Studie: Plastikverpackungen dämmen Lebensmittelverschwendung nicht ein

Laut einer neuen Studie hatten Plastikverpackungen nicht den erwünschten positiven Effekt auf die Lebensmittelverschwendung in Europa. [Shutterstock]

Laut einer neuen Studie könnten Plastikverpackungen das Problem der Lebensmittelverschwendung in Europa eher anheizen als bekämpfen. Die Studie stellt außerdem eine Verdoppelung sowohl von Verpackungen als auch Abfällen in der EU zwischen 2004 und 2014 fest.

Eine am Dienstag vorgestellte neue Studie der NGOs Friends of the Earth Europe und Zero Waste Europe zeigt, dass Kunststoffverpackungen das Problem der Lebensmittelverschwendung in Europa nicht gelöst haben. Aktuell wirft der durchschnittliche Europäer pro Jahr 173 Kilo Lebensmittel in die Tonne – und 30 Kilo Plastikverpackung.

Einer der Hauptvorteile von Kunststoffverpackungen – so die Hersteller – sei, dass sie Lebensmittel länger frisch halten und somit der Lebensmittelabfall bzw. die Verschwendung reduziert werde.

Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch, dass Lebensmittelabfälle und Verpackungen seit den 1950er Jahren parallel gewachsen sind. Die Masse an weggeworfenen Lebensmitteln habe sich zwischen 2004 und 2014 auf geschätzte 30 Millionen Tonnen pro Jahr verdoppelt, während es im gleichen Zeitraum 40 bis 50 Prozent mehr Plastikverpackungen gab.

Meadhbh Bolger von Friends of the Earth Europe erklärte daher: „Das Einwickeln, Abfüllen und Verpacken von Lebensmitteln in Plastik hat Lebensmittelabfälle nicht systematisch verhindert und manchmal sogar verursacht.“ Sie fügte hinzu, es handele sich um „ein Ablenkungsmanöver“, das lediglich mehr Umweltverschmutzung verursache.

Derzeit werden 37 Prozent der in der EU verkauften Lebensmittel mit Plastik verpackt, was die Kunststoffe zum meistverwendeten Verpackungsmaterial macht. Die meisten dieser Verpackungen werden nur einmal verwendet und landen schließlich auf Mülldeponien, wo sie verbrannt werden – oder die Wasserwege verschmutzen.

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Weltweit sind 85 Prozent der an Stränden angespülten Abfälle aus Kunststoff – und mehr als die Hälfte davon sind Einwegkunststoffe wie Plastikstrohhalme, Lebensmittelbehältnisse und Besteck.

Im März hatte EU-Umweltkommissar Karmenu Vella an einer Strandreinigungsaktion an der belgischen Küste teilgenommen, bei der 5,5 Tonnen Abfall an nur einem Tag von Freiwilligen gesammelt wurden. Auch hier waren Einwegartikel wie Plastiktüten, Luftballons und Wattestäbchen das größte Problem.

Um die Verwendung solcher Wegwerfartikel einzudämmen, kündigte die Europäische Kommission im Januar an, im Rahmen ihrer Kunststoffstrategie eine Gesetzesinitiative zum Verbot von Einweg-Kunststoffen vorzulegen. Ein Vorschlag wird für Mitte Mai erwartet.

Verschwenderische EU

Lebensmittelabfälle sind ebenfalls ein großes Problem: Die offensichtliche Untätigkeit der EU wurde von Aktivisten und sogar vom EU-Rechnungshof kritisiert. Letzterer hatte im Januar die angeblichen Fehler der Kommission in einem vernichtenden Bericht hervorgehoben.

Darin wurde die EU-Exekutive aufgefordert, das Verschwendungsproblem mit Rechtsvorschriften anzugehen. Im März forderte der französische Politiker Arash Derambarsh den Kommissar für Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, auf, vor den Europawahlen 2019 auf eine Richtlinie zu drängen.

Derambarsh ist einer der führenden Köpfe hinter einem französischen Gesetz, das Supermärkte verpflichtet, unverkaufte Lebensmittel für wohltätige Zwecke zu spenden. Bei Nichtbeachtung drohen hohe Geldstrafen. Eine ähnliche Initiative gibt es inzwischen auch in Italien. Derambarshs Ziel ist es, dass ein ähnliches, EU-weites Gesetz eingeführt wird.

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Alternativen?

Die Studie der NGOs räumt ein, dass Kunststoff zumindest bei bestimmten Verpackungen wohl weiterhin eine Rolle spielen wird; es sollten aber im Großen und Ganzen nachhaltigere Lösungen verwendet werden.

Doch was sind die Alternativen? Der europäische Verband der Glasverpackungsunternehmen (FEVE) glaubt natürlich, dass die Antwort in seinem Material der Wahl liegt: Glas. Die Recyclingquote ist hoch – in der EU liegt sie bei 74 Prozent und in einigen Ländern wie Belgien und Schweden bei über 95 Prozent. Im Gegensatz dazu wurde 2014 weniger als ein Drittel des Kunststoffabfalls recycelt.

Auf einer EURACTIV-Veranstaltung am Dienstag stellte Jean-Paul Judson von der FEVE klar, dass es nicht darum gehe, jeglichen Kunststoff durch Glas zu ersetzen. Allerdings müsse Glas noch in weitaus größerem Umfang in die europäischen Recyclingpläne einbezogen werden.

Kunststoffe und ihre Rolle in der europäischen Gesellschaft rücken zunehmend in den Vordergrund – insbesondere, da China inzwischen entschieden hat, die Einfuhr von Abfällen zu stoppen. Diese Ankündigung veranlasste die nationalen Hauptstädte und die EU, ernsthaft darüber nachzudenken, wie die Abfälle in Zukunft gehandhabt werden sollen.

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Während die EU-Kommission die Kunststoffstrategie als ihre Prestige-Initiative bewirbt, um das Problem anzugehen, haben Nationalregierungen bereits eigene Maßnahmen ergriffen. So sollen beispielsweise im Vereinigten Königreich neue Pfandrückgabesysteme eingeführt werden, um die Recyclingquoten zu erhöhen.

Fortschritt?

Auch die Industrievertreter fangen an, sich einzubringen. Eine der wichtigsten Maßnahmen, auf die die Kunststoffstrategie verweisen kann, sind freiwillige Selbstverpflichtungen von Herstellern und Produzenten. Darüber hinaus hat der Schweizer Lebensmittelriese Nestle am Dienstag bekannt gegeben, dass er seine Verpackungen bis 2025 vollständig recycelbar oder wiederverwendbar machen will.

Nestle ist der größte Lebensmittelkonzern der Welt. Obwohl sein Ziel für das Jahr 2025 das EU-Ziel (2030) um fünf Jahre unterschreitet, kritisierten Aktivistengruppen wie Greenpeace die Ankündigung von Nestle. Sie sei eine Übung in Sachen Greenwashing, da es keine quantitativen Ziele gebe.

Nestles Nachhaltigkeitsexperte Duncan Pollard sagte gegenüber Reportern, das Unternehmen werde sich darauf konzentrieren, nicht-recycelbare Kunststoffe zu eliminieren und stattdessen leichter zu verarbeitende Materialien zu fördern.

Pollard fügte hinzu, „etwas so Einfaches wie die Änderung der Farbe von Verpackungen“ und die Umstellung auf hellere Farben könne sich bereits positiv auf das Recycling auswirken. Er warnte aber auch, sein Unternehmen sei nach wie vor stark auf die lokale Infrastruktur angewiesen, um die Recycling-Raten zu erhöhen.

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