Schlechtes Gras?

Kunstoffrasen setzt Mikroplastiken frei. Die EU prüft, inwiefern der Bodenbeleg eingeschränkt werden kann. [Dziurek/ Shutterstock]

Die EU prüft derzeit eine Regelung, die Mikroplastiken einschränken soll. Davon wären auch Kunstoffrasen auf zehntausenden Fußballplätzen betroffen. Die Initiative ist umstritten: Müssten die Flächen alle durch echtes Gras oder andere Belege ersetzt werden, wäre das zwar deutlich umweltfreundlicher – aber kaum umsetzbar.

Eine Welle der Empörung schwappte vergangenen Sommer über Deutschland. Die EU, so berichteten einige Medien, plane ein Verbot von Plastikrasen. Schlagartig meldeten sich Vereine, Spieler und Politiker zu Wort und warnten vor einer untragbaren finanziellen Belastung für Kommunen, die ihre Sportplätze neu bedecken müsste. Zwar stellte sich die Behauptung schnell als Falschmeldung heraus – ein generelles Verbot sei nie angestrebt worden, stellte die EU-Kommission klar. Doch die Debatte um die Begrünung von Fußballflächen ist noch nicht ausdiskutiert.

Der Kunststoffrasen steht in der Kritik, potentiell schädlich für Mensch und Umwelt zu sein. Er enthält in der Regel Gummigranulate, die als Füllmaterial verwendet werden und in die Kategorie der umstrittenen Mikroplastiken fallen. Das Problem: Die Partikel sind nicht biologisch abbaubar, stattdessen werden sie im Laufe ihres Lebens immer kleiner und werden von Wind, Wetter und Schuhwerk vom Spielfeld hinaus in die Umwelt getragen, wo sie von Menschen und Tieren aufgenommen werden.

Auf diese Weise könnten jedes Jahr zehntausende Tonnen Mikroplastik von den rund 51.000 mit Kunststoffrasen bedeckten Fußballplätzen in der EU freigesetzt werden, schätzt die EU-Kommission. Laut einer Studie Studie des Fraunhofer-Instituts von 2018 stellen die rund 6000 mit Kunststoffrasen bedeckten Sport- und Fußballplätze in Deutschland hierzulande Platz fünf der größten Quellen von Mikroplastiken dar.

Studie: Menschen nehmen wöchentlich bis zu fünf Gramm Mikroplastik auf

Menschen nehmen pro Woche im globalen Durchschnitt bis zu fünf Gramm Mikroplastik auf – das entspricht etwa dem Gewicht einer Kreditkarte.

Weitreichende sozio-ökonomische Konsequenzen

„Noch haben wir kein ausreichendes Wissen über die gesundheitlichen Folgen von Mikroplastiken auf den Menschen“, erklärt Peter Simpson, leitender wissenschaftlicher Referent der Chemikalienbehörde ECHA im Gespräch. Seine Behörde arbeitet derzeit an dem Bericht, von dem behauptet worden war, er ziele auf ein Verbot des Kunstoffrasens ab. „Wir untersuchen derzeit, ob Produkte, denen gezielt Mikroplastiken beigegeben werden, eingeschränkt werden sollen. Dazu zählen neben dem Einfüllmaterial für Kunstrasenplätze auch Kosmetikprodukten, Haushalts- und Industriereinigungsmittel“, so Simpson.

Die Europäische Kommission hatte die Chemikalienbehörde 2018 dazu aufgefordert, im Rahmen ihrer neuen Plastikstrategie eine Einschätzung zu erstellen, inwiefern solche Produkte eingeschränkt werden sollten und was die Auswirkungen wären. Im Januar vergangenen Jahres stellte die ECHA dann einen Vorschlag vor, mit dem die Freisetzung von 400.000 Tonnen Mikroplastik innerhalb von 20 Jahren verhindert werden soll. Der Vorschlag der ECHA wurde daraufhin einer öffentlichen Anhörung unterzogen, um die praktische Umsetzbarkeit des Vorschlages zu überprüfen. „Wir mussten uns ein Bild davon machen, was sie Alternativen für diese Produkte sind und welche sozio-ökonomischen Konsequenzen eine Beschränkung haben könnte“, erklärt der Chemiker Simpson.

Noch während der Überprüfung durch die ECHA regte sich Widerstand. In Deutschland forderte eine auf das Thema angesetzte Arbeitsgruppe aus Vertretern des Deutschen Olympischen Sportbundes, des Deutschen Fußball-Bundes und der Wissenschaft eine Übergangsfrist „von mindestens sechs Jahren“. Alles andere bedeute einen unverhältnismäßigen Aufwand und Kosten für Vereine, so das Fazit.

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Kork oder Hanf statt Plastik?

Harald Nonn, Vorsitzender der Deutschen Rasengesellschaft, kennt sich wie kaum ein anderer aus mit Fußballplatzbegrünung. Auch er meint: „Ein generelles Verbot bereits existierender Kunststoffrasen wäre ökonomisch gesehen Wahnsinn“. Prinzipiell plädiert der Experte stets für Naturrasen. Der sei gesundheitsverträglicher und habe nachgewiesenermaßen eine deutlich bessere Umweltbilanz. Kunstrasen hätten zwar besonders auf Plätzen, auf denen sehr viel gespielt wird, ihre Berechtigung. „Aber besonders in Städten würde ich mir mehr Naturrasen wünschen. Er ist angenehmer, denn er bindet Wärme, CO2, Staub und Niederschlag“.

Dabei ist auch echter Rasen nicht unproblematisch. Nicht nur, weil seine Pflege aufwendig ist und in großen  Stadien hin und wieder den Einsatz von Fungiziden benötigt, um Pilzwuchs zu verhindern. Natürliches Gras benötigt darüber hinaus viel Licht und wird daher daher auf vielen Plätzen im Winter künstlich belichtet. Das bedeute einen „massiven Energieeinsatz“, so Nonn. Inzwischen hätten einige Vereine auf sparsamere LED-Beleuchtung umgestellt, doch deren Installation sei bislang noch recht teuer und unausgereift.

Sollte ein Verein doch auf Plastikrasen setzen, gibt es umweltfreundlichere Alternativen zu den Gummigranulaten. Hier kommen zum Beispiel Kork oder Hanf in Frage, aber auch sie sind teuer, merkt der Experte an. Für den europäischen Fußballverband UEFA ist damit noch keine praktikable Lösung gefunden. Diese Füllmaterialien seien aufgrund ihrer Kosten bislang „weder machbar noch nachhaltig.“

Die ECHA weist daher darauf hin, dass in erster Linie das Austragen der Mikroplastiken in die Umwelt verhindert werden müsse. Das geht teilweise schon mit ganz einfachen Mitteln. Ein Gitter im Boden, ein Zaun oder die Abwasserrinne am Spielfeldrand reichen aus, um die Partikel abzufangen.

Ein Verbot von Kunstrasen stand nie zur Diskussion. Wir sind uns bewusst, dass das enorme sozioökonomische Konsequenzen hätte“, sagt der Chemiker Simpson. Der Vorschlag der ECHA wird derzeit von ihren wissenschaftlichen Ausschüssen diskutiert. Im Sommer 2020 sollen die Gutachten an die EU-Kommission übermittelt werden. Sollten Rat und Parlament zustimmen, könnte die neue Regelung 2021 in Kraft treten. Das Füllmaterial für Kunstrasenplätze dürfte in den Jahren darauf wohl trotzdem noch verwendet werden.

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