Rom zeigt sein hässliches Gesicht

Die lokale Müllabfuhr AMA stoppte die Müllabfuhr, da einige Werke in der Nähe von Rom wegen Wartungsarbeiten geschlossen wurden. [EPA/PERCOSSI]

Die Ausstiegsstrategie aus der derzeitigen Müllkrise Roms besteht darin, Tausende von Tonnen Müll nach Schweden und in andere EU-Länder umzuleiten, was zu enormen finanziellen und ökologischen Kosten in Bezug auf die CO2-Emissionen führt.

Die Ewige Stadt steht vor ihrem ständigen Problem der Müllentsorgung. Die Probleme begannen 2013, als die EU-Behörden die Abschaffung der größten Mülldeponie der Stadt, Malagrotta, anordneten und erklärten, dass die Deponie nicht den europäischen Normen für die Abfallbehandlung entspreche.

Schwierigkeiten türmten sich auf, als Verbrennungs- und Abfallbehandlungsanlagen in der Nähe von Rom wegen Wartungsarbeiten geschlossen wurden, so dass die verbleibenden Anlagen mit maximaler Kapazität arbeiten mussten. Eine tiefgreifende Krise brach aus, nachdem ein lokaler Abfallsammler, die AMA, beschlossen hatte, die Abfallsammlung einzustellen.

Ende Juni veröffentlichte die Regierung der Region Latium eine Warnmeldung zur öffentlichen Gesundheit wegen einer Kombination aus fehlender Müllabfuhr und einer ungewöhnlichen Hitzewelle.

Die Situation in der Hauptstadt wurde so kritisch, dass die Italienische Pädiatrische Gesellschaft nahelegte, Kinder – insbesondere Allergiker – sollten zu Hause bleiben, um mögliche Gesundheitsgefahren zu vermeiden.

Am 5. Juli erließ die Landesregierung eine behördliche Anordnung, die es der AMA ermöglichte, alle Werke in der Region zu nutzen und außerordentliche Ressourcen einzusetzen, um die Hauptstadt innerhalb von sieben Tagen vom Müll zu befreien.

Tage später beschloss die italienische Regierung, die von der Gemeinde Rom und der Region Latium unternommenen Anstrengungen zu verstärken und zu koordinieren, wobei eine „angemessenere Frist“ von zwei Wochen für die Säuberung der Stadt gesetzt wurde.

Seitdem hat sich die Situation etwas verbessert. In den letzten Tagen sammelte die AMA fast 13.000 Tonnen Müll, 400 neue Müllcontainer wurden aufgestellt und die Straßen mit kommunalen Tankwagen desinfiziert.

Doch während das Problem mit der Müllabfuhr vorübergehend gelöst scheint, bestehen weiterhin Schwierigkeiten bei der Abfallentsorgung.

„Mittelfristig verhandeln wir mit anderen EU-Mitgliedstaaten, um den Überschuss an Abfällen ins Ausland zu liefern“, sagte Italiens Umweltminister Sergio Costa am Dienstag vergangener Woche nach einem ersten Koordinationsgespräch mit den lokalen Behörden.

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Unter den Teppich kehren

Tausende Tonnen Müll sollen nun nach Stockholm und Göteborg transportiert werden, wo der Müll zur Energiegewinnung verbrannt wird.

Auch mit Bulgarien laufen Verhandlungen. Dorthin könnte der Abfall in den kommenden Wochen per Bahn angeliefert werden. Weitere verfügbare Optionen sind Portugal, Zypern und Österreich, wie die Zeitung Il Messaggero schreibt.

Der „Versand“ von Abfällen ist jedoch nicht billig. Die Römer zahlen bereits eine durchschnittliche Müllgebühr von 394 Euro pro Jahr und liegen damit deutlich über dem Durchschnitt anderer italienischer Städte, der bei rund 300 Euro liegt.

Zusätzlich zu den finanziellen Kosten werden die Lieferungen auch mit einem Preis für die Umwelt verbunden sein. Nach einem von Forschern der Technologischen Universität Dänemark und der Universität Süddänemark entwickelten Instrument reichen die Kraftstoffemissionen eines Standard-Containerschiffes von 829 kg bis 1.606 kg CO2 und von 4,9 bis 9,6 kg NOx pro Seemeilen (nm).

Die Entfernung von Civitavecchia, dem der italienischen Hauptstadt nächstgelegenen Hafen, nach Schweden beträgt mehr als 3.000 Seemeilen.

Umweltminister Sergio Costa, der der regierenden Fünf-Sterne-Bewegung angehört, betonte, dass die Lieferung von Müll ins Ausland eine Übergangslösung sei, die „2 oder 3 Jahre dauern“ werde, bis neue Abfall- und Recyclinganlagen gebaut würden.

Kurzfristig sind jedoch keine weiteren Anlagen oder Mülldeponien geplant, so dass die Abhängigkeit Roms von anderen Ländern bei der Abfallbehandlung voraussichtlich anhalten wird.

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Gegenseitige Schuldzuweisungen

Die Müllkrise löste auch einen Streit darüber aus, wer zur Verantwortung gezogen werden sollte.

Die Bürgermeisterin von Rom, Virginia Raggi, ist eine der ersten politischen Persönlichkeiten aus der Anti-Establishment-Partei der Fünf-Sterne-Bewegung, die eine Kommunalwahl in Italien gewann. Die Regierung der Region wird jedoch von der sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) geleitet, die sich auf Landesebene in der Opposition befindet. Nicola Zingaretti, der Gouverneur der Region Latium, ist darüber hinaus auch nationaler Vorsitzender der PD.

„Die Gemeinde ist absolut unfähig, eine Grundversorgung wie die Abfallsammlung zu verwalten“, sagte Massimilano Smeriglio, ein neu gewählter Abgeordneter der PD. Vor seiner Wahl in das Europäische Parlament war Smeriglio mehr als sechs Jahre lang Vizepräsident der Region Latium in der Regierung von Zingaretti.

„Leider ist diese Verschwendung nur ein weiterer Misserfolg von Raggis Regierung“, kritisierte Smeriglio gegenüber EURACTIV. Unter der Fünf-Sterne-Regierung sei Rom zu einer desorganisierten und verarmten Stadt geworden, behauptete er und fügte hinzu, die Stadt zeige nun „ihr hässlichstes Gesicht“.

Daniela Rondinelli, eine weitere frisch gewählte Fünf-Sterne-MEP aus dem zentralitalienischen Wahlkreis, ist anderer Meinung. Auf Anfrage von EURACTIV warf sie Zingaretti vor, den regionalen Verwaltungsbeschluss vom 5. Juli mit „enormer Verzögerung“ erlassen zu haben.

„Wir können das Abfallproblem in Rom nur durch institutionelle Zusammenarbeit zwischen allen lösen“, sagte sie und fügte hinzu, sie sei überzeugt, dass das Engagement von Premierminister Giuseppe Conte und Minister Costa Früchte tragen werde.

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Britta Weppner]

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