Timmermans: Fossile Brennstoffe wie Erdgas haben „keine Zukunft“

Fossiles Gas wird auf lange Sicht "nur eine marginale Rolle" im EU-Energiemix spielen, betonte EU-Klimachef Frans Timmermans. [EPA-EFE/Olivier Matthys]

Die EU habe sich ein klares Ziel für die vollständige Dekarbonisierung bis 2050 gesetzt, wobei Strom aus erneuerbaren Energien der dominierende Energieträger werden soll. Das bedeute, dass fossiles Gas auf lange Sicht „nur eine marginale Rolle“ spielen wird, betonte EU-Klimachef Frans Timmermans am Donnerstag (25. März).

Bis 2050 werde sich das europäische Energiesystem grundlegend ändern, mit zehnmal mehr Solar- und Onshore-Windkraft als heute, erklärte Timmermans, der als Vizepräsident der Europäischen Kommission für den Green Deal zuständig ist.

„Am Ende dieses Weges wird es keinen Platz mehr für Kohle, sehr wenig Platz für Öl und nur noch eine marginale Rolle für fossiles Gas geben,“ sagte er in einer Rede auf der Jahreskonferenz des Branchenverbands Eurogas.

„Anstatt also auf das Unvermeidliche zu warten und immer höhere Kosten für den Übergang in Kauf zu nehmen, ist es besser, sich anzupassen, vorzubereiten und neue nachhaltige Geschäftsmodelle zu übernehmen,“ so der Niederländer. Er machte deutlich: „Je länger man wartet, desto teurer wird es.“

Umweltgruppen hatten die Europäische Kommission zuvor für ihre ambivalente Haltung gegenüber Gas kritisiert. Bei einem Pressegespräch im vergangenen Jahr wollte Timmermans fossiles Gas in der Energiewende noch „mit Vorbehalt“ behandeln und sagte damals: „Erdgas wird wahrscheinlich notwendig sein, um von Kohle zu nachhaltiger Energie zu wechseln.“

Die Ansichten der Kommission haben sich seither nicht grundlegend geändert, aber Timmermans hielt es offenbar gestern dennoch für notwendig, einige zusätzliche Klarstellungen vorzunehmen.

Alles auf Elektrifizierung

„Ich will es ganz klar sagen: Fossile Brennstoffe haben keine Zukunft,“ sagte er den Teilnehmenden der Eurogas-Veranstaltung. „Und das gilt auch für fossiles Gas, zumindest auf längere Sicht.“

„Die Zukunft“, fuhr er fort, „liegt in CO2-freiem Strom und einem dekarbonisierten Gassektor, der Wasserstoff als Energieträger und grünen Wasserstoff als Endziel umfasst.“

Die unmittelbare Priorität, so Timmermans, sei es, den Ausstieg aus der Kohle zu beschleunigen. Letzte Woche erreichte die EU diesbezüglich einen weiteren Meilenstein, als neue Statistiken zeigten, dass die Hälfte der Kohlekraftwerke des Kontinents entweder stillgelegt wurden oder ihre Stilllegung vor 2030 angekündigt ist.

Dies zeige, so der Niederländer, dass Europa den Sprung von der Kohle zu sauberer Energie sofort schaffen könne. „Ich denke, wir haben immer wieder deutlich gemacht, dass die Elektrifizierung in vielen Bereichen unser Endziel ist“, sagte er und beschrieb die Elektrifizierung als „den schnellsten Weg zur Dekarbonisierung“ für die meisten Industrien sowie als „die effizienteste Lösung in vielen Endverbrauchssektoren“.

Er räumte aber auch ein, dass die Elektrifizierung und der Einsatz von erneuerbaren Energien nicht immer und überall in dem Umfang und der Geschwindigkeit möglich sei, die notwendig wären, um die Dekarbonisierungsziele der EU zu erreichen. An dieser Stelle könne fossiles Gas einspringen. „Wo und solange saubere Energie nicht in dem erforderlichen Umfang eingesetzt werden kann, kann fossiles Gas immer noch eine Rolle beim Übergang von Kohle zu emissionsfreiem Strom spielen,“ räumte Timmermans ein.

Erdgas gilt als der sauberste aller fossilen Brennstoffe und stößt durchschnittlich 50 Prozent weniger Kohlendioxid aus als Kohle, wenn es in Kraftwerken verbrannt wird. Polen, das fast 80 Prozent seines Stroms aus Kohle bezieht, plant daher Investitionen in Gasturbinen, um seine Klimaziele zu erreichen – zusammen mit einem aggressiven Plan zur Entwicklung von Offshore-Windkraft in der Ostsee.

Allerdings werden diese Gasanlagen nur eine begrenzte wirtschaftliche Lebensdauer haben, da billigere erneuerbare Energietechnologien in großem Umfang eingesetzt werden.

„Es ist auch wichtig, dass die Zeitpläne für den Ausstieg nicht zu einer Verpflichtung für die Regierungen werden, schmutzige Kraftwerke mit Steuergeldern am Netz zu halten“, warnte Timmermans. „Man muss die Rechnung machen: Wie viel kostet es, eine Grube offen zu halten, die Kohle produziert, die niemand kaufen will?“

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Wasserstoff darf kein „Feigenblatt“ für die Industrie sein

Es gebe auch einige nationale Gegebenheiten, bei denen Gas noch eine Rolle spielen kann. In Polen zum Beispiel plant die Regierung einen Mix aus Offshore-Wind-, Atom- und Gaskraftwerken, um fossile Brennstoffe zu ersetzen. „Für einige Mitgliedsstaaten, in denen es keine anderen erschwinglichen Optionen gibt, wird Gas für eine begrenzte Zeit eine Übergangsrolle spielen müssen“, bestätigte Timmermans erneut und nannte ebenfalls Polen als „eines der Länder, in denen dies notwendig sein wird“.

Und auch für Wirtschaftssektoren, die nicht vollständig elektrifiziert werden können – Stahl, Schwerlastverkehr, Luftfahrt und Schifffahrt – könnte „sauberer Wasserstoff ein entscheidender Faktor sein“, fügte Timmermans hinzu. Die EU sei in jedem Fall bestrebt, „der Zeit voraus zu sein und einen starken Wasserstoffmarkt zu schaffen“.

Die gute Nachricht ist, dass der Einsatz von Wasserstoff mit voller Geschwindigkeit voranschreitet, sagte der Niederländer: „Vor einem Jahr wurden unsere Wasserstoffziele als unerreichbar angesehen, jetzt sieht es so aus, als könnten wir sie im nächsten Jahrzehnt übertreffen, der Markt könnte schneller anlaufen und wachsen als wir es uns in unseren kühnsten Träumen vorgestellt hatten.“

Er hatte allerdings auch eine Warnung für den Gassektor: „Ich zähle auf Ihre Branche, dass Sie Wasserstoff, eFuels und Biomethan nicht als Feigenblatt oder Nebenaktivität sehen: Sie werden der neue Mainstream werden, unsere Politik wird das widerspiegeln. Und ich vertraue darauf, dass Ihre Investitionsentscheidungen dies ebenfalls widerspiegeln werden.“

In Bezug auf die Infrastruktur war Timmermans ebenso transparent über die Absichten der Kommission: „Wir sind in diesem Punkt ganz klar: Europa braucht keine neue Infrastruktur für den Transport von fossilem Gas. Stattdessen sollten wir darüber nachdenken, bestehende Pipelines für den Transport von Wasserstoff umzurüsten.“

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Es mag überraschen, dass die Teilnehmenden der Eurogas-Konferenz aus der Industrie die Energieziele der Kommission weitgehend unterstützten.

Annie Krist, die Geschäftsführerin des niederländischen Gasgroßhändlers GasTerra, dankte Timmermans für dessen Klarstellungen bezüglich der Haltung der Europäischen Kommission zum Thema Gas. „Gas spielt nur eine kleine Übergangsrolle – das ist doch klar. Und es ist auch gut, Klarheit zu haben… also danke dafür,“ sagte Krist in Reaktion auf Timmermans‘ Rede.

Sie betonte auch weitere „spannende Punkte“ in Timmermans‘ Rede und sagte, dass es wichtig sei, sich vor Augen zu halten, „dass dies aufregende Zeiten und nicht nur schwierige Zeiten“ für die Industrie seien, während sie auf CO2-arme Gase wie Biomethan und Wasserstoff umsteige.

Am Donnerstag präsentierte Eurogas eine aktualisierte Vision für das Jahr 2050, die besagt, dass die Gasindustrie CO2-Neutralität vor dem Jahr 2050 erreichen könnte – vorausgesetzt, es werden die richtigen politischen Rahmenbedingungen geschaffen.

Der Präsident von Eurogas, Philippe Sauquet, kommentierte: „Eurogas hat seine Klimaambitionen erhöht und wir können sagen, dass wir CO2-Neutralität im Gassektor vor 2050 erreichen können. Tatsächlich können wir sie laut unserer jüngsten DNV-Studie, die im Jahr 2020 veröffentlicht wurde, nicht sonderlich viel später als 2045 erreichen.“

„Aber natürlich können wir dieses Ziel nur erreichen, wenn die richtigen Maßnahmen und die richtigen Ziele für den Gassektor gesetzt werden“, fügte Sauquet in einer Erklärung hinzu. Dazu gehören seiner Ansicht nach zwei Dinge:

  • Ein verbindliches EU-Ziel für 2030, die Treibhausgasintensität des in Europa verbrauchten Gases um mindestens 20 Prozent im Vergleich zu 2018 zu reduzieren
  • Ein verbindliches EU-Ziel für 2030 von mindestens elf Prozent an erneuerbarem Gas (Biomethan, Wasserstoff und eFuels)

Das aktualisierte Klimaziel der Industrie berücksichtigt jedoch nicht die potenziellen Methanlecks entlang der Gasversorgungskette, die den politischen Entscheidungsträgern zunehmend Sorgen bereiten.

Im Dezember wird die Kommission neue Vorschläge zur Reform des europäischen Gasmarktes vorlegen, einschließlich neuer Gesetze, „um das Problem der Lecks in der gesamten Wertschöpfungskette fossiler Gaskraftstoffe anzugehen“, so Timmermans.

Er kündigte abschließend an: „Wir brauchen neue Marktregeln. Dies wird der Hauptschwerpunkt der Überprüfung der Gasmarktgesetzgebung sein, die wir bis Ende des Jahres verabschieden werden, um die Einführung von erneuerbaren und CO2-armen Gasen sowie die Entwicklung eines neuen Wasserstoffmarktes zu unterstützen.“

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