Milliardengeschäft CO2-Kompensationen: Experten fordern verbindliche Standards

Jedes sogenannte „CER-Zertifikat“ steht dabei für eine Tonne CO2, die zu viel ausgepustet worden und dann andernorts kompensiert worden ist. [kris krüg/Flickr]

Unternehmen kaufen Zertifikate zur Kompensation von CO2, um ihre Emissionen zu mindern. In Zukunft wird Deutschland wohl viele solcher Lizenzen kaufen müssen – doch  bisher fehlen verbindlichen Standards.

Schafft Deutschland es nicht, seine CO2-Emissionen in den kommenden Jahren massiv zu reduzieren, wird die Bundesrepublik vermehrt Emissionszertifikate von anderen Ländern kaufen oder in Kompensationsmaßnahmen investieren müssen. Für beides braucht es einheitliche Regelungen – doch bisher gibt es keine. Auf einer Konferenz zum Thema Klimakompensation am 12. März forderte das Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) die Bundesregierung daher auf, einen einheitlichen Rahmen für den Handel mit Kompensationszertifikaten zu schaffen. Damit soll vermieden werden, dass Umweltsünder drohende Strafen mit günstig erworbenen Zertifikate entgehen – also „greenwashing“ betreiben.

Simon Schäfer-Stradowsky, Geschäftsführer des IKEM, erklärte dazu: „Ich finde es kurios, dass hier keine Regeln festgemacht werden, wo die Kompensationszertifikate doch so ein wichtiger Teil der Energiewende sind. Und weil dahinter ein Milliardengeschäft steckt.“

Deutschland wird Kompensationslizenzen in großen Stil kaufen müssen

Bisher nehmen CO2-Klimakompensationen nur eine Marktnische ein. In den kommenden Jahren dürfte sich das aber ändern. Denn Deutschland hinkt seinen Klimazielen hinterher und wird für die Verfehlung seiner internationalen Vereinbarungen zahlen müssen. Im schlimmsten Fall müssten Emissionsberechtigungen im Wert von bis zu 60 Milliarden Euro aus anderen EU-Ländern gekauft werden, geben die Thinktanks Agora Energiewende und Agora Verkehrswende an.

Damit das nicht geschieht, sieht das von Bundesumweltministerin Svenja Schulze entworfene Klimaschutzgesetz strenge CO2-Grenzen für alle Sektoren vor. Darüber hinaus soll die gesamte Verwaltung der Bundesregierung bis 2030 klimaneutral werden. Bisher gilt das nur für Regierungsflüge. Es ist also absehbar, dass die Bundesregierung in Zukunft Kompensationszertifikate in großer Zahl kaufen müssen wird.

Worum geht es bei den Kompensations-Lizenzen überhaupt? Sie sind Teil eines Handelssystems, das 1997 mit dem Kyoto-Protokoll eingeführt worden war. Industriestaaten können damit Projekte zur Treibhausgasreduktion in Entwicklungsländern finanzieren und sich die Reduktion auf ihr nationales Emissionskonto gutschreiben lassen. Jedes sogenannte „CER-Zertifikat“ steht dabei für eine Tonne CO2, die zu viel ausgepustet worden und dann andernorts kompensiert worden ist. Kompensationsmaßnahmen können Windparks sein, das Pflanzen von Bäumen, oder einfach neue Kochstellen, die mit Photovoltaik statt mit Gas betrieben werden.

Da das Kyoto-Protokoll im Jahr 2020 ausläuft und derzeit ein neues System für Kompensationslizenzen verhandelt wird, setzt das IKEM nun eine strengere Reglementierung des Handels. So soll ein Mindestpreis garantieren, dass der bestehende europäische Emissionshandel nicht von günstigen Kompensationsangeboten untergraben wird. Außerdem soll für Unternehmen eine Deckelung gelten, bis zu der sie Kompensationen kaufen dürfen.

Ungeregelter Markt mit freiwilligen Zertifikaten

Neben den offiziellen CER-Zertifikaten hat sich aber auch ein privater Markt zur Klimakompensation gebildet. Längst kaufen Unternehmen freiwillig CO2-Zertifikate bei entsprechenden Anbietern ein, um ihre Umweltbilanz und ihr Image zu schmücken. Verpflichtende Vorgaben gibt es dabei aber nicht.

Simon Schäfer-Stradowsky fürchtet, dass sich in Zukunft ein „Flickenteppich unterschiedlicher Standards“ bilden könnte, wenn Bund und Länder beginnen, solche Zertifikate einzukaufen. „Wir brauchen ein Maß ähnlich der CER-Zertifikate, an dem sich alle orientieren, sonst schraubt der Preisdruck den Standard herunter“, warnt er.

Schon jetzt sind die freiwilligen Kompensations-Zertifikate umstritten. Zum einen kommen häufig nicht miteinander vergleichbare Methoden zum Einsatz, wenn gemessen wird, wieviel CO2 in einem Projekt eingespart wurde. Zum anderen meinen Experten, dass die Kompensation den öffentlichen Druck mindern könnte, Emissionen zu reduzieren, wenn man sich davon relativ günstig wieder „freikompensieren“ kann. Und laut einer Studie aus dem Jahr 2016 kauft ein Großteil der Unternehmen die Zertifikate nur für CO2-Reduktionen, die sie ohnehin vornehmen müssten.

Da das Geschäft mit freiwilligen Kompensationen in Zukunft wachsen dürfte, wünscht sich das IKEM einen rechtlichen Rahmen für die Zertifikate. „Damit hätten wir einen TÜV für Klimazertifikate“, meint Schäfer-Stradowsky. Unterstützung kommt von Seiten der Anbieter selber, wie dem Reutlinger Zertifikatsunternehmer Stefan Baumeister: „Wenn Deutschlands seine Klimaziele einhalten will, wird es mit Freiwilligkeit allein nicht getan sein. Wir werden einen ordnungspolitischen Rahmen brauchen.“ Dabei sollte die Kompensation von CO2 eigentlich nur das letzte Mittel sein, nachdem alle Möglichkeiten, CO2 gar nicht erst zu produzieren, ausgeschöpft sind, betont er. Das Motto seiner Rede im IKEM lautete daher „Do your best and compensate the rest.“

[Bearbeitet von Alicia Prager und Claire Stam]

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