Problem Netzausbau: Gehen 65% Erneuerbare Energien ohne Stromstau?

Die Suche nach Speichermethoden und eine bessere Auslastung der Stromnetze gestaltet sich schwierig. [Pand P Studio/ Shutterstock]

Um die Erneuerbaren Energien auszubauen, müssen neue Stromtrassen gebaut werden. Weil die aber nur schleppend vorankommne, fordern Branchenvertreter des grünen Stroms andere Lösungen, wie eine CO2-Bepreisung, Power-to-X (PtX)-Technologien und Smart Metering.

Die Bundesregierung treibt ihre selbstgesteckten Ziele zur Energiewende voran. Bis 2030 soll der Anteil an erneuerbaren Energien, derzeit um die 40 Prozent, laut Koalitionsvertag auf 65 Prozent gesteigert werden. Dafür setzt man auf den Ausbau der Stromnetze, die grünen Strom aus Wind- oder Photovoltaikanlagen vom Norden in den Süden Deutschlands transportieren soll. Die Stromnetze seien „das Rückgrat der Energiewende“, so Peter Altmaier (CDU).

Doch es hapert beim Netzausbau und das bestehende Stromnetz ist bereits jetzt häufig überlastet. Der Ende Januar veröffentlichte Netzentwicklungsplan der vier großen Netzbetreiber zeigt, dass der Netzausbau umfangreicher werden könnte als erwartet. Vertreter der Erneuerbare-Energien-Branche fordern daher flexible Lösungen, um Stromstaus zu vermeiden und schneller ihre Energien ins Netz einspeisen zu können. Dazu brauche es einen CO2-Preis, um fossile Energien teurer werden zu lassen, sowie neue Marktentwicklungsmodell für grünen Strom, meint Björn Spiegel, Leiter der Abteilung Strategie und Politik der Unternehmensgruppe Arge Netz.

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70 Milliarden für den Netzausbau

Von den 7.700 Kilometern an neuen oder ausgebauten Stromtrassen, die die Bundesnetzagentur 2009 veranschlagt hat, sind gerade einmal 1.750 km genehmigt und etwas mehr als die Hälfte davon gebaut. Die Baupläne kollidieren regelmäßig mit dem Widerstand der lokalen Bewohner und Landwirte, außerdem müssen Naturschutzregelungen beachtet werden. Um den Bau voranzutreiben, soll das „Netzausbaubeschleunigungsgesetz“ novelliert werden – im Dezember hat das Bundeskabinett einen Entwurf dazu verabschiedet.

Doch wie der Netzentwicklungsplan zeigt, reichen die derzeitigen Bauvorhaben nicht, um das Ziel von 65 Prozent Erneuerbarer Energien zu erreichen. Dazu, müssten zwei weitere Stromtrassen gebaut werden, zusätzlich zu den bereits geplanten drei großen Nord-Süd-Verbindungen, heißt es im Bericht. Die Kosten dafür geben die Betreiber mit 20 Milliarden Euro an. Insgesamt wäre man damit bei 52 Milliarden Euro für den Netzausbau bis 2030. Dazu käme die Anbindung der Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee, die ebenfalls zwischen 18 bis 24 Milliarden Euro kosten könnte.

Suche nach flexiblen Lösungen für Stromüberschüsse

Angesichts der massiven Hemmnisse der Energiewende muss also das bestehende System effizienter werden. Ein Schlüssel dazu ist die Digitalisierung durch sogenannte Smart Meter. Sie sollen eine optimale Auslastung des Stromnetzes erlauben. Denn Schwankungen und Stromstaus sind unnötig teuer: Durch das sogenannte „Redispatch“, wenn also die Stromproduktion in einem Kraftwerk heruntergefahren wird, weil das Netz überlastet ist, und dafür ein anderes mehr produziert, beliefen sich im Jahr 2017 laut Bundesnetzagentur auf 1,4 Milliarden Euro.

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Große Hoffnungen setzt man bei den Vertretern Erneuerbarer Energien aber vor allem auf sogenannte „Power to X“-Lösungen. Sie speichern Stromüberschüsse in Gas, Wärme oder Flüssigkeit, um sie notfalls zum Beispiel für den Transportsektor oder zum Wärmen zu verwenden. Als besonders vielversprechend gelten Elektrolyseanlagen, in denen mit Strom Wasserstoff produziert wird. Doch viele solcher Technologien sind noch sehr kostenintensiv – das Gleiche gilt für Speichermethoden, die wegen der natürlichen Schwankungen grünen Stroms gebraucht werden. Besonders im industriellen Bereich hapert oft noch an der Technologie. Dennoch prüft die Bundesnetzagentur derzeit den Bau dreier Großspeicher in Süddeutschland, die bis 2025 entstehen könnten.

Inzwischen kommt auch Druck aus Brüssel. Im Dezember hat die Kommission ihre Langzeit-Vision für Europas Energiewende vorgelegt: Bis 2050 sollte die EU demnach CO2-neutral sein. Ohne eine CO2-Steuer, die über den europäischen Lizenzhandel für Emissionen hinausgeht, wird dieses Ziel laut Experten aber nicht erreichbar sein. Obwohl sich inzwischen aber eine breite Industrieallianz für die CO2-Steuer ausspricht, fürchtet die Bundesregierung Nachteile für die eigene Wirtschaft: Bundeswirtschaftsminister Altmaier lehnt die Steuer kategorisch ab, auch Finanzminister Scholz ist dagegen. Auf der Seite der Erneuerbaren Energien erhofft man sich von der Steuer vor allem eins – mehr Wettbewerbsfähigkeit.

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