Nordsee-Länder wollen ein Drittel der EU mit Offshore-Strom versorgen

Die Erklärung folgt auf das Ziel, bis 2050 in der Nordsee 150 Gigawatt (GW) Strom zu erzeugen, das Belgien, Dänemark, Deutschland und die Niederlande im vergangenen Jahr festgelegt haben. Damit wird das bisherige Ziel verdoppelt und fünf weitere Länder werden an Bord geholt. [Olivier Hoslet / EPA-EFE]

Neun europäische Länder wollen gemeinsam bis 2030 mindestens 120 Gigawatt und bis 2050 mindestens 300 Gigawatt Offshore-Windenergie in der Nordsee erzeugen. Darauf haben die Staatschefs sich am 24. April in Ostende geeinigt.

Die Erklärung folgt auf das Ziel, bis 2050 in der Nordsee 150 Gigawatt (GW) Strom zu erzeugen, das Belgien, Dänemark, Deutschland und die Niederlande im vergangenen Jahr festgelegt haben. Damit wird das bisherige Ziel verdoppelt und fünf weitere Länder werden an Bord geholt.

Auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der Unterzeichnung bezeichnete der belgische Premierminister Alexander De Croo den Gipfel als „Meilenstein“ und begrüßte die neuen Länder – Irland, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Großbritannien – an Bord.

Angesichts der Klimakrise „ist es unser Ziel, ein grüneres Europa zu schaffen, ein Europa, das energieunabhängig ist“, erklärte De Croo.

„Das sind große Ziele“, sagte Simone Tagliapietra vom wirtschaftlichen Think-Tank Bruegel und wies darauf hin, dass die EU derzeit über eine installierte Windkraftkapazität von insgesamt 200 GW verfügt, von denen nur 15 GW offshore sind.

Mit 300 GW Offshore-Kapazität könnten die Nordsee-Staaten ein Drittel des derzeitigen Strombedarfs der EU decken.

Deutschland, Dänemark, Niederlande und Belgien unterzeichnen Nordsee-Windpakt

Die Regierungschefs der Nordseeanrainerstaaten trafen sich am Mittwoch in der dänischen Stadt Esbjerg, um ein Kooperationsabkommen zur Entwicklung der Offshore-Windenergie und des grünen Wasserstoffs zu unterzeichnen.

Stärkung der europäischen Energiesicherheit

Die erhöhte Ambition ist eine klare Replik auf die versuchte Erpressung durch Russland.

„Wir müssen dafür sorgen, dass Putin nicht mehr die Möglichkeit hat, Druck auf uns auszuüben, indem er den Gashahn zudreht, und die Erzeugung sauberer Energie ist der beste Weg, dies zu erreichen“, sagte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte, der hinzufügte, dass „das enorme Potenzial der Nordseeregion hier unverzichtbar ist.“

„Mehr grüne Energie wird unsere Energiesicherheit als Europäer stärken und natürlich auch für verlässliche Energiepreise für unsere Haushalte und unsere Unternehmen sorgen“, so die dänische Premierministerin Mette Frederiksen.

Irlands Taoiseach Leo Varadkar betonte die Notwendigkeit, die Windenergie als Antwort auf den Klimawandel auszubauen. „Wir dürfen keine Zeit verlieren und müssen die Generation sein, die dem Klimawandel und dem Verlust der biologischen Vielfalt Einhalt gebietet“, fügte er hinzu.

Die Erklärung blickt auch über die Nordsee hinaus auf den Atlantik, die Keltische See und die Irische See und besagt, dass sich die Länder „weiter bemühen werden, den Einsatz von erneuerbaren Offshore-Energien und die Anbindung“ in diesen Gebieten zu beschleunigen.

Irland verfügt über ein riesiges Potenzial für Offshore-Windkraft, da die Meeresfläche siebenmal größer ist als die Landmasse, so Varadkar, der mit regionalen Partnern zusammenarbeiten will, um Offshore-Netze und Stromverbindungen zu entwickeln, „von denen wir alle profitieren.“

Neben den Windkraftprojekten wird in der Erklärung auch die „Entwicklung eines gut funktionierenden Marktes und einer Infrastruktur für Wasserstoff“ betont.

Grüner Wasserstoff – der mithilfe von erneuerbarem Strom zur Spaltung von Wassermolekülen hergestellt wird – könnte dazu beitragen, Energie aus Gebieten mit hoher Produktion, beispielsweise mit Offshore-Windenergie, in andere Teile Europas zu übertragen.

„Die Nordsee ist ein Ort, an dem eine Menge Energie für die Zukunft erzeugt werden kann“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz.

Förderung der europäischen Industrie

Unterdessen betonte der französische Präsident Emmanuel Macron die Rolle der europäischen Industrie und verwies auf Frankreichs 40-Milliarden-Euro-Plan, bis 2050 40 GW Windkraft zu entwickeln und 20.000 Arbeitsplätze zu schaffen.

Macron warnte jedoch davor, die Fehler zu wiederholen, die dazu geführt haben, dass Europa seine Solarindustrie an China verloren hat. Die Windkraftindustrie in Europa hat zu kämpfen, denn die fünf Windturbinenhersteller arbeiten 2022 alle mit Verlust.

Laut dem Branchenverband WindEurope ist dies auf langsame Genehmigungen, Probleme in der Lieferkette, internationalen Wettbewerb und schlecht konzipierte Auktionen zurückzuführen, die zu Unterbietungswettläufen führen.

„Im Jahr 2022 hat kein einziger großer Offshore-Windpark in Europa eine endgültige Investitionsentscheidung getroffen“, so Tagliapietra. Ohne politische Unterstützung könnten die Ziele auf dem Papier stehen bleiben, warnte er und forderte den Bau eines „Supernetzes“ für die Nordsee, um die Länder der Region miteinander zu verbinden.

Der niederländische Premierminister Rutte schloss sich der Forderung von Scholz an, die Genehmigungsbedingungen für die Windindustrie zu verbessern. Europa solle auch „weniger abhängig von einem einzigen Lieferanten für unsere kritischen Rohstoffe“ sein, womit er sich auf China bezog.

Europa ist bei den Seltenen Erden, die für die Herstellung der leistungsstarken Magneten in Windturbinen benötigt werden, stark von Peking abhängig. Dies lässt Bedenken aufkommen, dass die EU ihre Abhängigkeit von Russland durch eine Abhängigkeit von China ersetzen könnte.

EDF soll Frankreichs größten Offshore-Windpark bauen

Der französischen Energieriesen EDF hat die Ausschreibung für den Bau des größten Offshore-Windparks des Landes vor der Küste der Normandie gewonnen. Fraglich bleibt, ob das Projekt Gewinn bringen wird.

Sicherheitsbedenken

Die europäischen Staats- und Regierungschefs sprachen auch die Bedenken über die Sicherheit der Offshore-Energieinfrastruktur an, die durch die Sabotage der russischen Nord Stream-Gaspipelines im vergangenen Jahr entstanden sind.

Zuletzt wurde enthüllt, dass russische Schiffe geheim Offshore-Windparks ausgespäht haben sollen.

Auf eine Frage der Presse zur Sicherheit der Offshore-Energieinfrastruktur antwortete De Croo, dass neue Projekte „Sicherheit durch Design“ beinhalten müssen.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte unterdessen, Brüssel verfolge die Situation „sehr genau, denn wir wissen, dass unsere kritische Infrastruktur bedroht ist“. Die Europäische Union hat ihre Vorbereitungen verstärkt und arbeitet mit der NATO an der Sicherheit ihrer Infrastruktur, fügte sie hinzu.

Eine Untersuchung der Sabotage ist im Gange, der dänische Premierminister erklärte, die Behörden seien noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen, da sie noch nicht abgeschlossen sei.

[Bearbeitet von Frédéric Simon/Alice Taylor]

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