MEPs sehen Erdgas als „Brückentechnologie“ hin zu erneuerbarem Wasserstoff

Die deutsche Abgeordnete Hildegard Bentele (CDU) fordert die Nutzung von Erdgas als Übergangstechnologie hin zu "grünem Wasserstoff". [Daina LE LARDIC / EP]

Gas sollte als „Überbrückungslösung“ bei der Herstellung von Wasserstoff eingesetzt werden, bis eine rein „grüne Produktion“ aus erneuerbarem Strom ausreichend zur Verfügung steht. So steht es jedenfalls in einem Antrag, der heute im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments angenommen wurde.

„Wasserstoff kann durch eine Vielzahl von Verfahren hergestellt werden,“ heißt es in einer Stellungnahme bezüglich der Wasserstoffstrategie der EU-Kommission, die EU-Parlamentsabgeordnete am Mittwoch verabschiedeten.

Im Entwurf bekennen sich die Abgeordneten „klar zum Übergang zur Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen“ sowie aus Quellen „mit sehr niedrigen CO2-Emissionen“. Dieser  Wandel sei unerlässlich, um die Industrie zu dekarbonisieren und so das Klimaneutralitätsziel der Union bis 2050 zu erreichen.

Gleichzeitig betonen die MEPs aber, dass „während eines Übergangszeitraums Anreize erforderlich sind, um den Ausbau der Nutzung von aus erneuerbaren Quellen und mit sehr niedrigen CO2-Emissionen erzeugtem Wasserstoff in der Industrie und im Verkehr zu schaffen“.

EU-Kommission skizziert Pläne für 100 Prozent erneuerbaren Wasserstoff

Die EU-Kommission hat ihre Pläne zur Förderung von Wasserstoff vorgestellt, der vollständig auf erneuerbarer Elektrizität basiert. Sie fügte jedoch hinzu, dass auch „CO2-armer“ Wasserstoff aus fossilen Brennstoffen unterstützt werden soll.

Die deutsche EU-Abgeordnete Hildegard Bentele (CDU), die den Antrag verfasst hat, erklärte, die EU dürfe keine zusätzlichen Hürden für die Wasserstoffindustrie schaffen, indem man sich ausschließlich auf die Produktion aus erneuerbaren Energien versteift.

„Wir brauchen einen schnellen Übergang zu erneuerbarem Wasserstoff, aber wir brauchen auch eine Brückenfunktion für CO2-armen Wasserstoff,“ so Bentele. Ihr schwebe eine Lösung vor, bei der Wasserstoff aus Erdgas hergestellt und CO2-Abscheidungstechnologie eingesetzt wird, um die Emissionen möglichst gering zu halten.

Die MEPs rufen die EU-Kommission weiter auf, die Vorschriften über die Beimischung von Wasserstoff „kurzfristig zu aktualisieren und zu harmonisieren und die Nachrüstung bestehender und den Bau fehlender Netze zu unterstützen, um Gas mittelfristig durch Wasserstoff zu ersetzen.“ Bis zu 20 Prozent Wasserstoff könnten sicher in bestehende Gasnetze eingemischt werden, ohne dass Pipelines nachgerüstet werden müssen.

Grüne gegen die Stellungnahme

Während diese Statements von den meisten großen politischen Parteien im Umweltausschuss des Parlaments mehrheitlich unterstützt wurden, zeigten sich die Abgeordneten der Grünen nicht damit einverstanden, dass Gas eine derart prominente Position einnimmt. Sie stimmten gegen den Antrag.

„Leider hat sich eine schmutzige Mehrheit herausgebildet, die sich mehr auf die Zukunft der Gasindustrie als auf Umweltfragen konzentriert,“ kritisierte die Grünen-Abgeordnete Jutta Paulus. „Das ist eine verpasste Chance, die Notwendigkeit klarer Umweltstandards für die Produktion von Wasserstoff – sei es in der EU oder aus Importen – und für seine Nutzung zu betonen.“

Mit "blauem Wasserstoff" gegen das Huhn-Ei-Problem

Die Europäische Kommission hat ein klares langfristiges Ziel der Förderung von sogenanntem „grünem Wasserstoff“, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien hergestellt wird. Als Brückentechnologie will man in Brüssel aber auf Wasserstoff auf fossiler Basis in Kombination mit CO2-Speicherung setzen.

Fossile Brennstoffe zu verwenden, um erneuerbaren Wasserstoff zu produzieren, ist auch laut Barbara Mariani, Senior Policy Officer beim Europäischen Umweltbüro, schlichtweg der falsche Ansatz: „Die EU-Gesetzgeber sollten sich darauf konzentrieren, einen strategischeren Ansatz zu wählen, der die Verwendung von wirklich erneuerbarem Wasserstoff für schwer zu dekarbonisierende Sektoren wie den Verkehr priorisiert – anstatt um jeden Preis zu versuchen, die Gasindustrie am Leben zu erhalten.“

Mariani weiter: „Es ist schwer, Lock-in-Effekte zu vermeiden, wenn Milliarden von Euro in eine langwierige und teure Technologie investiert werden, die für die Produktion, den Transport und den Einsatz von klimaschädlichen Formen von Wasserstoff benötigt wird.“

Zertifizierung

Wasserstoff gilt weitläufig als praktisch unverzichtbar für schwer zu dekarbonisierende Sektoren wie die Luftfahrt und Schwerindustrien wie die Chemie, die nicht vollständig auf Strom umstellen können oder Hochtemperaturwärme für ihre Arbeitsprozesse benötigen.

Die Frage ist aktuell, wie man einen wettbewerbsfähigen Wasserstoffmarkt aufbauen und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen reduzieren kann. Derzeit werden noch über 90 Prozent des Wasserstoffs aus fossilen Brennstoffen hergestellt. In der EU ist die Industrie derweil für den Ausstoß von etwa 70-100 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verantwortlich.

Kritiker weisen indes darauf hin, dass der Begriff „kohlenstoffarmer Wasserstoff“ ein eher vages Konzept ist. Erst im vergangenen Jahr bestätigte die Kommission beispielsweise, dass sie Wasserstoff, der aus Atomenergie hergestellt wird, in diese Definition einbeziehen würde.

Kohlenstoffarm ist Atomenergie in jedem Fall; wie nachhaltig sie ist, wäre eine andere Frage. Im aktuellen Antrag des Umweltausschusses wurde das Thema nicht erwähnt – auch, um eine weitere Spaltung unter den Abgeordneten zu vermeiden, so Bentele.

Stattdessen wird in der Stellungnahme eine „umfassende Terminologie und Kriterien für die Zertifizierung von aus erneuerbaren Quellen und CO2-arm erzeugtem Wasserstoff“ seitens der Kommission gefordert. Solche klareren Definitionen und Kriterien würden dann eine gute „Grundlage für künftige Investitionen darstellen“.

Erneuerbar oder nur "low-carbon"? EU-Länder streiten über Wasserstoff

In der EU stehen sich zwei gegensätzliche Lager gegenüber: die Befürworter von grünem Wasserstoff, der ausschließlich aus erneuerbarem Strom hergestellt wird, und die Befürworter einer breiter gefassten Definition von „CO2-armen“ Produktionsmöglichkeiten, die auch Kernkraft und dekarbonisierte Gase einschließt.

Die Parlamentarier betonen des Weiteren die Rolle der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (Carbon Capture and Storage, CSS) bei der Herstellung von CO2-armem Wasserstoff aus Erdgas – auch bekannt als „blauer Wasserstoff“.

Langfristig strebt die EU zwar an, ausschließlich auf erneuerbaren Wasserstoff zu setzen. Die Kommission hat jedoch eingeräumt, dass sie blauen Wasserstoff in einer Übergangsphase fördern wird. “Wir müssen die Nachfrage nach und das Angebot von Wasserstoff beschleunigen, und das können wir nur dann in der erforderlichen Geschwindigkeit tun, wenn wir dem blauen Wasserstoff eine wichtige Rolle zuteilen,” so beispielsweise Diederik Samson, der Stabschef des Vizepräsidenten der Europäischen Kommission Frans Timmermans, kürzlich.

Die EU ist derzeit weltweit führend im Bereich Wasserstoff, steht aber im scharfen Konkurrenzkampf mit den Vereinigten Staaten und China.

In den USA kündigte Präsident Joe Biden an, „fortschrittliche Forschungsprojekte“ vorantreiben zu wollen, die sich auch auf Klimatechnologien konzentrieren. Ein Ziel ist es demnach, erneuerbaren Wasserstoff zu den gleichen Kosten zu produzieren wie aktuell die Herstellung mit Hilfe von Schiefergas.

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

Europäische Investitionsbank: "Gas ist vorbei"

Europa muss anerkennen, dass seine Zukunft nicht mehr in den fossilen Brennstoffen liegt, betonte EIB-Präsident Werner Hoyer gestern.

EU-Kommission: Aus Atomkraft produzierter Wasserstoff ist "CO2-arm"

Die Europäische Kommission wird aus Atomkraft erzeugten Wasserstoff künftig als „CO2-arm“ betrachten, erklärte eine hochrangige EU-Beamtin.

Recovery-Gelder für Erdgas: EU-Parlament macht den Weg frei

Am heutigen Montag stimmen die Europaabgeordneten im Wirtschafts- und Haushaltsausschuss über das Konjunkturpaket der EU ab. Das vom Umweltausschuss vorgeschlagene Verbot, Mittel für fossile Brennstoffe auszugeben, wird jedoch nicht in der endgültigen Einigung enthalten sein.

Supporter

Mitsubishi Heavy Industries







Subscribe to our newsletters

Subscribe