Müllverbrennungsanlage in Oslo könnte „CO2-negativ“ werden

Die Müllverbrennungsanlage in Oslo verbrennt jedes Jahr mehr als 400.000 Tonnen Abfall. Nun soll sie "CO2-negativ" werden. [Frédéric Simon]

Eine Müllverbrennungsanlage in der norwegischen Hauptstadt Oslo könnte eine der ersten CO2-negativen Verbrennungsanlagen der Welt werden – sofern die Europäische Kommission die Entscheidung zur Finanzierung einer CO2-Abscheidungsanlage dort trifft. Umwelt- und Klimaschutzorganisationen sind derweil noch nicht überzeugt.

Die Müllverbrennungsanlage in Oslo verbrennt jedes Jahr mehr als 400.000 Tonnen Abfall, hauptsächlich Restmüll aus Haushalten. Um die damit verbundenen Emissionen in den Griff zu bekommen – jede Tonne verbrannter Müll produziert etwas mehr als eine Tonne CO2 – hat die norwegische Regierung beschlossen, ab Januar dieses Jahres eine CO2-Steuer zu erheben.

„Die Höhe dieser Steuer beträgt 149 Norwegische Kronen (ca. 15 Euro) pro Tonne CO2. Und sie wird in den kommenden Jahren steigen, so dass der Druck zunehmen wird, die Emissionen aus der Müllverbrennung ganz zu eliminieren,“ erklärt Jannicke Bjerkas, CCS-Direktorin der Müllverbrennungsanlage, die von Fortum, einem staatlichen finnischen Energieunternehmen, betrieben wird.

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Um die Steuer zukünftig zu sparen, plant Fortum, die Verbrennungsanlage mit einer CO2-Abscheidungsanlage auszustatten, die laut Bjerkas in der Lage sein wird, 90 Prozent der Emissionen der Anlage aufzufangen – also etwa 400.000 Tonnen CO2 pro Jahr.

Nach der Abscheidung wird das CO2 vor Ort in Tankwagen gelagert, bis es per Lkw zu einer Hafenanlage transportiert wird. Von dort aus wird das CO2 per Schiff zu einem Offshore-Rohrsystem gebracht, wo es unterirdisch in Gesteinsformationen tief unter dem Meeresboden verpresst wird.

Das Projekt wurde über Jahre hinweg geplant und ist Teil eines groß angelegten CCS-Projekts (Carbon Capture and Storage, CO2-Abscheidung und -Speicherung) mit dem Namen „Longship“. Der norwegische Staat finanziert den Transport- und Speicherteil des Projekts sowie eine weitere CCS-Anlage in einer Zementfabrik im Land.

Aktuell wartet Fortum auf das letzte Puzzlestück – Gelder der EU: „Wir sind bereit anzufangen, sobald wir die Finanzierung haben,“ erklärte Bjerkas gegenüber EURACTIV.com. „Wir haben eine bedingte Finanzierung durch den norwegischen Staat in Höhe von etwa 300 Millionen Euro oder drei Milliarden norwegischen Kronen. Aber dieses ist bedingt in dem Sinne, dass wir die restliche Finanzierung für das Projekt selbst finden müssen,“ sagte sie. Mit den 300 Millionen sollen sowohl die Investitionskosten als auch eine Betriebsdauer von zehn Jahren abgedeckt werden.

Die endgültige Entscheidung der EU wird für das erste Quartal 2021 erwartet. Das Geld soll aus dem Innovationsfonds kommen, der dem CO2-Markt der EU (dem Emissionshandelssystem ETS) angegliedert ist.

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CO2-negativ

Der Wettbewerb wird allerdings hart: Mehr als 310 Projekte haben sich für den Innovationsfonds beworben, und nur 70 werden in die zweite Phase kommen.

Nichtsdestotrotz glaubt Bjerkas, dass Fortums Müllverbrennungsanlage einige gute Argumente für sich verbuchen kann. „In diesem Fall wird dieses Projekt die Emissionen der Stadt um 15 Prozent reduzieren, und die Emissionen aus der Müllverbrennung in Oslo auf fast nichts,“ lobte sie. Tatsächlich werde die Anlage sogar „kohlenstoffnegativ“, weil 50 Prozent des CO2, das von der Verbrennungsanlage ausgestoßen wird, biologisches CO2 ist, das aus Bioabfall stammt.

„Wenn wir biologisches CO2 abfangen, entfernen wir in der Tat Kohlenstoff aus der Atmosphäre, weil dieses CO2 Teil des natürlichen CO2-Kreislaufs wäre. Mit dieser Anlage zur Kohlenstoffabscheidung wird die Müllverbrennungsanlage in Oslo also in Wirklichkeit negative Emissionen haben,“ fügte sie hinzu.

Die Befürworter sagen, dass das Projekt auch dazu beitragen wird, Europas Abfallproblem zu lösen: Da sich die EU auf dem Weg zu Netto-Null-Emissionen bis 2050 befindet, müssen unter anderem auch Mülldeponien geschlossen werden, da sie große Mengen des Treibhausgases Methan ausstoßen. Trotz der Bemühungen um Recycling und Reduzierung der Mülldeponierung werden im Jahr 2035 wohl immer noch 140 Millionen Tonnen Abfall in Europa endbehandelt werden, schätzt Fortum.

„Wenn wir versuchen, Mülldeponien zu schließen, gibt es Schätzungen, die zeigen, dass wir weitere 100 neue Müllverbrennungsanlagen in ganz Europa bauen müssen,“ so Bjerjkas.

Erneuerbar oder nur "low-carbon"? EU-Länder streiten über Wasserstoff

In der EU stehen sich zwei gegensätzliche Lager gegenüber: die Befürworter von grünem Wasserstoff, der ausschließlich aus erneuerbarem Strom hergestellt wird, und die Befürworter einer breiter gefassten Definition von „CO2-armen“ Produktionsmöglichkeiten, die auch Kernkraft und dekarbonisierte Gase einschließt.

Um die Unterstützung der Europäischen Kommission zu gewinnen, die den ETS-Innovationsfonds verwaltet, haben die Norweger einen ansehnlichen „Return on Investment“ für Europa versprochen: „Wenn die EU dieses Projekt mit ihrem Innovationsfonds unterstützt, wird es ein Projekt von europäischer Dimension werden,“ versprach auch Raymond Johansen, der regierende Bürgermeister von Oslo. „Wir sehen dies als ein Industrieabkommen, von dem ganz Europa profitieren wird, weil es einen Technologietransfer geben wird.“

„Die Zusammenarbeit zwischen den Städten kann wirklich helfen, klimarelevante Themen voranzubringen,“ besonders in den östlichen EU-Ländern, die sich beim Thema Klimaschutz noch zurückhalten, fügte er hinzu.

Grüne Skepsis

Grüne Aktivisten sind ihrerseits skeptisch. „Ich bin froh, dass sie ehrlich sind, was die Tatsache angeht, dass Verbrennungsanlagen hohe Kohlenstoffemissionen verursachen. Zuvor hatte sich die Industrie ja jahrzehntelang als CO2-arm profiliert,“ so Janek Vahk, ein Aktivist bei Zero Waste Europe. Er betont: „Es wird immer klarer, dass wir die Treibhausgasemissionen von Müllverbrennungsanlagen angehen müssen, wenn wir den Abfallsektor dekarbonisieren wollen.“

Allerdings müsse man über Sinn und Zweck von Müllverbrennung-plus-CO2-Speicherung reden und Alternativen aufzeigen, um Abfall von vornherein zu reduzieren. Dies müsse Vorrang haben.

In dieser Hinsicht hat die EU ein verpflichtendes System zur getrennten Sammlung von Bioabfall (bis 2024), Papier (bereits eingeführt) und Textilien (bis 2025) eingeführt, das dazu beitragen wird, die organischen Stoffe zu reduzieren, die immer noch im Restmüll landen, so Vahk. Der norwegische Fokus auf negative Emissionen ist seiner Ansicht nach „falsch – der Fokus sollte auf der Erfassung der organischen Stoffe liegen, die sich noch im Restmüll befinden“, fügte er hinzu.

„Auch für organische Stoffe ist die beste Option immer die biologische Behandlung“, sagte er weiter und bezog sich dabei auf die Umwandlung von organischen Abfällen in Biogas oder Biomethan, einem CO2-armen Kraftstoff, der zur Strom- und Wärmeerzeugung sowie als Transportkraftstoff verwendet werden kann.

„Tatsächlich wird die biologische Behandlung von getrennt gesammeltem Bioabfall als Recycling betrachtet, eine Stufe über der Energierückgewinnung in der EU-Abfallhierarchie,“ sagte er und verwies dabei auf eine Studie, die zeigt, dass Biovergärungsanlagen – oder Biogasanlagen – 20 Mal mehr Energie aus Bioabfall gewinnen als Verbrennungsanlagen.

NGOs und Industrie kritisieren: Müllverbrennung ist keine erneuerbare Energie

NGOs und Unternehmen aus den Recycling-, Forst- und chemischen Industrien haben die europäischen Gesetzgeber aufgefordert, das Verbrennen von nicht-recycelbarem Müll zur Energiegewinnung nicht mehr als „erneuerbare“ Energie anzusehen.

Andere Aktivisten haben ebenso ein grundsätzliches Problem mit der Verbrennung: Ihrer Meinung nach untergräbt der Versuch, die CO2-Emissionen von Müllverbrennungsanlagen zu speichern, andere Versuche, Abfall zu reduzieren und zu recyceln.

„Das derzeitige übermäßige Vertrauen in die Verbrennung hat zu einem Lock-in-Effekt in den Abfallwirtschaftssystemen beigetragen, der ein tatsächlich effektives Recycling verhindert und den Klimawandel verschlimmert,“ sagte auch Vahk. In Großbritannien habe eine kürzlich durchgeführte Recherche gezeigt, dass viele Kommunen Materialien verbrennen, die eigentlich recycelt oder kompostiert werden könnten: „Insgesamt sind wir besorgt, dass Investitionen in CCS, anstatt in ein besseres Abfallmanagement [wie getrennte Sammlung und Sortierung], aufgrund der zusätzlichen Kosten für die CO2-Abscheidung weitere Lock-in-Effekte bei der Verbrennung erzeugen könnten. Wir glauben, dass Abfallmanagement-Strukturen wie Anlagen zur Materialrückgewinnung und zur biologischen Behandlung eine viel bessere Lösung wären.“

Die Skepsis gegenüber CCS in Europa hängt auch mit früheren Misserfolgen zusammen: Im Jahr 2009 hatte die EU-Kommission rund 1,5 Milliarden Euro bereitgestellt, um sechs CCS-Demonstrationsprojekte zu finanzieren, die allerdings nie das Licht der Welt erblickten. Frühere CCS-Projekte waren zudem oft an Kohlekraftwerke gekoppelt, die inzwischen von erneuerbaren Energien verdrängt wurden.

Raymond Johansen, der regierende Bürgermeister von Oslo, ist sich der CCS-Skepsis in Europa bewusst: „In Deutschland sind die grünen Politiker nicht begeistert, also müssen wir sie von der Notwendigkeit der Finanzierung von CCS-Projekten überzeugen.“

Er sei der Ansicht, dass sich die Debatte über CCS seit den Anfängen, als die Technologie von der Kohleindustrie als Mittel zur Verringerung ihrer Emissionen vorgeschlagen wurde, weiterentwickelt habe. Inzwischen beziehen sich CCS-Projekte nicht mehr auf Energieemissionen, sondern auf Schwerindustrien wie die Zementindustrie, bei denen es bisher kaum andere Alternativen zur Energieversorgung gebe.

Auch beim Thema Müllverbrennung habe CCS auf lange Sicht einen guten „Business Case“, glaubt er. „Die Länder sind heute viel positiver gegenüber CCS eingestellt als noch vor zehn Jahren. Wir glauben, dass mit der fortschreitenden Urbanisierung in Europa und auf der ganzen Welt der Bedarf an CCS in Verbrennungsanlagen steigen wird. Allein in Europa gibt es etwa 500 ähnliche Anlagen, die die gleiche Technologie nutzen könnten,“ so Johansen.

Er räumte abschließend ein: „Aber ich muss natürlich sagen, dass dies eine Herausforderung bleibt. Wir sind Norwegen, ein reiches Land, wir haben eine Menge Einnahmen aus der Öl- und Gasindustrie. Und es ist extrem schwierig für uns, auch nur einen begrenzten Betrag an EU-Geldern zu beantragen. Deshalb muss die norwegische Regierung CCS insgesamt unterstützen.“

[Bearbeitet von Josie Le Blond]

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