Studie: Immer mehr erneuerbare Energie, immer weniger Steinkohle

Neben der Windenergie dürfte vor allem die Stromerzeugung über Solarkraftwerke zunehmen, erwarten die Experten. [Groman123 / Flickr]

Neue Wind-, Solar- und Biomassekraftwerke haben die Steinkohle aus dem Stommix verdrängt – vor allem in Deutschland, Frankreich und im Vereinigten Königreich. Das zeigt eine Überprüfung der europäischen Stromstatistiken für 2018 durch zwei führende energiepolitische Think-Tanks.

Die erneuerbaren Energien haben demnach im vergangenen Jahr weiter an Wichtigkeit gewonnen und erzielten 32,3 Prozent der gesamten Stromerzeugung in der EU. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, so der gestern veröffentlichte Bericht.

Die gesamte, EU-weite Kohleverstromung sank 2018 erneut um sechs Prozent und liegt nun 30 Prozent unter dem Niveau von 2012. Dies belege den weiterhin raschen Rückgang der Kohleverstromung in den meisten europäischen Ländern, so die Verfasser des Berichts.

Neben dem Wachstum erneuerbarer Energien in Deutschland und im Vereinigten Königreich sei der Trend vor allem auch durch eine „Rückkehr der Wasserkraft in Italien und Spanien“ bedingt, heißt es in dem Bericht von Agora Energiewende und Sandbag, zwei führenden Energie-Think-Tanks.

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Insgesamt sanken die CO2-Emissionen des Energiesektors im Jahr 2018 um fünf Prozent, was ebenfalls auf den schrittweisen Ausstieg aus der Kohle zurückzuführen sei. Im Vereinigten Königreich war der Rückgang besonders stark: Dort sank der Anteil der Stromerzeugung aus Steinkohle von 40 Prozent im Jahr 2012 auf nur noch fünf Prozent im Jahr 2018. In Deutschland nahm der Anteil des Kohlestroms im gleichen Zeitraum von 19 auf 13 Prozent ab.

Erneuerbare Energien wirtschaftlich „auf Augenhöhe“ mit Kohle und Gas

Darüber hinaus sprächen inzwischen auch wirtschaftliche Faktoren für erneuerbare Energiequellen: „Im Jahr 2018 lagen die Vollkosten neuer Windkraft- und Solaranlagen erstmals gleichauf mit den kurzfristigen Betriebskosten von Kohle- und Gaskraftwerken.“

Die aktuellen Preise für Wind- und Solarenergie in Deutschland liegen in einer Preisspanne zwischen 45 und 60 Euro pro Megawattstunde. Dies bedeute, „dass die Kosten für Strom aus erneuerbaren Energien in vielen Ländern nun vergleichbar mit den Großhandelspreisen sind oder sogar darunter liegen,“ so Matthias Buck, Leiter Europäische Energiepolitik bei Agora Energiewende. Im Gegensatz dazu stiegen die Kohlepreise im Laufe des vergangenen Jahres um 15, die Gaspreise sogar um 30 Prozent.

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Die Länder mit den meisten neuen erneuerbaren Energien sind auch diejenigen, die die größten Rückgänge bei der Kohle verzeichnen, stellt der Bericht weiter fest. Außerdem sei zu beobachten, dass diese Länder scheinbar nicht auf Gas als kurzfristige Alternative zur Kohle setzen wollen: „In nur sechs Jahren, zwischen 2012 und 2018, sind die jährlichen CO2-Emissionen Europas aus Kohlekraftwerken um 250 Millionen Tonnen gesunken – ohne dass die Emissionen aus der Stromerzeugung mit Erdgas gestiegen sind,“ zeigt sich Dave Jones, Autor der Studie und Analyst bei Sandbag, zufrieden.

Es sei „beruhigend, dass Europa aus der Kohle aussteigt, ohne eine Gasüberbrückung aufzubauen,“ heißt es im Bericht. Die Nutzung von Kohle zur Energiegewinnung könnte dieses Jahr sogar noch schneller abnehmen, sollten die Gaspreise im Einklang mit den Markterwartungen sinken, glaubt Jones.

Aber: Braunkohle weiterhin stark

Mit Blick auf die Zukunft prognostizieren die beiden Think-Tanks, der Rückgang der Kohle werde anhalten, „weil drei Viertel der Steinkohleerzeugung in der EU in Ländern mit Kohle-Auslaufplänen erfolgt“.

Das verbleibende Viertel entfällt jedoch fast ausschließlich auf Polen, das nach wie vor keinen Fahrplan für seinen Kohleausstieg entwickelt hat. Die Steinkohleproduktion in Polen ist seit 2012 nicht mehr gesunken, merkt der Bericht an.

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Auch bei der Braunkohle zeigt sich ein weniger positives Bild: Die Hälfte der europäischen Energieerzeugung durch Braunkohle im Jahr 2018 entfiel auf Länder, die noch keine Ausstiegspläne entwickelt haben – Polen, Tschechien, Bulgarien, Rumänien, Griechenland und Slowenien. Die Stromerzeugung aus Braunkohle in diesen sechs Ländern hat sich seit Beginn des Jahrzehnts kaum verändert, wird im Bericht kritisiert.

„Es ist eine Geschichte der zwei Kohlen: Der Großteil der Abnahme geht auf die Steinkohle zurück und nicht auf die schmutzige Braunkohle,“ erklärt Jones und präzisiert: „Der Ausstieg aus der Steinkohle in Europa beschleunigt sich, aber der Ausstieg aus der Braunkohle steht erst am Anfang.“

Optimistischer Ausblick auf Solarenergie-Entwicklung

Auf der anderen Seite zeigen sich die beiden Think-Tanks optimistisch, was die Perspektiven der Solarenergie angeht. Im vergangenen Jahr machte Solarstrom nur vier Prozent des EU-Strommixes aus, die Solarkapazitäten stiegen aber um mehr als 60 Prozent auf fast 10 Gigawatt. Bis 2022 könnte sich diese Menge nun auf 30 Gigawatt verdreifachen, da die Kosten für Solarenergie weiter sinken (der Preis für Solarmodule fiel 2018 um 29 Prozent).

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Buck kritisiert allerdings: „Die EU hat es bisher weitgehend versäumt, von den sehr günstigen Solarmodulpreisen zu profitieren, durch die Solarstrom aus neuen Solaranlagen heute oft günstiger ist als Strom aus konventionellen Kraftwerken.“

Das könnte sich allerdings ändern, da Spanien, Frankreich und Italien langfristig Solarleistungen von 45 Gigawatt und mehr anstreben. Buck lobt dementsprechend: „Das macht das Potenzial [der Solarenergie] sehr deutlich kann als beispielhaft angesehen werden.“

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