. Petersburg hinzurechnet… Eine solche Entscheidung kann nicht rückgängig gemacht werden.“

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Auch das Thema schmelzender Permafrost sowie die damit verbundenen Risiken und Kosten hätten einen Strich durch die russischen Planungen gemacht. Viel gravierender seien dabei noch die Methan-Emissionen bei derartigen Pipelines. Seiner Ansicht nach habe Russland „absolut nichts“ in die Instandhaltung seiner Leitungssysteme investiert.

Dies gelte auch für die alten Pipelines in Richtung der traditionellen Ukraine-Route.

Allerdings könne man Onshore-Pipelines sehr viel einfacher und risikoärmer reparieren als Unterwasserleitungen: „Die Reparatur einer Landleitung dauert drei bis vier Tage, natürlich abhängig von der Art des Schadens. Laut Schätzungen dauert die Reparatur einer Offshore-Pipeline hingegen Wochen.“ Darüber hinaus gebe es noch die riesigen Gasspeichermöglichkeiten in der Ukraine. Etwas Vergleichbares habe Nord Stream nicht zu bieten.

Wenn die traditionelle ukrainische Route nicht ausreichend genutzt werde, berge dies in jedem Fall Sicherheitsrisiken für die europäische Seite, warnte er.

Danila Botschkarew, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ost-West-Institut, sieht das ein wenig anders: Seiner Ansicht nach sind On- und Offshore-Pipelines ähnlich sicher und verlässlich.

In Bezug auf mögliche Ausstöße schätze er hingegen, dass die älteren Rohre in der Ukraine einen bis zu 60 Prozent höheren Emissions-Fußabdruck haben könnten, als wenn die gleiche Menge Gas über Nord Stream 1 geliefert wird.

Derweil bestätigte der Kreml, dass Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel gestern telefoniert und dabei auch erneut die Themen Nord Stream 2 sowie Gastransit durch die Ukraine angesprochen haben.

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(Bearbeitet von Frederic Simon, Benjamin Fox und Tim Steins)

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