Malaysia will am EU-Markt bleiben und setzt auf „nachhaltiges Palmöl“

Frucht des Anstoßes: Palmöl von malaysischen Großplantagen ist von der EU als "nicht nachhaltig" eingestuft worden und soll daher spätestens 2030 nicht mehr eingesetzt werden. [Claire Stam]

Malaysia wird Ende Februar eine Delegation nach Europa entsenden, um seine neu beschlossenen Maßnahmen zur nachhaltigen Gestaltung der Palmölproduktion vorzustellen. Damit soll ein schrittweiser Palmöl-Ausstieg der Europäischen Union bis 2030 umgangen werden.

Sounam Kumin ist ein 65-jähriger malaysischer Kleinbauer, der seit etwa 20 Jahren Palmöl anbaut. Auf seinen vier Hektar produziert er rund sechs Tonnen Palmfrüchte, aus denen das so umstrittene Öl gewonnen wird. Das bringt ihm etwa 400 Euro im Monat ein – genug, damit er und seine Frau davon leben können, sagt er.

Um die möglichen Auswirkungen eines europäischen Verbots abzufedern, hat er begonnen, seine Produktion auf den Anbau anderer landwirtschaftlicher Produkte wie Ananas und Bananen umzustellen.

„Ich will nicht von nur einem Produkt abhängig sein,“ erklärt er.

Palmöl-Verbot: Malaysia droht mit Gegenmaßnahmen

Die Entscheidung des EU-Parlaments, Palmöl als Biokraftstoff zu verbieten, sei „drastisch und diskriminierend“, so Malaysias Rohstoffminister Datuk Seri Mah Siew Keong.

Kaum ein anderes Naturprodukt ist in Europa so umstritten wie Palmöl. Dennoch ist es das weltweit am meisten verwendete (Speise-)Öl, das in unzähligen Produkten – von Margarine bis zu Keksen, von Seife bis zu Suppen – zu finden ist. Und eben auch in Biokraftstoffen.

Die Lebensmittelindustrie steht für etwa 70 Prozent des weltweiten Palmöl-Verbrauchs. Der globale Markt wird derzeit auf einen Wert von rund 55 Milliarden Euro geschätzt und soll bis 2021 gar 80 Milliarden erreichen. Zum Vergleich: Der europäische Biodieselmarkt wird auf „nur“ neun Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Nach Angaben der malaysischen Regierung werden allerdings satte 74 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Malaysias für die Palmölproduktion genutzt. Sounam Kumin ist einer von rund 600.000 Kleinbauern, die von der Palmölindustrie abhängig sind. Ihnen gehören rund 40 Prozent der für Palmölplantagen genutzten Flächen.

Doch die Industrie steht seit einigen Jahren unter genauer Beobachtung: Umweltaktivisten ebenso wie die Endverbraucherinnen und -verbraucher achten auf den kontroversen Inhaltsstoff, der unter anderem mit Abholzung, Waldbränden und Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern in Entwicklungsländern in Verbindung gebracht wird.

Palmöl auf der „schwarzen Liste“

Mit Verweis auf die Umweltaspekte hat die Europäische Kommission im vergangenen Jahr im Rahmen ihrer Richtlinie über erneuerbare Energien (RED II) einen delegierten Rechtsakt vorgelegt, der Palmöl aus großen Plantagen als „nicht nachhaltig“ einstuft.

Mit dieser Klassifizierung wurde Palmöl auf die „schwarze Liste“ derjenigen Biokraftstoffe gesetzt, die in der EU gemäß REDII bis 2030 schrittweise abgeschafft werden sollen. Dies wäre sowohl für Indonesien als auch für Malaysia, die beiden weltweit größten Palmölproduzenten, ein schwerer Schlag.

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Malaysias Palmöl-Abhängigkeit

Sounam Kumin ist sich des überaus negativen Images von Palmöl in Europa bewusst. Seine eigenen Erzeugnisse sind bereits als „nachhaltiges Palmöl“ zertifiziert. Er erklärt, er habe sich für den Umstieg entschieden, um der neuen Politik seines Landes zu entsprechen.

„Die Zukunft von Palmöl liegt in der nachhaltigen Produktion entlang der gesamten Lieferkette,“ erklärte auch Teresa Kok, Malaysias Ministerin für die Primärindustrie, im November gegenüber der internationalen Presse.

Kuala Lumpur hatte im März 2019 beschlossen, die Ausweitung der Ölpalmenplantagen auf 6,5 Millionen Hektar zu begrenzen. Das sind zwar mehr als die 5,85 Millionen Hektar, die 2018 bewirtschaftet wurden; dies sei aber notwendig gewesen, um den Produzenten, die beispielsweise bereits Land gekauft haben, eine gewisse Flexibilität zu geben, erklärte die Ministerin.

Die Regierung werde darüber hinaus aber die weitere Erschließung von Torf- und Moorgebieten einschränken, die Umwandlung von Waldreservaten in Palmölplantagen verbieten und eine offizielle Kartografie der bestehenden Plantagen erstellen, fügte sie hinzu.

Außerdem werde erwartet, dass Malaysia bis Ende des Jahres alle seine Palmenplantagen als nachhaltig zertifiziert haben wird. Dabei wolle die Regierung insbesondere den Kleinbauern Unterstützung bei der Zertifizierung bieten.

Bisher haben bereits gut 60 Prozent der gesamten Ölpalmenfläche des Landes die malaysische Zertifizierung für nachhaltiges Palmöl (MSPO) erhalten, erläuterte Kok damals. Die Zertifizierung verlange von den Produzenten die Einhaltung bestimmter Umwelt- und Arbeitsrechte-Standards.

Das südostasiatische Land strebe nun an, bis Ende Februar 70 Prozent seiner Ölpalmenflächen MSPO-zertifiziert zu haben.

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Nach Angaben der Organisation Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) werden rund 13 Millionen Tonnen oder 21 Prozent der weltweiten Palmölversorgung als „verantwortungsbewusst“ und „nachhaltig“ zertifiziert. Der RSPO ist ein freiwilliges Zertifizierungssystem, zu dessen Mitgliedern Rohstoffproduzenten, -händler und -käufer sowie NGOs in rund 90 Ländern gehören.

Das Problem sei allerdings, dass nur die Hälfte dieser Produktion tatsächlich verkauft wird: „Wir sehen keine neue Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl,“ räumt Simon Lord, Nachhaltigkeitschef von Malaysias größtem Palmölproduzenten, Sime Darby Plantation, ein.

Er selbst hat die Einrichtung einer frei zugänglichen Plattform angestoßen, die es der Öffentlichkeit ermöglicht, alle Quellen von Sime Darbys Palmöl bis auf die Ebene der Ölmühlen zurückzuverfolgen. So soll den potenziellen Käuferinnen und Käufern die Sicherheit gegeben werden, dass die Firma keinerlei Abholzung, Moorzerstörung oder sonstige Ausbeutung (No Deforestation, Peat and Exploitation, NDPE) betreibt.

Mit Plantagen in Malaysia, Indonesien, Papua-Neuguinea, Liberia und auf den Salomon-Inseln ist Sime Darby der größte Ölpalmen-Plantagenbetrieb der Welt nach Anbaufläche und produziert etwa vier Prozent des globalen Rohpalmenöls. Das Unternehmen ist in insgesamt 14 Ländern tätig.

Abholzung und Umweltzerstörung

Grund für diese geringe Nachfrage sei, dass die Konsumgüterfirmen bei der Unterstützung einer nachhaltigen Palmölproduktion hinterherhinken, zeigt die am 17. Januar veröffentlichte Palm Oil Buyers Scorecard des Umweltschutzverbandes WWF.

Die Mitglieder der Branchenplattform Consumer Goods Forum (CGF) haben sich zu „entwaldungsfreien Lieferketten“ bis 2020 verpflichtet. Die Scorecard zeigt jedoch, dass es in der Praxis wenig Fortschritte gibt, da nur zehn von 53 Mitgliedern die oberen zehn Prozent der Bewertungsskala erreichen, so der WWF in einer Erklärung.

Etwa ein Viertel der bewerteten Unternehmen investiert hingegen in Initiativen in Gebieten, die für nicht-nachhaltige Palmölentwicklung bekannt sind, und fast ein weiteres Viertel der Unternehmen hat noch immer überhaupt keine Zusagen für nachhaltiges Palmöl gemacht, fügte die Organisation hinzu.

Abholzung und Rodung: Großkonzerne äußern sich nicht

Fast drei Viertel der Unternehmen mit einem signifikanten Einfluss auf die Wälder der Erde haben keine Daten über ihre Auswirkungen auf die globale Abholzung im Jahr 2018 vorgelegt.

„Diese Ergebnisse zeigen, dass freiwillige Vereinbarungen eindeutig nicht ausreichen, um die globale Abholzung und ihre verheerenden Auswirkungen auf den Verlust der biologischen Vielfalt und den Klimawandel zu bekämpfen,“ kommentiert Anke Schulmeister-Oldenhove, leitende forstpolitische Referentin beim WWF EU-Büro.

„Da der Verbrauch von Palmöl, aber auch von Rindfleisch, Soja, Kakao, Mais und anderen Rohstoffen in der EU eine wichtige Triebkraft für die Abholzung der Wälder ist, sind in der EU entschiedene gesetzgeberische Maßnahmen erforderlich, um sicherzustellen, dass nur Produkte ohne derartige Abholzung die europäischen Verbraucherinnen und Verbraucher erreichen,“ so Schulmeister-Oldenhove weiter.

Simon Lord spricht sich derweil für eine „bessere“ Unterscheidung zwischen konventionellem und nachhaltigem Palmöl aus.

„Es stimmt, dass der nicht-freiwillige Markt 80 Prozent ausmacht und die freiwillig im RSPO mitwirkenden Personen für nur 20 Prozent der weltweiten Produktion stehen. Aber machen wir für diese 20 Prozent einen Unterschied? Die Antwort lautet leider nein.“

„Ja, es gibt kriminelle Elemente in der Branche. Und ja, einige der Handlungen bestimmter Palmölerzeuger könnten durchaus als Verbrechen eingestuft werden. Aber wir müssen dennoch unterscheiden,“meint er und bemüht einen Vergleich: „Es ist, als ob man sagen würde, alle Apfelbauern seien schlecht, weil es diesen einen Bauern gibt, der osteuropäische Arbeiter ausnutzt und sie schlecht behandelt.“

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Er rief die EU auch auf, Palmöl nicht als „einzigen Schuldigen“ für die Abholzung und andere Umweltprobleme anzuprangern: „Macht es Sinn, eine Kulturpflanze herauszupicken und zu sagen, dass wir jetzt wegen der Entwaldung und der Arbeitsbedingungen ein Exempel statuieren, während wir andere Kulturen – wie zum Beispiel Soja, das im Amazonasgebiet auf gerodeten Flächen angebaut wird – ignorieren?“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic, Gerardo Fortuna und Tim Steins]

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