Die deutsche Wasserstoffstrategie, die auch die Wasserstoff-Roadmap der EU inspiriert hat, ist im Inland in die Kritik einiger Beobachter geraten. Demnach werde zu viel Gewicht auf „grünen“ Wasserstoff gelegt. Der „Dekarbonisierungsprozess“ in der Industrie des Landes sei dadurch gefährdet.
Die deutsche Wasserstoffstrategie wurde im Februar vergangenen Jahres vorgestellt, nur wenige Monate bevor die Europäische Kommission ihre eigene Wasserstoff-Roadmap präsentierte. Der mit der Überwachung der deutschen Strategie beauftragte Wasserstoffrat läutet nun jedoch die Alarmglocken und warnt, dass der Fokus der Regierung auf grünen Wasserstoff, der ausschließlich erneuerbaren Energien hergestellt wird, die Dekarbonisierungsagenda des Landes gefährden könnte.
„In den nächsten Jahren ist die Frage nicht grüner oder blauer Wasserstoff, sondern blauer Wasserstoff oder Kohle,“ meint Katharina Reichen, die Geschäftsführerin des Energieunternehmens innogy-Westenergie und gleichzeitig Vorsitzende des nationalen Wasserstoffrates ist.
Sogenannter „blauer“ Wasserstoff wird aus Erdgas hergestellt, gilt aber als zumindest CO2-arm, da Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS) genutzt wird, um Emissionen zu vermeiden und dieses unterirdisch zu speichern.
Die Strategie der Kommission, die im Juli vergangenen Jahres vorgestellt wurde, verweist ebenfalls auf die Rolle des blauen Wasserstoffs: Dieser werde demnach benötigt, um den Wasserstoffmarkt zu entwickeln und den Weg zu einer „Wasserstoffwirtschaft“ zu ebnen, die letztendlich dann vollständig auf erneuerbaren Energien basieren soll.
Deutschland befindet sich mitten in einer intensiven Debatte über die Rolle des „blauen“ Wasserstoffs beim Übergang zu einem Energiesystem auf Basis vollständig erneuerbarer Energien.
Industriezweige von der Chemie bis zur Zement- und Stahlherstellung hoffen darauf, Wasserstoff als CO2-arme Energiequelle zu nutzen und ihre Betriebe so sauberer machen zu können. Doch sie zeigen sich zunehmend besorgt, dass die Wasserstoffmärkte nicht schnell genug wachsen könnten, wenn sie lediglich auf grünen Wasserstoff beschränkt sind.
Laut Reichen ist es unwahrscheinlich, dass Deutschland jemals in der Lage sein wird, seinen gesamten Wasserstoffbedarf ausschließlich aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Den Markt von Anfang an auf eine einzige Quelle zu beschränken, würde mehr schaden als nützen, argumentiert sie.
Allein für die deutsche Stahlindustrie würden demnach 12.000 Windkraftanlagen benötigt, um die Produktion auf ausschließlich grünen Wasserstoff umzustellen, so Reichen.
Blauer und türkiser Wasserstoff
In einem Bericht, der der Bundesregierung am heutigen Freitag (2. Juli) vorgelegt wurde, spricht sich der Wasserstoffrat daher für blauen Wasserstoff aus – und drängt die Führung in Berlin, dafür zu sorgen, dass diese Forderung auch im Rechtsrahmen der EU angemessen „vertreten“ sei. Außerdem solle auf „türkisen“ Wasserstoff gesetzt werden, der unter Verwendung von Erdgas-Pyrolyse hergestellt wird, einem Prozess, bei dem fester Kohlenstoff als Nebenprodukt (statt gasförmiges CO2) entsteht.
Umweltverbände sind ihrerseits skeptisch: „Blauer Wasserstoff aus fossilem Erdgas oder türkiser Wasserstoff aus Pyrolyse sind nicht klimaneutral,“ betont Verena Graichen, stellvertretende BUND-Vorsitzende und ebenfalls Mitglied im Wasserstoffrat. „Deshalb können sie nicht mit grünem Wasserstoff gleichgesetzt werden,“ erklärt sie.
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm meint hingegen: „Deutsche und europäische Unternehmen sind hervorragend positioniert, um Schlüsselkomponenten für die Wertschöpfungsketten einer Wasserstoffwirtschaft zu produzieren, Fahrzeuge, Transportlösungen, Elektrolyseure, Brennstoffzellen…“ Der reine Fokus auf grünen Wasserstoff könne aber die Führungsrolle Deutschlands und Europas bei der Entwicklung dieser Technologie gefährden, warnt sie.
Europa befinde sich derzeit in einem Wettlauf um die Weltspitze in der Wertschöpfungskette der Wasserstoffherstellung. Um den Einsatz zu beschleunigen, fordert Grimm, müssten Wasserstoffprojekte als wichtige Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse (PICEI) gekennzeichnet werden – eine Klassifizierung, die es den nationalen Regierungen ermöglichen würde, Projekte zu finanzieren, ohne dabei die Regeln der EU für staatliche Beihilfen beachten zu müssen.
Gespaltenes Europa
Die Debatte um Wasserstoff in Deutschland findet auch in Brüssel ihren Widerhall. „Es ist möglicherweise diese nationale Strategie, die den stärksten Einfluss auf die Wasserstoff-Diskussion in Brüssel hat,“ sagt Eleonora Moro vom Klima-Thinktank E3G.
Letztes Jahr stritten sich die EU-Mitgliedsstaaten darüber, welche Art von Wasserstoff unterstützt werden sollte, wobei sich zwei Lager gegenüberstehen – diejenigen, die grünen Wasserstoff unterstützen, der ausschließlich aus erneuerbarem Strom hergestellt wird, und diejenigen, die sich für eine breiter gefasste Definition und „kohlenstoffarme“ Lösungen aussprechen. Letzteres würde auch Erdgas sowie Atomkraft einschließen. Letztendlich schoben die EU-Länder ihre Meinungsverschiedenheiten vorerst auf die lange Bank und konzentrierten sich nach eigenen Aussagen stattdessen auf die Bemühungen, „den Markt für Wasserstoff auf EU-Ebene schnell zu vergrößern“.
Das Europäische Parlament griff die Diskussion später erneut auf. Es zeigt sich, dass die Meinungsverschiedenheiten und die Debatte in Europa darüber, welche Art von Wasserstoff die EU unterstützen sollte, noch weiter gehen dürften.
[Bearbeitet von Frédéric Simon]






