Polen: Trotz Bioökonomie-Hype den Schutz der Biodiversität nicht gefährden

In Polen herrscht kein Mangel an Unterstützung (und Holz) für den Austausch von Kohle- durch Biomasse-Energie. [Nova / Flickr.com]

This article is part of our special report Die „neun Ziele“ der GAP und die Bioökonomie.

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Polen könnte einen wichtigen Beitrag für die Bioökonomie der EU leisten, die Wissenschaft mahnt dabei aber eine möglichst nachhaltige Nutzung der Waldressourcen bei der Energieerzeugung an. EURACTIV Polen berichtet.

Es scheint beschlossene Sache: Die Bioökonomie wird eine wichtige Rolle bei der Erreichung der Klimaneutralität in der Europäischen Union spielen. Von den neun Zielen der künftigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU für den Zeitraum 2021-2027 bezieht sich über die Hälfte direkt auf die Bioökonomie.

Die Nutzung erneuerbarer und mineralischer Ressourcen dürfte auf dem Weg der EU zum Ziel „Klimaneutralität bis 2050“ eine wichtige Rolle spielen. Viele Expertinnen und Experten sind sich in dieser Hinsicht einig, dass die mittel- und osteuropäischen Länder, gerade Polen, in diesem Bereich großes Potenzial bieten.

Tatsächlich gibt es in Polen relativ viel Unterstützung für den Umstieg von Kohle auf Energie aus Biomasse. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen jedoch vor irreversiblen Schäden an der biologischen Vielfalt, wenn Biomasse aus den Wäldern als erneuerbare Energiequelle genutzt wird.

Im März will die EU-Kommission derweil eine aktualisierte Biodiversitätsstrategie vorlegen, die „quantitative Ziele für die Vergrößerung der Fläche von Land- und Meeresschutzgebieten mit reicher biologischer Vielfalt“ enthalten soll. Das Bewusstsein für die Rolle der Ökosysteme hat in den letzten Jahren zugenommen – daher die Bemühungen um ihre Erhaltung.

Klimaneutralität? Polen will mehr Geld

Um Klimaneutralität zu erreichen, seien „deutlich höhere“ Mittel erforderlich als diejenigen, die derzeit im langfristigen Haushaltsvorschlag der EU angeboten werden, kritisiert die polnische Führung.

Zbigniew Karaczun von der Warsaw School of Life Sciences argumentierte kürzlich im Gespräch mit EURACTIV Polen, der Transfer eines Teils der Mittel aus der Gemeinsamen Agrarpolitik in den neuen europäischen Green Deal könne für die Landwirtschaft letztendlich von Vorteil sein. Schließlich sei die Branche zunehmend vom Klimawandel betroffen, der sich in Form von Dürren oder starken Regenfällen manifestiert – was wiederum dazu führe, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher höhere Preise für landwirtschaftliche Produkte zahlen müssen.

„Die Agrarwirtschaft ist dem Klimawandel gegenüber am anfälligsten. Wenn er zu weit voranschreitet, könnte dies für die europäische Landwirtschaft katastrophale Folgen haben,“ sagte Karaczun.

In diesem Zusammenhang werde beispielsweise auch die neue EU-Forststrategie in den kommenden Jahren eine immer wichtigere Rolle spielen. Wichtig sei eine effektive Aufforstung, der Schutz und die Rekultivierung der Wälder in Europa.

Der Gedanke dahinter: Durch größere und gesündere Wälder wird die Kohlenstoffbindung erhöht, Waldbrände werden reduziert – und die Bioökonomie unter Beachtung ökologischer Grundsätze wirksam gefördert.

Zu diesem Zweck hat die EU die einzelnen EU-Mitgliedstaaten beauftragt, im Rahmen der GAP nationale Strategiepläne für geeignete Maßnahmen zur Waldbewirtschaftung zu erstellen.

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Polen als Chance

Ein Bericht des Bio-based Industries Consortium (BIC) aus dem Jahr 2018 zeigt, dass Polen das Potenzial hat, zu einem der europäischen Vorreiter in der Bioökonomie zu werden. Laut der Studie ist es dazu aber vor allem notwendig, eine entsprechende Strategie auszuarbeiten, Bildungsaktivitäten durchzuführen und Innovationen zu initiieren.

Eine Chance für die polnische Heizindustrie und die Energieversorger, um die deutlich höheren Strompreise für Privathaushalte (die Anfang 2020 im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 20 Prozent gestiegen sind) zu bewältigen, könnte nach Ansicht der Expertinnen und Experten die verstärkte Nutzung von Biomasse als Ersatz für Energie aus Kohle sein.

Ebenfalls im Jahr 2018 argumentierte Hanna Bartoszewicz-Burczy in einer weiteren Analyse, dass Polen einen hohen Anteil an landwirtschaftlichen Flächen und Wäldern hat, was sich also in einem hohen Biomassepotenzial niederschlagen sollte. Sie und andere Befürworter argumentieren, dass die Verbrennung von Biomasse wie Holz- oder Ernteabfällen weniger umweltschädlich sei und darüber hinaus auch nicht in den Geltungsbereich der mit den CO2-Emissionen verbundenen Mechanismen falle.

Der Weg aus der Klimakrise führt in den Wald

Der Deutsche Forstwirtschaftsrat fordert eine wirksame Klimaschutzpolitik und die angemessene Beachtung der Potentiale einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung für den Klimaschutz in entsprechenden Gesetzen, schreibt Georg Schirmbeck, Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, am Tages des Waldes.

In Europa ist das Klima für die Energiegewinnung durch die Verbrennung von Biomasse grundsätzlich recht günstig. Für Länder wie Polen ist es außerdem offenbar wünschenswert, den nationalen Strom- und Wärmesektor auch auf nationale Ressourcen zu stützen.

Allerdings gibt es auch Schwierigkeiten. Zunächst einmal fehlt es noch an einer systemischen Unterstützung für Institutionen, die Energie aus Biomasse erzeugen wollen.

Die Klima-Problematik

Das weitaus größere Thema ist allerdings die Umwelt- und Klimaproblematik. Im November 2019 wurden in Polen neue Lizenzen für die Produktion von erneuerbaren Energien vergeben. Vorgesehen waren auch 20 Milliarden Zloty für den Bereich Biomasse. Die Unsicherheit hinsichtlich der EU-Haltung zur Energiegewinnung durch Biomasse hat die polnische Regierung jedoch dazu veranlasst, die meisten Pläne zum Ersatz von Kohlekraftwerken durch Biomasse-Anlagen (vorerst) nicht aufzugreifen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit Umwelt- und Klima-Themen beschäftigen, haben derweil in einem Brief an die Regierung und an das Parlament eine begrenzte Nutzung von Wald-Biomasse zur Energieerzeugung als potenzielle Alternative bezeichnet.

Sie betonen in ihrem Schreiben allerdings auch, die beste Strategie im globalen Kampf gegen den Klimawandel liege im Schutz der Wälder und in der Wiederaufforstung – nicht in ihrer Abholzung und Verbrennung: „Es ist klar, dass das Verbrennen von Holz aus den Wäldern im großen Stil viel mehr die Biodiversität bedroht und weitere [negative] Auswirkungen auf den Klimawandel hat.“

Dieser Ansicht schließt sich auch der europäische Think-Tank Sandbag an: Im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte dieser einen Bericht mit dem Titel „Spiel mit dem Feuer“. Darin wird aufgezeigt, dass eine verstärkte Nutzung der „erneuerbaren“ Energiequelle Biomasse durchaus zu negativen Klimaveränderungen beitragen kann.

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Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

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