S&P: Kernkraft ist „tot und lebendig“ zugleich

Das stillgelegte Kernkraftwerk Satsop im Bundesstaat Washington, USA. [sharkhats / Flickr]

Zunehmende Konkurrenz durch billigen Strom aus erneuerbaren Energien, Sicherheitsbedenken und steigende Kosten für neue Anlagen drängen die Kernkraft langsam in Bedrängnis – mit Ausnahme von Russland und China, wo die Industrie weiterhin umfangreiche staatliche Unterstützung genießt, sagte S&P in einer Mitteilung an Investoren.

Es ist wahrscheinlich eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse der Energiewelt: Die Kernenergie wäre ohne massive staatliche Unterstützung nicht in der Lage, auf eigenen Füßen zu stehen.

Jetzt hat S&P Global Ratings es den Investoren klar und deutlich gemacht.

„Die globale Atomindustrie steht vor Herausforderungen im Zusammenhang mit Sicherheitsbedenken, der Verschärfung der Vorschriften nach Fukushima, der Ausstiegspolitik in mehreren Ländern, der Alterung der Anlagenbestände, den zunehmend volatilen Energiemärkten und dem Wettbewerb mit erneuerbaren Energien“, schrieb die Ratingagentur in der am Montag, dem 11. November, veröffentlichten Mitteilung.

„Wir sehen wenig wirtschaftliche Gründe für neue nukleare Bauten in den USA oder Westeuropa, da massive Kostensteigerungen und die Kostenwettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien zu einem wesentlichen Rückgang der nuklearen Stromerzeugung bis 2040 führen sollten“, erklärte S&P.

Drei EU-Länder erhöhen das Ziel für erneuerbare Energien bis 2030

Frankreich, Griechenland und Bulgarien haben sich verpflichtet, ihre nationalen Ziele für erneuerbare Energien zu aktualisieren und den Anteil der Wind-, Solar- und anderen erneuerbaren Energien bis 2030 auf 33, 35 bzw. 27 Prozent ihres Energieverbrauchs zu erhöhen.

Doch trotz dieser Herausforderungen wäre es noch zu früh, die Kernenergie für tot zu erklären, fügt S&P hinzu. China und Russland zum Beispiel bauen weiterhin neue Nuklearkapazitäten auf, unterstützt durch die Energiepolitik und deutlich niedrigere Baukosten, so die Ratingagentur.

In den USA hat Energieminister Rick Perry kleine modulare Reaktoren (SMRs) als Schlüssel für die Zukunft der Industrie angekündigt. Er teilte mit, dass diese den Zugang zu Elektrizität in Gebieten der Welt ermöglichen könnten, die derzeit „in Dunkelheit gehüllt“ sind.

Darüber hinaus hat die Klimakrise die Aufmerksamkeit auf bestehende Kernkraftwerke als wesentlichen Bestandteil des europäischen kohlenstoffarmen Energiemix gelenkt. Die Kernkraft hat sich als Schlüsselfaktor für Länder wie Frankreich erwiesen, die über eine bestehende Flotte von Kernkraftwerken verfügen, die bereits weitgehend abgeschrieben ist.

All dies bedeutet, dass die Kernenergie bis 2040 relevant bleiben wird, da die Länder versuchen, die CO2-Emissionen zu senken, betonte S&P.

„Wir glauben, dass die kohlenstofffreie Erzeugung durch die bestehenden Kernkraftwerke in Verbindung mit dem stetigen Wachstum der erneuerbaren Energien zumindest in den nächsten Jahrzehnten wichtig sein wird, um die Klimaziele zu erreichen und eine stabile Stromversorgung angesichts der intermittierenden Natur der erneuerbaren Energien zu unterstützen“, schrieb S&P.

Zwei belgische Atomkraftwerke verstoßen gegen EU-Recht

2015 hatte die belgische Regierung eine Laufzeitenverlängerung für zwei Atomkraftwerke genehmigt – ohne Umweltverträglichkeitsprüfung. Das verstößt gegen EU-Recht, entschied der EuGH jetzt. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle berichtet.

Ungewisse Zukunftsaussichten

Nach 2040 sieht die Zukunft der Kernenergie jedoch viel unsicherer aus und ist weitgehend von der staatlichen Unterstützung abhängig, betonte S&P.

„Wir gehen davon aus, dass sich die Kredittrajektorien von Atomunternehmen weltweit je nach nationaler Energiepolitik und dem Grad der staatlichen Unterstützung für Atomkraft unterscheiden werden“, sagte die Ratingagentur.

In Europa tobt ein Schlagabtausch darüber, ob die Kernenergie in ein zukünftiges Klassifizierungssystem für nachhaltige Finanzierungen einbezogen oder abgelehnt werden soll, das private Investitionen in die grüne Wirtschaft antreiben soll.

Während Frankreich die Aufnahme der Kernenergie in den Entwurf der EU für eine grüne Finanztaxonomie unterstützt, argumentieren Deutschland und Österreich, dass die Kernenergie nicht nachhaltig sei und keinen Anspruch auf irgendeine Art von EU-Förderung haben sollte. Eine endgültige Entscheidung über die nachhaltige Finanztaxonomie der EU wird im Dezember erwartet.

Atomkraft für Europa – Jein danke!

Die Atomenergie wächst europaweit weniger als die Erneuerbaren Energien. Dennoch bleibt sie für viele Länder attraktiv.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

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