Lobby: Einsatz von Gas spart 4,1 Billionen Euro bis 2050

Eine Öl- und Gasraffinerie. Geht es nach der Gaslobby, wird Gas - das deutlich emissionsärmer ist als Kohle - der Schlüssel zur Klimaneutralität. [Travel mania/ Shutterstock]

Die europäische Gaslobby hat selber errechnet, wie die EU bis 2050 klimaneutral werden kann. Die Antwort ist wenig überraschend: Durch den Einsatz von Erdgas und die Speicherung von Kohlenstoff.

Während die EU Kommission daran arbeitet, ihren Energiesektor grundlegend umzugestalten, kämpft die Gasbranche für den Erhalt von Gas im zukünftigen Energienetz. Am heutigen Dienstag (30. Juni) veröffentlicht der europäische Lobbyverband Eurogas eine Studie, die ein Szenario hin zur Klimaneutralität aufzeigt und dieses mit dem von der Kommission gezeichneten Weg bis 2050 vergleicht. Das Fazit: Durch den großflächigen Einsatz von Gas ließen sich bis zur Mitte des Jahrhunderts 4,1 Billionen Euro im Vergleich zum Vorschlag der Kommission einsparen.

Die Studie, welche Eurogas von der Beratungsfirma DNV GL hat berechnen lassen, bezieht sich auf eine der acht Szenarien der EU-Strategie „Clean Planet for all“ von 2018. Darin sieht sie Kommission im sogenannten „1.5Tech-Szenario“ vor, Klimaneutralität mithilfe einer Reihe von Maßnahmen und dem großflächigen Einsatz von CO2-Speicherungstechniken zu erreichen.

Deutschlands erste Wasserstoffstrategie steht

Erstmals ist Deutschlands Plan für eine Wasserstoffstrategie bekannt geworden. Der Entwurf sieht den Einsatz des CO2-freien Gases in Industrie und Verkehr vor und verspricht viele Millionen für die Forschung. Am Ende wird aber ein Großteil aus dem Ausland eingekauft werden.

Elektrisierung ist teuer

Anders als im Vorschlag der Kommission setzt Eurogas allerdings deutlich weniger auf Elektrisierung und den Ausbau Erneuerbarer Energien. Stattdessen soll bis 2050 mehr Gas fließen, im Non-ETS Bereich insgesamt 16 Prozent mehr als noch 2017. Auch die Kommission rechnet mit dem Einsatz verschiedener Gas-Arten, plant insgesamt aber eine Reduktion um 32 Prozent beim Primärenergiebedarf.

Das Hauptargument von Eurogas: Der Einsatz von Gas ist deutlich günstiger als die Umrüstung auf Strom. „Wir haben gezeigt, dass eine diversifizierte Energiewende kosteneffizienter ist, als wenn man alle Äpfel in einen Korb tut und nur auf Elektrisierung setzt“, sagt Eurogas-Chef James Watson im Gespräch mit EURACTIV Deutschland.

Vor allem im Gebäudesektor sieht er großes Einsparpotential. „Mit dem Einsatz von Gas sparen wir viel am Ausbau lokaler Stromnetze. Besonders die Kosten für Haussanierungen sind deutlich geringer: Statt eine elektrische Wärmepumpe oder Wärmespeicher zu installieren, was extrem teuer ist, könnte einfach der Gasboiler ausgetauscht werden, damit er mit Wasserstoff funktioniert,“ so Watson. Dazu müsse die Energieeffizient von Gebäuden bis 2030 um etwa 30 Prozent verbessert werden.

Für Eike Velten, Expertin für Dekarbonisierung am Ecologic Institut, ist das zu kurz gedacht. Betrachte man die gesamte Lieferkette von blauem Wasserstoff – also die Gewinnung von Erdgas, dessen Transport, den Reformprozess und die anschließende CO2-Speicherung – komme das Gas mit großen Energieverlusten daher. „Die Technologie ist daher in bestimmten Bereichen sinnvoll wie der Industrie, dem Schwerlastverkehr, optionale längerfristige Speicherung, aber nicht – wie in der Studie vorgesehen – als Energieträger für die Versorgung von Gebäuden“, schreibt sie auf Anfrage. Eine Elektrifizierung des Gebäudesektors sei daher sinnvoller und längerfristig kostengünstiger.

Insgesamt sei es ohnehin nicht ratsam, sich auf eine einzige Strategie festzulegen, fügt Velten hinzu. „Die Politik sollte sich besser so viele Möglichkeiten wie nur möglich offen halten“ und stattdessen klimafreundliche Innovationen und Lebensweisen fördern.

Viel Hoffnung auf Kohlenstoffspeicher

Sowohl die EU-Kommission als auch Eurogas gehen davon aus, dass es auch 2050 noch fossiles Gas im Energienetz geben wird. Unterschiedliche gibt es aber in der Zusammensetzung: Während im EU-Szenario der Anteil des Erdgases im Energiemix bis 2050 um etwa die Hälfte reduziert wird, nimmt der Anteil bei Eurogas kaum ab und macht noch immer ein Drittel des Gasmixes aus.

Primärenergieversorgung nach dem 1.5TECH Szenario der EU und dem Eurogas-Szenario [Quelle: Eurogas]

Dafür soll deutlich mehr Wasserstoff zum Einsatz kommen, als 2018 von der EU skizziert. 2050 sollen grüner (aus erneuerbaren Energien gewonnener) sowie CO2-neutraler Wasserstoff (hergestellt aus fossilem Gas unter Abschneidung und Speicherung des Kohlenstoffs, CCU / CCS) 29 Prozent des gesamte Gasbedarfs decken. Auf Biomethan würden 16 Prozent entfallen, Erdgas deckt die verbleibenden 55 Prozent.

Biomethan ist allerdings nicht unumstritten, da der Anbau der benötigten Pflanzen viel Landfläche eingenommen wird. Für Eurogas ist dies dennoch der Schlüssel, um mithilfe von CCS-Technologien negative Emissionen zu erzeugen, denn Biomasse gilt beim Verbrennen als CO2-neutral.

Bislang bleibt die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff aber reine Fantasie. Noch gibt es keine großen CCS- Anlagen in der EU, die Technologie gilt aus umstritten und unerprobt.

Dass es ohne die Abschneidung von Kohlenstoff aber nicht gehen wird, hat auch die EU-Kommission längst zugegeben. Aus einem inoffiziellen Entwurf ihrer Wasserstoff-Strategie, die sie am 8. Juli vorstellen möchte, geht hervor, dass sie noch vor 2024 CCS-Anlagen mit einer Kapazität von 100 Megawatt bauen und dafür zwischen einer und sechs Milliarden Euro investieren möchte. Die Produktion von fossil-freiem Wasserstoff bleibt laut des Dokuments aber „klare Priorität“.

Kapazitäten für Erneuerbare Energien 2019 weltweit auf Rekordniveau

Im vergangenen Jahr sind weltweit rund 280 Milliarden Dollar in den Ausbau Erneuerbarer Energien investiert worden – rund ein Prozent mehr als im Vorjahr, aber rund zehn Prozent weniger als im Rekordjahr 2017. Das geht aus einem aktuellen Bericht über globale Investitionen in Erneuerbare Energien hervor.

Ein „fossiles Milliarden-Euro-Grab“?

James Watson findet diese Priorisierung falsch: „Letztendlich ist das Ziel die Klimaneutralität. Wir sollten neutrale Wegen finden, dorthin zu kommen, statt ein Element mehr als die anderen zu fördern.“ CO2-befreites Erdgas bleibe schlicht der günstigste Weg, die Klimaziele der EU zu erreichen, „und dabei die Menschen mitzunehmen, die die hohen Kosten der Energiewende fürchten.“ Gas-Unternehmen wünschen sich daher verbindliche Quoten für Wasserstoff in den verschiedenen Sektoren, ähnlich wie es die Erneuerbare-Energien Richtlinie der EU für fortschrittliche Biokraftstoffe im Transportsektor vorsieht.

Umweltvertreter warnen dagegen vor dem Einfluss der Gaslobby auf die EU-Kommission. Besonders jetzt, wo die Wasserstoff-Strategie und die Revision der transeuropäischen Energieinfrastruktur (TEN-E) anstehen, sei ein kritischer Moment erreicht. Dabei dürften keine weiteren Finanzhilfen in die Infrastruktur für fossile Gase mehr fließen, wie somit fossile Energieträger über Jahrzehnte im Energiemix festgeschrieben würden, mahnen sie. Die dafür vorgesehenen Milliarden Euro könnten schnell in einem „fossilen Milliarden-Euro-Grab landen“, so der grüne Europaabgeordnete Michael Bloss.

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