Offshore-Windkraft boomt weiter – aber nicht genug für die Klimaziele

Offshore-Energie ist weiter im Aufwind. [Department of Energy and Climate Change / Flickr]

Im Jahr 2019 wurde in Europa ein Rekord bei der Bereitstellung neuer Offshore-Windkraftkapazitäten aufgestellt. Diese nahmen um 3,6 Gigawatt zu. Das Tempo ist dennoch nicht ausreichend, um die ehrgeizigen Klimaziele der EU zu erreichen. Das zeigen neue Statistiken der Branche, die am gestrigen Donnerstag veröffentlicht wurden.

Zehn neue Offshore-Windparks sind im vergangenen Jahr ans Netz gegangen, so die Zahlen des Branchenverbandes WindEurope.

Fast die Hälfte dieser neu installierten Kapazitäten (1,7 GW) entfiel laut WindEurope auf das Vereinigte Königreich. An zweiter Stelle lag Deutschland (1,1 GW), gefolgt von Dänemark (374 MW) und Belgien (370 MW). Portugal führte kürzlich schwimmende Offshore-Windanlagen ein, die 8 MW an Leistung hinzufügten.

Winds of Change: Sieben Statistiken zur boomenden Windenergie-Branche

2017 war ein Rekordjahr für Offshore-Windenergie in Europa, zeigt ein Bericht von WindEurope. Sieben Statistiken zur boomenden Windenergiebranche.

Die Kosten für neue Offshore-Windparks sind nach Angaben der Industrie derweil weiter deutlich gesunken.

Die Auktionen des letzten Jahres – im Vereinigten Königreich, in Frankreich und den Niederlanden – lieferten für die Verbraucherinnen und Verbraucher neue Preise im Bereich von 40-50 Euro pro MWh, teilte WindEurope weiter mit.

„Europa hat sich 2019 wirklich klar für die Offshore-Windenergie entschieden,“ zeigte sich Giles Dickson, CEO von WindEurope, zufrieden. „Die Auktionspreise haben bewiesen, dass der Bau von Offshore-Windkraftanlagen inzwischen billiger ist als der Bau neuer Gas- oder Kohlekraftwerke.“

Und die Auftragslage verbessert sich weiter: „Letztes Jahr um diese Zeit haben wir uns eine Gesamtkapazität von 76 GW bis 2030 vorgenommen. Jetzt planen wir mit 100 GW,“ fügte Dickson hinzu.

Alles auf Kurs?

Ist also alles bestens?

Nicht ganz: Trotz des soliden Wachstums bleiben neue Offshore-Windprojekte hinter dem Level zurück, das zur Erfüllung der EU-Klimaziele für 2030 erforderlich wäre. Und sie liegen vor allem weit hinter dem Tempo zurück, das nötig wäre, um mit Europas langfristigem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 Schritt zu halten.

Nach Schätzungen der EU-Kommission müsste es innerhalb der Europäischen Union bis 2050 zwischen 230 und 450 GW an Offshore-Windenergie geben, um das Energiesystem zu dekarbonisieren und die Ziele des Green Deal zu erreichen. WindEurope erklärt, dies erfordere eine Erweiterung der Kapazitäten neuer Offshore-Windanlagen um sieben GW pro Jahr bis 2030 und darauf folgend eine weitere Steigerung auf bis zu 18 GW jährlich bis 2050.

Aber: „Das derzeitige Niveau der neuen Anlagen und Investitionen liegt weit hinter [diesem Ziel] zurück,“ warnt der Verband. „Wir bauen derzeit nicht genug, um dieses Ziel zu erreichen; ganz zu schweigen von den ehrgeizigeren Volumina, die erforderlich sind, um die Vorgaben des Green Deal zu erfüllen“, sagte Dickson mit Blick auf die 2050er-Ziele.

Deutschlands Windbranche kränkelt

Die deutsche Windkraftbranche wächst kaum noch. Um das selbstgesteckte Ziele von 65 Prozent erneuerbarer Energien noch zu erreichen, stellt Deutschland erstmals einen stärkeren Ausbau von Offshore-Windparks in Aussicht.

Diese Bedenken werden von Eurelectric, dem Branchenverband der EU-Energieunternehmen, geteilt. „Mehr Windturbinen herzustellen ist kein Problem, man kann die Produktion ziemlich schnell hochfahren“, so Kristian Ruby, Generalsekretär von Eurelectric, gegenüber EURACTIV.com. Das Problem sei aber „der Aufbau der dazugehörigen Netze, die Erteilung der Genehmigungen und die Abnahme dieser zusätzlichen Kapazitäten durch die lokale Bevölkerung. Das sind die wahren Herausforderungen.“

Hindernisse und neue Strategien

Die weitere Verbreitung der Windenergie in Europa stößt auf Hindernisse – hauptsächlich die langwierigen Genehmigungsverfahren und der Widerstand der lokalen Bevölkerung. Die EU-Kommission kündigte daher an, man werde die Probleme in einer neuen „Offshore-Windstrategie“ angehen, die noch vor Ende des Jahres vorgelegt werden soll.

Im Januar erklärte EU-Energiekommissarin Kadri Simson, die neue Strategie werde die Herausforderungen angehen, die mit der „groß angelegten Entwicklung“ von Offshore-Wind- und Meeresenergie (also beispielsweise Gezeiten- oder Wellenkraftwerken) verbunden sind.

Zu diesen Herausforderungen zähle sie „die Auswirkungen auf die Energienetze und -märkte, das Management des Meeresraums und die industriepolitischen Dimensionen“.

Ende der Klimaziele 2030? Geplanter Mindestabstand reduziert Potenzial für Windräder bis zu 50 Prozent

Mit dem geplanten Mindestabstand von 1000 Metern für Windräder wird Deutschland das selbst gesteckte Ziel, bis 2030 auf 65 Prozent erneuerbare Energien zu kommen, mit den neuen Regelungen wohl nicht erreichen, warnt das Umweltbundesamt.

Aus Sicht von Giles Dickson muss die neue EU-Strategie in erster Linie „klar festlegen, wie die erforderlichen Investitionen mobilisiert werden können“, um bis 2050 eine Offshore-Windkapazität von 450 GW zu erreichen. „Entscheidend ist, dass sie einen Masterplan (a) zur Entwicklung der Offshore- und Onshore-Netzanschlüsse und (b) zur angemessenen maritimen Raumplanung vorsieht,“ so der WindEurope-CEO.

Um dies zu erreichen, sei eine „noch engere Zusammenarbeit“ zwischen den Regierungen in der Nord- und Ostsee erforderlich, argumentiert WindEurope. In dieser Hinsicht spiele natürlich auch der Brexit eine Rolle und man müsse sicherstellen, dass das Vereinigte Königreich weiterhin in die Kooperation eingebunden bleibt.

Schließlich stehe Großbritannien „für die Hälfte der europäischen Investitionen in die Offshore-Windenergie in den letzten zehn Jahren“, so Dickson.

Die britischen Inseln werden demnach „der bei weitem größte Markt in Europa“ bleiben.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

Große Windenergie-Pläne in Nordeuropa

Belgien plant eine Verdoppelung der für Offshore-Windparks zur Verfügung gestellten Wasserflächen, während Dänemark den größten Windpark der Welt plant.

Krisengeplagte Windbranche fordert schnelles Handeln der Regierung

Deutschland versucht den Atom- und Kohleausstieg, doch zugleich kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht wie geplant voran. Helfen könnte eine EU-Ausbaustrategie für erneuerbare Energien, meint der Branchenverband.

EU-Kommission ermahnt Deutschland wegen verpasster Frist beim Klimaplan

Die EU-Kommission hat die Bundesregierung wegen des bisher nicht eingereichten nationalen Energie- und Klimaplans ermahnt.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.