Stürmische Zeiten für die Offshore-Windenergie in Frankreich

shutterstock_706057069 (1) [Ian Dyball_Shutterstock]

Während sich die EU-Kommission auf die Veröffentlichung ihrer Strategie zu erneuerbaren Offshore-Energien vorbereitet, kristallisieren sich bei Windparkprojekten in Frankreich diverse Spannungen heraus.

Seit der Ankündigung ihres Green Deal arbeitet die Europäische Kommission an Strategien zur Erreichung des Ziels Klimaneutralität bis 2050. Diejenige über erneuerbare Offshore-Energien, der seit mehreren Monaten in den Schubladen der europäischen Exekutive liegt, wird am heutigen Mittwoch vorgestellt.

Bereits im März dieses Jahres betonte die Europäische Kommission die Notwendigkeit, die Offshore-Energiegewinnung zu stärken.

In Frankreich scheint man indes gewillt und bereit zu sein, die Führung zu übernehmen: In ihrem mehrjährigen Energieplan, der im vergangenen April veröffentlicht wurde, kündigte die französische Regierung eine deutliche Erhöhung der Offshore-Windenergiekapazitäten in den kommenden Jahren an. Ab 2024 sollen die Arbeiten an mehreren Windparks aufgenommen sowie weitere neue Ausschreibungen durchgeführt werden.

Frankreich hinkt hinterher

Von Dünkirchen bis Noirmoutier sollen zwischen 2022 und 2027 entlang der französischen Küste insgesamt sieben neue Offshore-Projekte entstehen. Diese Windparks, die nach Ausschreibungen in den Jahren 2011, 2013 und 2016 genehmigt wurden, haben eine Gesamtkapazität von 3,5 Gigawatt.

Darüber hinaus gilt die französische Offshore-Windindustrie als eine der wettbewerbsfähigsten.

Von den zwölf europäischen Fabriken, die Offshore-Windräder produzieren, befinden sich vier in Frankreich, erinnert Anne Georgelin, Vorsitzende der Gewerkschaft für die Erneuerbare-Energien-Branche: „Es ist eine Stärke und eine Chance, die wir nutzen müssen, um auch neue Offshore-Windparks auf französischem Territorium zu starten. Denn in diesem Bereich hinken wir unseren europäischen Nachbarn weit hinterher.“

Tatsächlich hat Frankreich trotz der Ausschreibungen derzeit keine aktiven Offshore-Windparks. Zum Vergleich: Das Vereinigte Königreich betreibt aktuell fast 2.225 Windturbinen, was 45 Prozent der europäischen Anlagen ausmacht, gefolgt von Deutschland (34 Prozent) und Dänemark (acht Prozent).

Deutschland und die Offshore-Windenergie: Zwischen Vorreiterrolle und Kohlestrom

Am Mittwoch wird die EU-Kommission ihre Strategie zur Offshore-Windenergie vorstellen. Eine deutsche Gesetzesnovelle setzt bereits einige Eckpunkte dieser Strategie um. Doch reicht das aus, um die Energiewende zu schaffen? Schließlich setzt Deutschland nach wie vor auf fossile Energieträger.

Großprojekte wie Offshore-Windenergie erfordern allerdings lange Konsultationen. Wenn an den französischen Parks auch nach mehreren Jahren nur teilweise mit dem Bau begonnen wird, „liegt das daran, dass es viele Spannungen und Differenzen mit bestimmten Akteuren gab“, räumt Georgelin ein.

Die Gewerkschaftsführerin erklärt diese Streitigkeiten mit der relativen Neuartigkeit der Offshore-Windenergie in Frankreich: „Solange wir nicht zeigen können, dass ein französischer Windpark wirklich gut läuft, wird es schwierig sein, die Zweifel der lokalen Akteure auszuräumen.“

Die lange Planungsphase beinhalte auch andere Probleme: „In zehn Jahren haben sich die gewählten Politikerinnen und Politiker sowie beispielsweise auch die Fischer komplett verändert… Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir von einem Meeresgebiet sprechen, das bereits von Krisen wie dem Brexit erschüttert wird,“ so Georgelin.

Seit mehreren Monaten ringen das Vereinigte Königreich und die Europäische Union um die Frage der Fischereirechte. Nach wie vor ist keine Einigung in Sicht. Das drohende Risiko eines „No Deal“, der die französischen Fischer aus den britischen Gewässern ausschließen würde, und die Fragilität der Ressource Fisch sind jedoch nicht die einzigen Argumente, die das Zögern der Fischer angesichts großer Windparkprojekte erklären.

Nordsee-Anrainer wollen bei Windenergie besser kooperieren

Mehrere nord- und westeuropäische Staaten fordern ein EU-Rahmenwerk, mit dem die aktuell bestehenden Hindernisse für „hybride“ Offshore-Windenergieprojekte über Ländergrenzen hinweg beseitigt werden sollen.

In der Region Côtes d’Armor begann der Streit um das Windparkprojekt in der Bucht von Saint-Brieuc schon lange vor der Brexit-Saga, wie Katherine Pujol, Präsidentin des Vereins Gardez les caps, erklärt: „Wir haben diesen Verein bereits 2011 gegründet, als die ersten Ausschreibungen veröffentlicht wurden. Vier Tage vor der Wahl von François Hollande, ganz am Ende der fünfjährigen Amtszeit von Nicolas Sarkozy, wurde die Genehmigung für den Betrieb des Windparks in der Bucht von Saint-Brieuc erteilt.“

Es sei eine ihrer Ansicht „verpfuschte“ Genehmigung, so die Präsidentin.

Zum damaligen Zeitpunkt habe keinerlei öffentliche Debatte stattgefunden – eine solche habe es erst im Nachhinein im Jahr 2013 gegeben. Außerdem sei ursprünglich keine Auswirkungsstudie durchgeführt worden – diese folgte erst ab 2015.

Beim Unternehmen Navantia-Windar im Hafen von Brest hat man mit der Vormontage der Fundamente begonnen, die die Windräder in der Bucht von Saint-Brieuc halten sollen. 

Sorge hinsichtlich der Umweltauswirkungen

Angesichts dieser ungünstigen Ausgangslage ist es schwierig, die lokalen Fischer zu beruhigen. Dies gilt umso mehr, als das Windkraftprojekt nicht weit von für die Fischbestände entscheidenden, als Natura 2000 klassifizierten Meeresgebieten aufgezogen werden soll.

Besorgt über die Umweltauswirkungen, die das Projekt auf die diversen Fischarten, Krebstiere oder auch die berühmten Jakobsmuscheln in der Bucht von Saint-Brieuc haben könnte, haben Fischervereinigungen beim Gerichtshof der EU Klage eingereicht.

Die Aktion wirkt über die nationalen Grenzen hinaus: Der niederländische Nordseefischer Job Schot kennt das Thema nur zu gut und unterstützt seine französischen Kollegen. „Die Nordsee eignet sich sehr gut für Offshore-Windkraftanlagen, wo [die Windräder] recht verstreut stehen. Es handelt sich um ein relativ flaches Meer, was den Aufbau von Infrastrukturen erleichtert. Anders ist die Situation in Frankreich, wo der Meeresboden vor der Küste manchmal steil abfällt,“ erklärt der ehemalige Präsident des niederländischen Fischerverbandes EMK.

Offshore-Windkraft boomt weiter – aber nicht genug für die Klimaziele

Im Jahr 2019 wurde in Europa ein Rekord bei der Bereitstellung neuer Offshore-Windkraftkapazitäten aufgestellt. Diese nahmen um 3,6 Gigawatt zu. Das Tempo ist dennoch nicht ausreichend, um die ehrgeizigen Klimaziele der EU zu erreichen.

Jenseits von 50 Metern Tiefe gilt die Installation von Windrädern tatsächlich als zu kompliziert. Die französischen Anlagen müssen daher in Küstennähe gebaut werden. Nach Angaben der Gewerkschaft für erneuerbare Energien sind französische Windparks im Durchschnitt lediglich elf bis 18 Kilometer von der Küste entfernt – eine wichtige Zone für Fischer, merkt der niederländische Kollege an.

Daher sei er von den französischen Protesten auch wenig überrascht.

Im Oktober 2020 wies eine vom Fischereiausschuss des Europäischen Parlaments (PECH) in Auftrag gegebene Studie darauf hin, dass Offshore-Windparks zwar „ein wichtiger
Pfeiler beim globalen Übergang zu einer kohlenstofffreien Energiewirtschaft“ sind, dass aber Konflikte mit Fischern in der Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeer und ab 2025 auch im Atlantik und der Keltischen See wahrscheinlich „erheblich zunehmen“ werden.

Angesichts der unterschiedlichen Gegebenheiten vor Ort gebe es eine „Notwendigkeit lokaler und regionaler Bewertungen auf der Grundlage standardisierter Daten“, so der Ausschuss.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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