NGOs: Kommission muss zwischen guten und schlechten Biokraftstoffen unterscheiden

Es gibt erhebliche Unterschiede in den Emissionsbilanzen von Treibstoffen, beispielsweise aus europäischem Mais oder importiertem Palmöl, betonen NGOs. [Shutterstock]

Eine Gruppe tschechischer und slowakischer Nichtregierungsorganisationen hat die Europäische Kommission aufgefordert, bei der Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EER, bzw. RED II) eine deutliche Trennlinie zwischen nachhaltigerem Ethanol und tropischen Ölsorten, die einen hohen Treibhausgasausstoß haben, zu ziehen.

Die NGOs fordern auch, dass nicht alle Arten von modernen Biokraftstoffen in den Energiemix aufgenommen werden sollten.

„Einige konventionelle pflanzliche Treibstoffe bieten gut dokumentierte Vorteile gegenüber der weiteren Verwendung von Öl als Treibstoff,“ erklärte die NGO-Koalition. Sie wies außerdem darauf hin, dass sich die einzelnen Pflanzenkulturen, die für die Produktion von Agrotreibstoffen verwendet werden, in ihren ökologischen, klimatischen und sozialen Auswirkungen sowie in ihrem Ertrag und ihrer Effizienz unterscheiden.

In dieser Hinsicht wird auch auf den Unterschied zwischen „Agrodiesel“ aus importierten Sojabohnen und Palmöl sowie Zuckerrohrethanol gegenüber Ethanol aus Mais, Weizen oder Zuckerrüben, das in der Europäischen Union verarbeitet wird, hingewiesen.

Die EU braucht "realistischere" Ziele für fortschrittliche Biokraftstoffe

Die EU braucht ein realistischeres Ziel für fortschrittliche Biokraftstoffe im Verkehrssektor, fordern Umweltaktivisten und Industrievertreter.

Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftswelt und der gemeinnützigen Naturschutzorganisationen betont seit Jahren die gravierenden ökologischen und sozialen Auswirkungen, die mit der Produktion von Kraftstoffen aus oder auf Basis von tropischen Ölen verbunden sind. Die Verbrennung solcher Stoffe kann bis zu dreimal höhere Treibhausgasemissionen im Vergleich zu herkömmlichen fossilen Brennstoffen verursachen.

„Agrodiesel aus Sojabohnen und Palmöl oder Zuckerrohr-Ethanol, also Pflanzen, die häufig in ehemaligen Waldgebieten oder anderen wertvollen Biotopen Indonesiens, Amazoniens und Äquatorialafrikas angebaut werden, sind für uns inakzeptabel,“ betonten die NGOs und fügten hinzu, es sei absolut notwendig, die wirtschaftlichste und verantwortungsvollste Art der Herstellung von Agrotreibstoffen anzustreben.

Weiter erklärten sie, dass in Europa produziertes Ethanol auf Pflanzen-Basis – beispielsweise aus Mais, Weizen oder Zuckerrüben – „erhebliche Vorteile für das Klima bringt, indem es Treibhausgasemissionen im Vergleich zu Benzin einspart, selbst wenn die indirekte Landnutzungsänderung (ILUC) berücksichtigt wird“.

Außerdem verringere diese Art der Kraftstoffe „den Druck auf die amerikanischen Ökosysteme, indem importiertes Soja ersetzt und Arbeitsplätze in ländlichen Regionen geschaffen werden.“ Außerdem gebe es Anzeichen dafür, „dass sich der Druck auf die Umwelt in den letzten zehn Jahren, seit die Produktion konventioneller pflanzlicher Brennstoffe in Europa ansteigt, nicht weiter verschärft hat“.

Dekarbonisierung des Verkehrssektors

Die Europäische Kommission hat im Juli 2016 eine europäische Strategie für emissionsarme Mobilität veröffentlicht, in der sie die Notwendigkeit der Dekarbonisierung des Verkehrssektors hervorhebt. Dies sei Teil des EU-weiten Ziels, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu senken.

Nach Angaben der EU-Exekutive entfallen derzeit 25 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in Europa auf den Verkehrssektor.

Biokraftstoffe: Industrie und Landwirte gegen Vorschlag der Kommission

Für viele Landwirte sind Biokraftstoffe eine wichtig Einnahmequelle. Im Gegensatz zu NGOs sehen sie den Vorschlag der Kommission für Biokraftstoffrichtlinien nach 2020 kritisch.

In ihrer neuen Strategie schlägt die Kommission daher vor, kulturpflanzenbasierte Biokraftstoffe bei der Dekarbonisierung des Verkehrssektors zu begrenzen. Nach 2020 sollen diese Kraftstoffe keinerlei Unterstützung in Form von Subventionen mehr erhalten.

Die Exekutive betonte, dass pflanzliche Biokraftstoffe schrittweise abgebaut und durch „fortschrittlichere Biokraftstoffe“ ersetzt werden sollten. Diese Kraftstoffe basieren auf Materialien wie Holzresten oder organischen Abfällen, die nicht mit Nahrungspflanzen konkurrieren. Außerdem dürfen diese Stoffe nicht speziell für Kraftstoff-Zwecke angebaut werden.

„Indem die Europäische Union alle pflanzlichen Kraftstoffe der ersten Generation verbietet und stattdessen alle Arten von pflanzlichen Kraftstoffen der zweiten Generation übernimmt, ohne die individuellen Unterschiede zwischen ihnen zu berücksichtigen, könnte sie sich weiter von den Zielen einer Verringerung der Treibhausgasemissionen entfernen und unwissentlich eine ernsthafte Bedrohung für die Umwelt schaffen,“ warnte allerdings die NGO-Koalition.

Die nächsten Trilogsitzungen zu dem Thema zwischen EU-Kommission, Parlament und Rat finden am 17. sowie am 29. Mai statt. Unter der bulgarischen EU-Ratspräsidentschaft wurden in diesem Feld bisher keine Fortschritte erzielt – und es ist wahrscheinlich, dass das Dossier an die Österreicher, die in der zweiten Jahreshälfte die Präsidentschaft übernehmen, weitergegeben wird.

RED II und Investitionen

Die Position der NGOs wird auch von den vier Visegradstaaten (Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien) sowie von Bulgarien, Lettland und Litauen unterstützt.

In einer gemeinsamen Erklärung hob eine Gruppe der im Biokraftstoffsektor tätigen Landwirte und Verarbeiter hervor, was ihrer Ansicht nach die wichtigsten Vorteile der Biokraftstoffe sind: „Biokraftstoffe auf pflanzlicher Basis spielen derzeit eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung des Verkehrs. Sie reduzieren effektiv die Treibhausgasemissionen, bringen hochwertiges, proteinreiches Tierfutter und verdrängen direkt importierte fossile Brennstoffe.“
Deshalb forderten sie die Kommission auf, das Ziel für erneuerbare Energien im Verkehrssektor nicht zu senken, sondern bis 2030 zu erhöhen.

„Die Maßnahmen zur Förderung der Entwicklung fortschrittlicher Biokraftstoffe müssen vernünftig und realistisch sein – ausreichend, um Investitionen zu fördern, aber nicht so extrem, dass sie zu einer Verwässerung der Nachhaltigkeitsambitionen führen,“ fügte die Gruppe hinzu.

EU-Parlamentarier fordern: Zwischen "guten" und "schlechten" Biokraftstoffen unterscheiden

Der ENVI-Ausschuss des Europäischen Parlaments hat die Kommission aufgerufen, nachhaltige Biokraftstoffe weiterhin im EU-Energiemix zu behalten.

In dieser Hinsicht begrüßte sie auch die Entscheidung des Europäischen Parlaments, (importiertes) Palmöl zu verbieten und setzt sich für ein Verbot von Rohstoffen aus Staaten ein, die das Pariser Klimaabkommen nicht ratifiziert haben.

„Wir treten nachdrücklich für die Gleichbehandlung aller Biokraftstoffe, aller Elektrizität und aller erneuerbaren Kraftstoffe nicht-biologischer Herkunft ein“, heißt es in der Mitteilung der Landwirte und Verarbeiter.

Desweiteren wiesen sie daruf hin, sie verträten Landwirte und Verarbeiter, die Milliarden von Euros in Biokraftstoffe und nachhaltige Rohstoffe investiert haben. Sie hätten Lieferketten geschaffen, die derzeit rund 500.000 Arbeitsplätze in benachteiligten ländlichen Gebieten umfassen.

„Wir haben und werden weiterhin in Ethanol, Biodiesel, Zellulose-Ethanol, Biogas und andere Biokraftstofftechnologien investieren. Mit einer passenden RED II würden wir weiter investieren, gerade in genau diese fortschrittlichen Biokraftstoffe, von denen alle hoffen, dass sie in den kommenden Jahren florieren und rentabel werden. Sollte sich eine schlechte Politik durchsetzen, können wir nicht investieren,“ warnten sie.

Subscribe to our newsletters

Subscribe